I. Einführung: Toleranz von Homosexualität als Kulturerbe

Mit Blick auf linke und rechte Politiker, die sich bei nationalen Feiern der Homosexuellen wie den Amsterdamer Gay Pride und dem Roze Zaterdag (dt. Rosa Samstag) vordrängen, um ihre Aufgeschlossenheit gegenüber Homosexuellen zu zeigen, scheint die Akzeptanz Homosexueller in den Niederlanden eher niederländisches Kulturgut zu sein als ein noch anzustrebendes Ziel einer Emanzipationsbewegung. Dass Neulingen in den Niederlanden Toleranz gegenüber Homosexualität als wichtiger Teil „der“ niederländischen Normen und Werte präsentiert wird, verstärkt das Bild noch. Auch international sind die Niederlande bekannt für ihre weitgehende gesetzliche Gleichbehandlung von Homosexuellen und Heterosexuellen. Zweifellos verantwortlich für dieses homosexuellenfreundliche Image ist, dass die Niederlande das erste Land der Welt waren, das die Zivilehe für Partner gleichen Geschlechts ermöglichte.

Auf den ersten Blick scheint dann auch im 21. Jahrhundert die Akzeptanz der Gruppe von Männern und Frauen, die sich selbst als homo- oder bisexuell bezeichnen – etwa fünf Prozent der niederländischen Bevölkerung –, kein Grund zur Sorge mehr zu sein. Unter der Oberfläche erweckt die gegenwärtige Toleranz gegenüber Homosexualität jedoch den Eindruck, nicht ohne wenn und aber zu sein. Nicht nur nimmt das Gefühl von Unsicherheit auf der Straße bei homosexuellen Männern und Frauen in den letzten Jahren zu. Auch homosexuelle Schüler verüben fünfmal häufiger Selbstmordversuche als ihre heterosexuellen Klassenkameraden.[1] Aus regelmäßigen Studien des Sociaal Cultureel Planbureau (dt. Soziales und Kluturelles Planbüro, SCP) zur Akzeptanz von Homosexualität geht hervor, dass die niederländische Toleranz gegenüber Homosexualität bei vielen Niederländern an eine Voraussetzung geknüpft ist: Homosexuelle sollten nicht zu deutlich zeigen, dass sie homosexuell sind. Kurz gesagt, sie werden toleriert, solange sich Homosexuelle „normal“ verhalten.[2]

Wie kann man diese Situation verstehen – eine Situation, in der Toleranz gegenüber Homosexualität einerseits als niederländisches Kulturgut präsentiert wird, und diese andererseits nur unter der Vorgabe gilt, dass Homosexuelle nicht zu sehr vom durchschnittlichen Niederländer abweichen dürfen? Eine kurze Skizze der niederländischen Homosexuellenbewegung, ihren Herausforderungen und Hürden im 20. und 21. Jahrhundert kann hier einige Einblicke verschaffen.

Dieses Dossier besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil wird die Situation der Homosexuellen in den Niederlanden in der Zeit zwischen den Weltkriegen beschrieben. Das geht nicht ohne eine kurze Skizze des Begriffs und des Phänomens der Homosexualität. Die meiste Aufmerksamkeit soll dem Kampf der ersten niederländischen Organisation für die Rechte Homosexueller und insbesondere dem Kampf des Freiherrn Jacob Schorer gegen die antihomosexuellen gesetzlichen Bestimmungen in den Niederlanden gewidmet werden. Die Folgen der deutschen Besatzung für die niederländischen Homosexuellen und deren Bewegung wird in diesem Abschnitt ebenfalls kurz besprochen.

Im zweiten Teil des Dossiers steht der Kampf der Homosexuellenbewegung ab 1945 bis Ende der 1970er Jahre im Mittelpunkt. In diesem Zeitraum wurde das vorsichtige Manövrieren einiger homosexueller Vorkämpfer im repressiven Klima des Wiederaufbaus durch eine laute und provozierende Behauptung der „eigenen“ schwulen und lesbischen Identität durch verschiedene schwule und lesbische Aktionsgruppen ersetzt.

Im dritten Teil wird auf den Kampf der Homosexuellenbewegung für gleiche Rechte eingegangen, der vor allem in den 1990er Jahren Früchte trug. Auch wird in diesem Teil auf die Situation eingegangen, in der sich die Homosexuellenbewegung heute befindet.


[1] Vgl. Keuzenkamp, Saskia et al. (Hrsg.): Gewoon anders. Acceptatie van homoseksualiteit in Nederland, Den Haag 2010.
[2] Vgl. ebd.; Keuzenkamp, Saskia et al. (Hrsg.): Gewoon doen. Acceptatie van homoseksualiteit in Nederland, Den Haag 2006.

Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012