III. Der einzelne Arbeitnehmer

Für den Einzelnen bietet die Freizügigkeit in der Europäischen Union Chancen. Wird in der niederländischen Stadt Nimwegen eine passende Stelle frei, ist die Staatsgrenze für den Arbeitslosen aus dem benachbarten deutschen Kleve heute kein Hindernis mehr. Es besteht also besserer Zugang zu Stellen und Ausbildungsmöglichkeiten und es eröffnen sich mehr berufliche Alternativen.

Wo wird gependelt?

Mobilität der Arbeitskräfte – also auch das Grenzpendeln – ist politisch gewünscht. Daher fördert die EU immer wieder dutzende lokale und regionale Integrationsprojekte an der deutsch-niederländischen Grenze, viele davon im Bereich Arbeit und Beschäftigung. Hiervon profitieren natürlich Teilnehmer und Veranstalter. „Lebenslanges Lernen“ fördern ist eine Antwort der EU auf Strukturwandel und Arbeitslosigkeit. Neben den rein technischen Fähigkeiten gelten Mobilität und Anpassungsfähigkeit, zum Beispiel an einen Job im Nachbarland, als neue Schlüsselqualifikationen.

Grenzregionen sind oft strukturschwach. Deshalb gilt diesen „Randgebieten“ ein besonderes Augenmerk seitens der EU. Während der grenzüberschreitende Warenverkehr inzwischen Alltag ist, werden die Arbeitsmärkte weiterhin vorwiegend durch die nationalen Grenzen bestimmt. Doch die Grenzregionen emanzipieren sich zusehends.

Absolute Zahlen an Berufspendlern in Europa 2006/2007
Quelle: MKW Wirtschaftsforschung GmbH commissioned by European Commission, München, Scientific Report on the Mobility of Cross-Border Workers within the EU-27/EEA/EFTA Countries , Januar 2009, S. 24.
Land In-commuters (Pendler, die einpendeln)
Out-commuters (Pendler, die auspendeln)
Andorra 2.342 ohne Angabe
Belgien 38.699 77.834
Bulgarien 300 6.600
Dänemark 15.333 1.263
Deutschland 86.334 117.396
Estland 1.000 20.500
Finnland 22.360 4.284
Frankreich 10.653 281.544
Griechenland 5.600 200
Großbritannien 12.250 17.000
Irland 17.000 12.000
Italien 11.116 50.407
Lettland 700 700
Liechtenstein 15.043 1.272
Litauen 1.000 1.000
Luxemburg 127.533 780
Monaco 25.160 keine Angabe
Niederlande 58.115 17.766
Norwegen 15.919 1.963
Österreich 49.005 26.394
Polen 750 9.282
Portugal 4.000 3.000
Rumänien 1.250 3.100
Schweden 6.388 31.023
Schweiz 206.310 9.302
Slowakei 795 33.409
Spanien 6.000 8.218
Tschechien 22.723 12.540
Ungarn 14.089 16.790

Wer pendelt?

Offiziell gelten diejenigen als Grenzpendler, die mindestens einmal in der Woche über die Grenze zur Arbeit gehen und wieder an den Wohnort zurückkehren. Doch viele Statistiken erfassen auch langfristigere Pendler und Saisonarbeiter. Und häufig sind die Daten in hohem Maße unsicher.[1] Was für Menschen und Lebensweisen sich hinter diesen Zahlen verbergen, ist schwierig herauszufinden.

Nach Angaben des niederländischen Amtes für Statistik (CBS) pendelten 2005 über 15.000 Menschen zu ihrem Arbeitsplatz von Deutschland in die Niederlande. Tendenz steigend. 1999 waren es noch keine 3.000, ihre Zahl hat sich bis 2005 also verfünffacht. Andersherum wohnten 2005 knapp 9.000 Menschen in den Niederlanden, die regelmäßig ostwärts fuhren, um ihre Brötchen in Deutschland zu verdienen. Ihre Zahl ist seit 1999 deutlich gesunken, damals zählte das CBS noch rund 14.000 Grenzarbeiter.[2] Das CBS bezog die Zahlen damals von den niederländischen Krankenversicherern, die im Ausland tätigen Arbeitnehmer registrierten. Seit der Reform der niederländischen Krankenversicherung 2006 werden die Zahlen nicht mehr erhoben.

