IX. Lesbischer Feminismus und Rooie Flikkers

Der Feminismus fand ebenfalls seinen Niederschlag in der Homosexuellenbewegung. Lange Zeit war die Organisation von Homosexuellen vor allem eine Sache von und für Männer. Frauen waren nur eine kleine Minderheit. Außerdem saßen nur wenige Frauen auf einer Position, von der aus sie Einfluss auf den Kurs des COC nehmen konnten. Einige Frauen versuchten in den 1960er Jahren, ihre Sichtbarkeit und ihren Einfluss innerhalb des COC zu vergrößern. Die meisten lesbischen Frauen dieser Jahre sind in der Frauenbewegung zu finden, oft in radikalen feministischen Gruppen. Während Lesben ihr Frausein im COC kaum repräsentiert sahen, stand in der Frauenbewegung die Aufhebung der Benachteiligung von Frauen im Mittelpunkt und die Homosexualität wurde wiederum kaum thematisiert.

Diese Unsichtbarkeit der lesbischen Frau war der Grund, 1972 eine radikale lesbische Gruppe zu gründen, die den provokanten Namen Paarse September (dt. Violetter September) trug. Damit bezog sich die Gruppe auf die terroristische Gruppe Zwarte September (dt. Schwarzer September) und auf die damalige Farbe der Homosexuellen, Lila (die später violett, paars, wurde, so sagten Beteiligte).[1] Der Ton wurde durch den Namen gesetzt. Die lesbischen Feministinnen gingen gegen die festen gesellschaftlichen Strukturen vor, die bestimmte Rollen von Frauen und Auffassungen über Weiblichkeit festlegten, wie die Unterordnung der Frau unter den Mann, ihre Duldsamkeit, Fürsorglichkeit und, nicht zu vergessen, die Heterosexualität. Diese „erzwungene Heterosexualität“ in der „patriarchischen“ Gesellschaft war demzufolge der bedeutendste Kritikpunkt des Paarse September. Er wollte durch seine Existenz die Normalität von Heterosexualität hinterfragen und für die Entwicklung eines eigenen Lebensstils und einer eigenen Identität der lesbischen Frauen Raum erkämpfen. Diese Lesbierinnen kämpften nicht für Gleichbehandlung, sie suchten schon gar nicht die Zustimmung des Staates, sondern sie kämpften für autonome Bereiche, innerhalb derer sie lesbisch sein konnten. Mit seiner Devise, dass lesbisch sein eine politische Entscheidung ist, wusste der Paarse September die Bevölkerung aufzurütteln. Die radikalen Lesbierinnen  wollten dadurch nicht sagen, dass jeder lesbisch werden soll, wie manche dachten, sondern dass die Ausgestaltung eines eigenen Lebens und einer eigenen Sexualität eine politische Frage war.[2] Diese lesbischen Frauen bürsteten die Homosexuellenbewegung ebenfalls kräftig gegen den Strich, indem sie sich weigerten, sich mit Männern zusammen an einen Tisch zu setzen. Der Paarse September sperrte sich gerade gegen das COC, weil die Vereinigung keinen Raum beanspruchte, um Homosexualität als eine andere Möglichkeit des Lebens und Seins zu entwickeln, sondern sich mit Scheuklappen auf gleiche Rechte konzentrierte. Der „COC-Homo“ verhielt sich dem Paarse September zufolge damit viel zu sehr den heterosexuellen Konventionen entsprechend.

Auch manche der homosexuellen Männer kamen in Bewegung und forderten Raum ein, um eine eigene sexuelle Identität entwickeln zu können. Im Unterschied zum „Homosexuellen“ entwickelten diese Männer eine „Schwulenidentität“, die sie durch verschiedene Aktionen auf der Straße zur Schau stellten. Die Aktionsgruppe Rooie Flikkers (dt. Rote Schwule) war vielleicht die bekannteste, jedoch waren die 1970er Jahre durch eine steigende Zahl autonomer kleiner schwuler bzw. lesbischer Aktionsgruppen und Zeitschriften gekennzeichnet, von denen einige so schnell wieder verschwanden wie sie gekommen waren. Gleichzeitig wurden Homosexuelle auch von der Wirtschaft entdeckt: Produkte speziell für Homosexuelle wurden entwickelt und Lokale gegründet. Und auch der Staat war nun ganz an die gleichgeschlechtliche Liebe gewöhnt und überzeugt von der Notwendigkeit der Emanzipation Homosexueller: Jede fortschrittliche Partei hatte eine eigene Homosexuellengruppe, wie auch die Gewerkschaften und die großen Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen.[3] Die Homosexuellenbewegung war in den 1970er Jahren nie so sichtbar gewesen.

Für die erste große gemeinsame Demonstration Homosexueller gab es einen internationalen Anlass. Am 25. Juni 1977  demonstrierten 3.000 Schwulen und Lesben in den Niederlanden gegen die Abschaffung des Antidiskriminierungsgesetzes für Homosexuelle im amerikanischen Bundesstaat Florida. Im Jahr darauf, wieder an einem Samstag, wurde wieder eine große Homosexuellendemonstration als Feier angekündigt, die viele Menschen anzog. Und so war der Roze Zaterdag – den Namen bekam die feierliche und politische Demonstration 1979  – als Variante des internationalen Befreiungstags der Homosexuellen geboren. Obwohl sich ein anderes bekanntes Fest der Homosexuellen Amsterdamer Gay Pride nennt, ist der Roze Zaterdag der offizielle pride. Der Amsterdamer pride ist eine apolitische Party, die aus kommerziellen Gründen 1996 entstanden ist. Der letzte Samstag im Juni ist jedoch der Tag, an dem die Niederlande, wie auch anderswo in der Welt, nicht nur die Homosexualität feiern, sondern auch Aufmerksamkeit für die Rechte Homosexueller fordern.

Die Homosexuellenbewegung erlebte in den 1970er Jahren also eine Blütezeit: Die Bewegung wurde vielgestaltiger und erweiterte sich und die Akzeptanz von Homosexuellen schien in der Politik und in der Bevölkerung noch nie so groß gewesen zu sein. Obwohl die juristischen Gegebenheiten für eine Gleichbehandlung Homosexueller noch (lange) nicht geschaffen waren, herrschte im Großen und Ganzen Optimismus. Die Wirklichkeit erwies sich jedoch als widerspenstiger.


[1] Vgl. Bijleveld, Leontine/Sax, Marjan: Activisme en Politiek. Liever Lesbies, Paarse september en de trotse lesboot, in: Hemker, Mirjam/Huijsmans, Linda (Hrsg.): Lesbo Encyclopedie, Amsterdam 2009. S. 40-61.
[2] Vgl. Duyvendak, Jan Willem et al.: Beweging en subcultuur in vijf Westeuropese landen, in: Duyvendak, Jan Willem (Hrsg.): De verzuiling van de homobeweging, Amsterdam 1994, S. 44.
[3] Vgl. ebd. S. 46.

Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012