XI. „Wir haben ein grenzübergreifendes Experten-Netzwerk“


Interview mit Linda Blom, Mitarbeiterin der EUREGIO in Gronau/Enschede und dort verantwortlich für die Bereiche Kultur und Mobilität. Auch privat ist sie Grenzgängerin; die Niederländerin lebt seit 1995 in Deutschland. Zudem ist sie seit April 2008 Koordinatorin der EURES-Partnerschaft Rhein Waddenzee, die über Arbeiten und Wohnen jenseits der Grenze informiert

Wardenbach: Was ist die Antwort "Ihrer" Euregio auf die Schwierigkeiten der Grenzpendler?
Blom: In der EUREGIO bieten wir hier am Sitz in Gronau eine individuelle persönliche Beratung an. Zusätzlich organisieren wir immer wieder an verschiedenen Orten im Gebiet der EUREGIO allgemeine und thematische Sprechstunden für Bürger. Da sitzen dann auch Experten vom Finanzamt, von den Rentenversicherern usw. Unsere Website www.euresrheinwaddenzee.info informiert Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Studenten und Rentner über das Arbeiten, Studieren oder Leben jenseits der Grenze. Unsere Berater beantworten Fragen auch per Email oder per Telefon. Bei dieser Beratungsarbeit stoßen wir immer wieder auf besondere Problempunkte, die wir dann Juristen in die Hand geben. Sie identifizieren die Stellen, wo die Sozialsysteme oder die Steuerbestimmungen rechts und links der Grenze nicht gut aneinander anschließen und versuchen in Workshops mit Experten neue Lösungsansätze auszuarbeiten.

Wardenbach: Ein allgemeines Problem des Grenzpendlers ist die Vielzahl der Instanzen, die mit seinen konkreten Fragen zu tun haben. Mal ist es die Gemeinde, mal der Staat - mal sind es die Krankenversicherungen in beiden Ländern, mal die Finanzämter: Auf deutscher Seite gibt es keine zentrale Anlaufstelle für Grenzpendler-Fragen. Wie hilft da die EUREGIO?
Blom: Die Stärke der EUREGIO ist, dass wir zweisprachig sind. Das sind die Instanzen auf beiden Seiten der Grenze nicht. Wir kennen uns in der Problematik auf beiden Seiten der Grenze aus und können entweder Fragen direkt selbst beantworten oder sehr präzise zu anderen Instanzen bzw. Personen in der Region weiterleiten. Idealerweise müssen die Leute nur an eine Tür klopfen, um eine befriedigende Antwort zu bekommen. Das klappt natürlich nicht immer, denn es gibt immer wieder sehr spezifische individuelle Probleme. Kein Fall ist wie der andere.

Wardebach: Was erleben ihre Kollegen in der persönlichen Beratung?

Blom: Die EUREGIO ist für die Bürger im hiesigen Grenzgebiet ein Begriff und erste Anlaufstelle für grenzübergreifende Fragen. Häufig kommt ein Grenzpendler mit einer bestimmten Frage und wir sehen dann anhand seiner persönlichen Situation, dass für diesen Menschen noch mehr Fragen aufkommen werden, die er selbst noch gar nicht bemerkt hat. Er fragt z.B. etwas zu seiner Krankenversicherung und wir können ihn dann darauf aufmerksam machen, dass das Grenzpendeln auch für seine Ehefrau Folgen haben wird. Eine unserer Stärken ist, dass die EUREGIO Überblick über die gesamte Materie hat. Wir können antizipieren, die Person darauf hinweisen „Haben Sie auch da und daran gedacht?“ Es müssen ja nicht immer gleich Probleme sein, die zu lösen sind. Manchmal sind es einfach nützliche Tipps, die eventuell später Probleme vermeiden können.

Wardenbach: Diese Zersplittertheit der Problemberatung und -beseitigung besteht seit Jahren nahezu unverändert. Das liegt zum Teil an der Finanzierung über die EU-INTERREG-Töpfe. Jeder zieht sich Gelder für einzelne Projekte an Land, anstatt an einem Strang zu ziehen. Wäre es nicht besser zwischen zwei EU-Staaten jeweils nur eine Euregio zu haben, z.B. eine Euregio-Deutschland-Niederlande?
Blom: Nein, organisatorisch scheint Zentralisierung vielleicht eine effiziente Lösung. Einiges ließe sich bestimmt zentral sehr sinnvoll organisieren. Zum Beispiel eine Internetseite. Auch die Inventarisierung juristischer Aspekte kann gemeinsam gestaltet werden. Andererseits sind die Euregios gerade deshalb stark und bürgernah, weil sie so regional und ortsbezogen sind. Wir haben die regionalspezifischen Kenntnisse und das grenzübergreifende Experten-Netzwerk, um optimal individuell zu beraten. Ganz wichtig: Diese gesamte Beratung ist objektiv und neutral. Wir haben kein Eigeninteresse!

Wardenbach: Die EUREGIO Gronau/Enschede besteht 2008 schon seit 50 Jahren. Da die EUREGIO als erste Europaregion gegründet wurde, hat sie keinen Zusatz wie später gegründete Regionen, z.B. die Euregio Maas-Rhein.
Blom: Diese Euregio hat eine starke Grundlage durch ihre sozialkulturelle Ausrichtung von Anfang an, sie ist gut in den Gemeinden verankert, aus denen ja auch die demokratischen Vertreter kommen, die den Euregio-Rat bilden. Lokale, z.T. persönliche Kontakte waren der treibende Faktor. Wir sind nicht erst groß geworden, als es plötzlich Geld aus Brüssel gab. Wir sind vor Ort gewachsen und dann kam das Geld. Alfred Mozer war einer unserer Pioniere des regionalen grenzüberschreitenden Gedankens. Eine von Königin Beatrix gestaltete Skulptur steht in unserem Foyer. 2007 waren wir anlässlich des Jubiläums wichtiger Teil des Staatsbesuchs von Bundespräsident Horst Köhler zusammen mit der Königin. Wir sind stolz darauf, dass wir zur „Marke“ geworden sind und deshalb schreiben wir unseren Namen groß, als unterscheidendes Merkmal.


Autorin: Anneke Wardenbach
Erstellt: Oktober 2005
Aktualisiert: April 2008