V. Die deutsche Besatzung

Am Tag als Nazi-Deutschland  einfiel, wüteten mehrere kleine Brände, damit den Nazis sensible Informationen nicht in die Hände fallen würden. So zündete auch Jacob Schorer zur Sicherheit das Archiv des NWHK und seinen Namen- und Adressenbestand an. Die Gründer von Levensrecht vernichteten ebenso entschlossen ihre Mitgliederinformationen und die übrig gebliebenen Zeitschriftenausgaben. Dass die Nazis mit Homosexuellen nichts Gutes im Schilde führten, wurde den niederländischen Aktivisten schon in Deutschland bewiesen. So wurde zu Beginn der 1930er Jahre das Institut für Sexualwissenschaft des Berliner Arztes Magnus Hirschfeld geplündert, waren viele Bücher zu Homosexualität verbrannt worden und wurde die deutsche Mutterorganisation WHK geschlossen. Schorer erkannte die Gefahr des Naziregimes zu dieser Zeit noch nicht in ausreichendem Maß. Er dachte, dass es letztlich nicht so schlimm werden würde. Möglicherweise hatte diese Relativierung auch mit seiner Abkehr von der Sozialdemokratie zu tun. Nach der Nacht der langen Messer konnte er jedoch nicht mehr anders: Er warnte seine „Gefühlsgenossen“ vor dem Niederländischen Nationalsozialismus (NSB).[1] Der Entschluss Schorers, am 10. Mai 1940 sensible Informationen zu vernichten, war offenbar nicht umsonst gefallen. Vier Wochen nach der Kapitulation schleppten die deutschen Nazis Schorers wertvolle Bibliothek fort, die tausende Bände zu Homosexualität und Sexualwissenschaft umfasste. Den Freiherrn selbst ließen sie in Ruhe.

Was sonst mit dem Archiv und dem Adressenbestand während der Naziherrschaft in den Niederlanden geschehen wäre, ist nicht zu sagen. Mit der deutschen Besatzung wurde das nazi-deutsche Antihomosexuellengesetz 81/40 in den Niederlanden eingeführt. Dadurch waren alle homosexuellen Handlungen strafbar geworden, nicht nur zwischen Erwachsenen und Minderjährigen, sondern auch jeweils unter Erwachsenen und unter Minderjährigen. Darüber hinaus blieb auch noch der niederländische Artikel 248bis in Kraft. In der herrschenden Vorstellung über den Zweiten Weltkrieg dominiert der Eindruck, dass der Faschismus in den Niederlanden viele homosexuelle Opfer gefordert hätte. Jedoch zeigen wissenschaftliche Studien, dass die Anzahl homosexueller Verfolgungen in den Niederlanden zwischen 1940-1945 ungefähr so hoch blieb wie in der Zeit davor.[2] Obwohl manche Kommunen Homosexuelle sehr wohl in Listen registrierten und eine Verfolgung trotz der Vernichtung des NWHK-Archiv relativ „einfach“ gewesen wäre, kann davon aber keine Rede sein. Eine Erklärung hierfür ist, dass die niederländische Polizei, der die Nazis die Jagd auf Homosexuelle überließ, der Sache keine hohe Priorität einräumte.[3]


[1] Vgl. Meer, Theo van der: Jonkeer mr. Jacob Anton Schorer, Een biografie van homoseksualiteit 1866-1957, Amsterdam 2007, S.352 ff.
[2] Vgl. Tijsseling, Anna: Schuldige seks. Homoseksuele zedendelicten rondom de Duitse bezettingstrijd, Utrecht 2009 (zgl. Dissertation Utrecht 2009).
[3] Vgl. Tijsseling, Anna: De homocaust, in: Lover, Jg. 37 (2010), S. 32–34.

Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012