2009, also nur vier Jahre später, veröffentlichte das CBS dennoch eine neue Studie über die in Deutschland und Belgien wohnenden Grenzpendler in die Niederlande. Als Datenquelle für die Zahlen dienten den Forschern dabei die Lohnangaben, die niederländische Arbeitgeber beim Finanzamt machen müssen, sowie Zahlen des belgischen Reichsinstituts für Kranken- und Invaliditätsversicherung (RIZIV) und der Bundesagentur für Arbeit für das Bundesland Nordrhein-Westfalen. Die CBS-Studie schätzte, dass 2009 rund 45.000 Grenzpendlern in Deutschland wohnten und in den Niederlanden arbeiteten. Auch aus Belgien pendelten laut der Untersuchung 45.000 Arbeitnehmer in die Niederlande ein. Die Zahl der auspendelnden Niederländer in die beiden Nachbarländer schätzte die Studie auf 20.000 Personen.

Einschränkend erklärte die Studie, dass beinahe 60 Prozent der aus Belgien in die Niederlande einpendelnden Arbeitnehmer die niederländische Nationalität hätten. Bei den Pendlern aus Deutschland waren rund 35 Prozent Niederländer. Baut zum Beispiel ein Niederländer sein Haus kurz hinter der Grenze in Deutschland, weil es dort billiger ist und behält dabei seinen Job in den Niederlanden, wird er automatisch zum Grenzpendler (Fachleute sagen „atypischer Grenzpendler“) – auch wenn er seine Arbeitskraft gar nicht mobilisiert hat, wie die Statistik suggeriert (und es die EU so gerne sieht). So ist das Zahlenbild mit Vorsicht zu genießen.

Auch die Recherche nach neuen Zahlen erweist sich als schwierig. 2015 veröffentlichten zwei zentrale Institutionen zum ersten Mal gemeinsam einen statistischen Bericht zur Erwerbstätigkeit in der Grenzregion: Das CBS der Niederlande und der Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW). Das aus Eigenmitteln finanzierte Projekt sollte u.a. eine Diskussion zum Bedarf eingehender Informationen zum Thema in Politik und Öffentlichkeit wecken, blieb aber bisher das einzige seiner Art.

Diese Studie arbeitet mit Daten aus dem Jahr 2012 und vergleicht Informationen zur Erwerbstätigkeit in unterschiedlichen Bereichen, wie Selbstständigkeit und Teilzeitbeschäftigung und bezieht dabei z.B. auch das Bildungsniveau oder das Geschlecht der untersuchten Bevölkerung mit ein. Grenzpendler werden in einem eigenständigen Kapitel unter die Lupe genommen.

Insgesamt pendelten deutlich mehr Arbeitnehmer mit Wohnsitz in NRW in die Niederlande. 23.500 gegenüber nur 9.400, die von den Niederlanden nach NRW zum Arbeiten fahren, aber in den Niederlanden wohnen. Interessant ist, dass in beide Richtungen mehr Frauen als Männer pendeln. Dabei reisen häufig auch Menschen zum Arbeiten in das Land, dessen Staatsangehörigkeit sie haben. So hatten 43 % der Pendler, die aus den Niederlanden nach Deutschland pendelten die deutsche Staatsangehörigkeit und 40 % der Pendler, die aus Deutschland in die Niederlande fuhren, hatten die niederländische Nationalität.

Eigene Darstellung, Quelle: CBS & IT.NRW: Der Arbeitsmarkt in den Grenzregionen der Niederlande und Nordrhein-Westfalens, Düsseldorf & Den Haag 2015, S. 67.

Pendeln ist nicht nur anstrengend, es nimmt auch einige Zeit in Anspruch. Deshalb wollen auch die Pendler entlang der Grenze zwischen NRW und den Niederlanden die Distanzen nicht zu groß werden lassen. Aus NRW fahren ca. 66 % der Arbeitnehmer an einen Arbeitsplatz, der sehr dicht an der Grenze liegt. Das gleiche gilt für über 80% der Arbeitnehmer aus den Niederlanden. Zu den beliebtesten Arbeitsplätzen gehörte jene, die in der Region Aachen, bzw. in der Region Arnheim/Nimwegen liegen.

Dass insgesamt weniger Pendler aus den Niederlanden nach Deutschland pendeln, wird u. a. damit erklärt, dass der Arbeitsmarkt in den Niederlanden als flexibler gilt und somit wahrscheinlich attraktiver ist, als der Deutsche. [3]

Je mehr die Grenze durch die EU-Bestimmungen (EU-Staatsbürgerschaft Maastricht 1992) im täglichen Leben verblasst, desto schwieriger ist es für die Statistiker, solche Bewegungen zu verfolgen. Eine Studie aus dem Januar 2009, in Auftrag gegeben von der Europäischen Kommission, versuchte dennoch die „Mobilität von Grenzpendlern“ in Zahlen zu fassen.

Warum wird gependelt?

