VII. Kultur und Erholung

Ende der 1950er Jahre konnte man von Seiten der Protestanten die erste Bitte um Unterstützung Homosexueller im Radio hören. Vor allem wurde jedoch das Aufbrechen der strengen sexuellen Normen durch katholische Geistliche und Laien zu Beginn der 1960er Jahre als eine Revolution erfahren. Berühmt geworden sind in diesem Zusammenhang die Radiosendungen des katholischen Psychiaters Trimbos, in denen er öffentlich über Fragen wie Sexualität und Geburtenregelung sprach. Trimbos vertrat hierzu liberalere Ansichten als in der katholischen Kirche üblich waren. Bereits 1961 schicke er einen Aufruf über den Äther, Homosexuelle weder zu ignorieren noch mit ihnen Mitleid zu haben, sondern ihnen „ehrliche Mitmenschlichkeit“ zu bieten.

Der neue Vorsitzende des COC, Benno Premsela, fand, dass die Zeit für das COC gekommen war, sich deutlicher nach außen hin zu profilieren. Für die Mitglieder bedeutete das, dass sie ihre Anonymität ablegen mussten. Premsela, der selbst nie einen Decknamen verwendet hatte, ging 1964 mit gutem Beispiel voran. Er trat im Fernsehen auf, um offenherzig über das COC und Homosexualität zu sprechen. So oft wie möglich knüpfte das COC in diesen Jahren Kontakte mit Außenstehenden: von bekannten Schriftstellern bis zu diversen Abgeordneten. Außerdem wurde 1964 die Stiftung und die Zeitschrift Dialoog  gegründet, die – der Name sagt es schon – eine Brücke zwischen dem COC und der Außenwelt schlagen sollten.

Jedenfalls war das die offizielle Absicht. Ansonsten liefen die Dinge jedoch anders. Die erste Nummer der Zeitschrift 1965 brachte das COC gerade ins Gerede. Der Autor Gerard Reve lieferte in dieser Ausgabe einen literarischen Beitrag, in dem er eine Fantasie beschrieb, bei der er Verkehr mit Gott hatte, der in der Gestalt eines Esels erschien.  Mit diesem Werk aus seiner Feder wurde Reve der Prozess wegen Gotteslästerung gemacht: den sogenannten Eselsprozess.[1] Doch schadete dies der homosexuellen Sache schlussendlich nicht. Dafür hatten sich die Vorstellungen über Homophilie sogar innerhalb der Kirchen bereits zu stark verändert.

Die vorsichtige Aufnahme Homophiler in religiöse und politische Kreise Mitte der 1960er Jahre ging sicherlich nicht allein auf das Konto des COC. Das COC war jedenfalls Teil eines größeren internationalen Netzwerks von Organisationen für die Rechte Homosexueller. Darüber hinaus waren es auch nationale und internationale Schriftsteller, Künstler und Filmemacher, die mit ihren Werken Homophilie und Homosexualität für große Teile der Bevölkerung sichtbar machten. Die wissenschaftlichen Theorien zu Homosexualität hatten in der Zeit zwischen den Weltkriegen sicherlich bereits das Notwendige zur Sichtbarkeit von und zum Sprechen über Homosexualität beigetragen. Nicht zu unterschätzen war insbesondere der Einfluss, den die Psychoanalyse nach dem Zweiten Weltkrieg auf konfessionelle geistliche(aber auch sekulare) Volksgesundheitsbewegungen in den Niederlanden hatte. Nicht nur zu viel freie Befriedigung der Lust wurde durch die geistliche Volksgesundheitsbewegung nach dem Krieg für schädlich gehalten, sondern auch die Anwendung strenger sexueller Normen würden das Individuum in psychische Not bringen. Die katholischen Priester sahen dies zum Beispiel in der Praxis bestätigt und begannen – sogar bezüglich eines solchen moralisch heißen Eisens wie der Homosexualität – die strenge katholische Moral zu nuancieren.[2]  


[1] Vgl. Boelaars, Bert: Benno Premsla. Voorvechter van homoemancipatie, 1920-1997, Bussum 2008, S. 207-208.
[2] Vgl. Oosterhuis, Harry: Homoseksualiteit in katholiek Nederland. Een sociale geschiedenis 1900-1970, Amsterdam 1992.

Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012