XII. Die Herausforderungen der heutigen Homosexuellenbewegung

Mit der Öffnung der zivilen Ehe war der Weg frei, um mit weiteren hinderlichen Praktiken und Gesetzen aufzuräumen. Das COC machte sich für das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare und lesbische „Mitmütter“ stark. Trotz der massiven Kritik, die das COC von vielen anderen Akteuren der Bewegung einstecken musste, hat das COC auch anno 2012 das Kriegsbeil noch lange nicht begraben. Es gibt noch viele diskriminierende Bestimmungen in der Gesetzgebung und Praktiken, die auf die politische Agenda gesetzt werden können. So wird immer noch die Blutspende aller homosexuellen Männer abgelehnt. Ein Problem, das mehr Medienaufmerksamkeit anzieht, sind die sogenannten „weigerambtenaren“ (dt. Verweigerungsbeamte ). Bis heute dürfen sich Standesbeamte noch aus prinzipiellen Gründen weigern, eine Zivilehe zwischen homosexuellen Paaren zu schließen. Des Weiteren macht sich das COC für obligatorischen Unterricht an Schulen zu (den verschiedenen Formen von) Homosexualität stark, erst recht seit der Studie des Sociaal en Cultureel Planbureau (dt. Soziales und Kulturelles Planbüro) zu fehlender Toleranz Jugendlicher gegenüber Homosexuellen und der hohen Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen. Nun geschieht dies nur, wenn die Schule sich selbst dazu entschließt.

Ein vom COC unabhängiger Akteur, der in den letzten Jahren – langsam aber stetig mehr – wusste, wie man die Presse erreicht, ist die Transgenderbewegung. Die Reihe der heutigen diskriminierenden Gesetze und Praktiken gegenüber Transgendern macht aus ihnen heute eine der aktivsten Gruppen der Bewegung. Transgender, die ihr Geschlecht faktisch und offiziell verändern wollen, werden auf verschiedene Weisen in ihrem Bestreben behindert. So bekommt er/sie nur eine eingeschränkte Rückerstattung der Behandlungskosten (das Geschlechtsteil wird verändert, aber die Brust nicht) und er/sie muss noch bevor sein/ihr Geschlecht bei der kommunalen Meldebehörde geändert werden kann, sterilisiert sein.

Aber es ist nicht allein die Emanzipationsbewegung der Homosexuellen, die Forderungen an die Staatsregierung stellt. Auch die Politik selbst hat eine Vorstellung davon, wie die Emanzipation der homosexuellen Gruppen aussehen soll. Eine Interessenvertretung wie das COC muss sich an diese Emanzipationspolitik anpassen. So wird vom COC von offizieller Seite erwartet, dass die Vereinigung auch die Interessen der vielfältigen Gruppe der Homosexuellen mit nicht-westlichem Hintergrund (Asylsuchende oder Ein- oder Mehrgenerationenmigranten) vertritt. Das funktioniert nicht völlig problemlos, nicht zuletzt, weil das COC schon immer eine (überwiegend) weiße Organisation war und ist und eine ziemlich scharf umrissene Vorstellung sowohl von Emanzipation als auch von Homosexualität hat. Andere Auffassungen von Emanzipation und Homosexualität sind schwer zu integrieren. Weder die Kritik zum Weißsein der Homosexuellenbewegung, die in den 1980er Jahren zu hören war, noch der Vorschlag der Staatsregierung, auch andere Gruppen der Gesellschaft zu repräsentieren, hat die Sichtbarkeit der nicht-westlichen Homosexuellen in der Homosexuellenbewegung erhöht.

Überhaupt hat das COC im 21. Jahrhundert – und mit ihm die gesamte niederländische Homosexuellenbewegung – Mühe, ihre Vielfalt sichtbar zu machen. Eine der größten Herausforderungen ist ihren Kritikern zufolge, ihr Gesicht mit all seinen Facetten zu zeigen.[1] Homosexuelle erfahren zwar Aufmerksamkeit vonseiten der Politik für tatsächliche und symbolische Ziele, aber die Bewegung selbst ist kaum sichtbar. Das einseitige Bild der Homosexuellen, das in den Medien oft in Verbindung mit dem Islam und Migration auftaucht, wird dann auch kaum vonseiten der Bewegung selbst korrigiert.

Die beginnende (insbesondere sexuelle und Gender-)Diversität der Bewegung, die in den 1970er Jahren auf der Straße zu sehen war – mit den (überwiegend weißen) Schwulen und Lesben scheint wie Schnee in der Sonne dahingeschmolzen zu sein. Die Lesbierin  selbst ist wieder unsichtbar geworden. Es sind kaum mehr Kneipen für lesbische Frauen in der berühmten Homohauptstadt Amsterdam zu finden und die einzige lesbische Zeitschrift steht schon seit Jahren am Rande des Abgrunds. Mit den Aktionen der Schwulen und Lesben ist auch der Nachdruck zur Formung einer eigenen Schwulen- und Lesbenidentität verschwunden. Homosexualität ist zwar akzeptiert, solange sie der Heterosexualität ähnelt, eine Voraussetzung, die Homosexuelle in den Niederlanden oft verinnerlicht haben und einander auch vorleben. Und auch der Queeraktivismus, der Erwartungen, Stereotype und Vorurteile in Bezug auf Geschlecht und Sexualität auflösen will, indem jedes Etikett abgelehnt wird, scheint in den Niederlanden kaum Fuß zu fassen.

Dadurch, dass die heterosexuellen Normen von der Homosexuellenbewegung nicht mehr angegriffen werden, haben die Homosexuellen ihren radikal anderen Status verloren und sind nunmehr „eingebürgert“. Zumindest, falls sie sich nicht wie eine Tunte (sprich: zu „weiblich“ für einen Mann) oder wie ein Kampflesbe (sprich: zu „männlich“ für eine Frau) verhalten. Damit ist trotz der Einführung des komplizierten Synonyms für die Homosexuellenbewegung – die LGBTIQ-Bewegung (lesbisch, gay, bisexuell, transgender, intersexuell und queer) – das Sprechen über Homosexualität in den Niederlanden hundert Jahre nachdem Freiherr Jacob Schorer seine Lobbyarbeit für Homosexuelle begann, vor allem wieder auf das Sprechen über den (weißen) homosexuellen Mann beschränkt.


[1] Schuyf, Judith: Doe maar gewoon dan doe je al gek genoeg, in: Tijdschrift voor humanistiek, Jg. 33-34 (2008), S. 26–33. Mepschen, P./Buijs, L.: Naar een seksueel antinationalisme, in: Waterstof-krant van Waterland Nr. 56 (2011).

Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012