Klassische Denkmodelle der Wirtschaftswissenschaften gehen davon aus, dass der Entscheidung zu pendeln eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung zugrunde liegt. Makroökonomisch gesagt: Arbeitskräfte wandern zum besten Arbeitsangebot. Mikroökonomisch ausgedrückt fragt sich der Einzelne: Lohnt es sich für mich?
Konzentriert man sich aber nur auf die Faktoren Lohnhöhe und Arbeitslosigkeit, übersieht man leicht alle anderen menschlichen Facetten. Der Soziologe Dr. Jochen Roose von der Freien Universität Berlin hat wiederholt Umfragen unter Grenzpendlern durchgeführt. Bei seiner jüngsten Online-Umfrage, deren Ergebnisse er 2012 publiziert hat, stellte er fest, „dass die ökonomischen Motive nicht an erster Stelle stehen. Stattdessen werden bessere Arbeitsbedingungen am häufigsten als Grund genannt.“[4]

Weitere Gründe für eine Arbeitsstelle im Nachbarland waren, überhaupt eine Arbeitsstelle zu finden und so der Arbeitslosigkeit zu entkommen (Platz zwei), eine interessante Tätigkeit ausüben zu können (Platz drei) und etwas dazu zu lernen (Platz fünf). Dass der Sprung über die Grenze einen höheren Verdienst oder den beruflichen Aufstieg mit sich bringt, stand erst an vierter und siebter Stelle.

Allerdings gibt es bei den Gründen für das Grenzpendeln anscheinend auch nationale Unterschiede. Bereits 2010 hatte Roose über unterschiedliche Beweggründe zum Pendeln feststellend berichtet: „Während für die Niederländer die Motive klassisch der Arbeitsplatz und das Gehalt waren, gaben die Deutschen stärker auch private Motive an.“[5]

Ebenfalls einen nicht zu unterschätzenden Einfluss hat der Immobilienmarkt. Dem Satz „Der Immobilienmarkt (Mieten, Immobilienpreise) in meiner Grenzregion hat signifikanten Einfluss auf das grenzüberschreitende Pendeln“ stimmten 2009 sowohl deutsch-niederländische Grenzpendler als auch Pendler aus der Grenzregion Belgien-Niederlande sowie Luxemburg-Deutschland überdurchschnittlich oft zu.[6]

Wie bereits erwähnt, ist der Umfang an Studien zum Grenzpendleraufkommen gering und/oder schwer ausfindig zu machen. Immerhin haben sich die Statistikämter aus den Niederlanden und NRW bereits der Sache angenommen. Mittlerweile haben sich diese Institutionen, ergänzt um das Landesamt für Statistik Niedersachen, dem Problem angenommen und arbeiten in einem gemeinsam gestarteten INTERREG-Projekt (Laufzeit 2017 – 2019) daran, die Datenlage zum Thema zu verbessern. Fraglich scheint nur, wie es nach Ende des Projekts weitergeht. Auch zukünftig wird der Bedarf an dieser Information sicherlich nicht abreißen. Immerhin liefern solche Initiativen grundlegende Erkenntnisse, die es nicht zuletzt der Politik ermöglichen, sich dem Thema anzunehmen und die Lage gezielt zu verbessern.[7]


[1] Vgl. Roose, Jochen: Grenzpendeln an deutschen Außengrenzen, FU Berlin 2012, S. 1.
[2] CBS: Grensarbeid; geslacht, regio, 1999-2005, Onlineversion.
[3] CBS & IT.NRW: Der Arbeitsmarkt in den Grenzregionen der Niederlande und Nordrhein-Westfalens, Düsseldorf & Den Haag 2015, online unter: https://webshop.it.nrw.de/gratis/Z399%20201551.pdf.
[4] Roose, Jochen: Grenzpendeln an deutschen Außengrenzen, FU Berlin 2012, S. 4. Onlineversion.
[5] Roose, Jochen: Vergesellschaftung an Europas Binnengrenzen. Eine vergleichende Studie zu den Bedingungen sozialer Integration, Wiesbaden 2010, S. 177.
[6] MKW Wirtschaftsforschung GmbH: Scientific Report on the Mobility of Cross-Border Workers within the EU-27/EEA/EFTA Countries, München 2009, S. 58.
[7] Informationen zum Projekt mit dem Titel „Arbeitsmarkt in der Grenzregion D-NL“ sind zu finden unter: https://www.deutschland-nederland.eu/project/arbeitsmarkt-in-grenzregionen-d-nl/

Autorin: Anneke Wardenbach
Erstellt: Oktober 2005
Aktualisiert: Februar 2014, Angelika Fliegner, sowie Januar 2018, Katrin Uhlenbruck