XI. Hetero spielen

Obwohl die „Homoehe“ (im Volksmund irrtümlich genannt ) heutzutage das selbstverständliche Ziel jeder sich selbst respektierenden Homosexuellenbewegung zu sein scheint, jubelten Ende der 1980er Jahre nicht alle Homosexuelle, als die populäre Gay Krant (bzw. die Stichting de vrienden van de Gay Krant, dt. Stiftung Freunde der Gay Krant) und ihr Chefredakteur Henk Krol  Lobbyarbeit für die Möglichkeit betrieben, als homosexuelles Paar heiraten zu können. Nicht nur homosexuelle Wissenschaftler runzelten die Stirn über die „Anziehungskraft des Normalen“, auch das COC war zuerst kein Befürworter einer derartigen Gesetzesänderung. Das Streben nach einer „Homoehe“ wurde nämlich als eine Anpassung an die Heteronorm betrachtet, die die Gesellschaft in all ihren Facetten bereits so durchdringend bestimmt. Dieses „bürgerliche Streben“ nach einer Ehe wurde als ein Verhalten entlarvt, das zeigte, dass man nicht „anders“ als die Heteros ist, sondern eigentlich „genau das Gleiche“. Wo bleibt der Stolz, der gay pride, wofür die Homosexuellen in den 1970ern noch standen, wenn man im Rathaus schüchtern ja zueinander sagt? Das COC argumentierte darum zunächst, dass Homosexuelle gerade ihre Freiheit umarmen mussten, um eigene Beziehungsformen zu schaffen. Anders als in Heterobeziehungen müssen Homosexuelle sich nicht vom Zwang zur Monogamie und den festen Rollen befreien, die Mann und Frau in der Beziehung besetzen. Als Außenstehende haben Homosexuelle die Möglichkeit, alternative Formen des Zusammenlebens zu entwickeln.

Daneben ritt das COC eine direktere Attacke auf die Ehe als Institution. Sie wurde als diskriminierend betrachtet, weil sie verheiratete Menschen vorzieht, indem diesen spezielle Rechte zuerkannt wurden. Beim COC wurde die Frage aufgeworfen, worauf genau man sich nun mit dieser patriarchalischen Institution einlässt und ob es nicht besser wäre, die Ablehnung dieser patriarchalischen, veralteten Einrichtung und eine Veränderung der Ehestandsgesetzgebung anzustreben. Eine „Homoehe“ würde diese Institution und die zugehörige Idee der Familie als Eckpfeiler der Gesellschaft noch mehr stärken. Der frühere Vorsitzende des COC Benno Premsela wies zum Beispiel nicht nur auf die Illusion von Dauerhaftigkeit hin, die mit der Heirat verbunden ist, sondern auch auf negative Folgen der Ehe, die die feministische Bewegung bereits gezeigt hatte: Sie hält Menschen (und in der Heteroehe waren das die Frauen) in einer Position der Abhängigkeit. Genau darum beklagte Anja van Kooten-Nieker  als Vorsitzende des COC (1989-1994) dieses Streben der homosexuellen Paare nach dem Trauschein.

Allerdings kamen viele Heiratsskeptiker nicht um das Argument umhin, dass auch Homosexuelle das Recht haben mussten, sich zu entscheiden, nicht in den Hafen der Ehe einzulaufen und gegen diesen Lebensentwurf zu protestieren. Und dafür muss es erst die juristische Möglichkeit geben, heiraten zu können. Im Jahr 1995 ließ das COC auch andere Töne hören: Obwohl es der traditionellen Ehe als Institution noch immer argwöhnisch gegenüber stand, wollte es zusammen mit der Gay Krant die Lobbyarbeit für die Öffnung der Ehe fortsetzen. Inzwischen wuchs die Zahl der Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe in der niederländischen Gesellschaft schnell und eine Gesetzesänderung war nicht mehr aufzuhalten. Der Vorschlag wurde sogar von einer Reihe von Mitgliedern der Zweiten Kammer gegen den Wunsch ihrer christlichen Partei unterstützt. Damit waren die Niederlande das erste Land der Welt, in dem Homosexuelle wie Heterosexuelle heiraten durften.


Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012