II. Das niederländische Versorgungsmodell und seine Wurzeln

Das ambivalente Bild des niederländischen Gesundheitssystems ist eng verknüpft mit den in sich widersprüchlichen gesellschaftlichen Traditionen des Landes. Die ausgeprägten konfessionellen Strömungen, wie sie noch heute in manchen Provinzen wie Seeland oder Groningen zu finden sind, kontrastieren scharf mit der Kaufmannstradition und der Weltoffenheit des Seefahrervolks und dem Pragmatismus einer Bevölkerung, die sich seit jeher mit der unbehaglichen Omnipräsenz des Wassers und einem beispiellosen Mangel an Rohstoffen arrangieren musste.

Viele Deutsche neigen dazu, das kleine Nachbarland auf Grund sprachlicher Gemeinsamkeiten, der architektonischen Nähe zu den norddeutschen Hansestädten und nicht zuletzt aus Sympathie als eine Art kleinen Bruder zu sehen, die Parallelen der beiden Länder überzustrapazieren und die kulturellen Unterschiede aus den Augen zu verlieren. Um zu verstehen, was die niederländische Gesellschaft ausmacht und welche Probleme sie derzeit umtreibt, lohnt sich jedoch gerade der Blick auf die Besonderheiten.

Spendertradition und frühe soziale Einrichtungen

„Lasst die, die im Überfluss leben, daran denken, dass sie von Dornen umringt sind und lasst sie gut Acht geben, dass sie nicht gestochen werden“. In diesem Kommentar zu einem Bibelvers aus dem Buch Genesis (13, 5-7) von Johann Calvin kommt eine Grundhaltung zum Ausdruck, die einen Schlüssel zum Gesellschaftsverständnis vieler Holländer liefert. Wer über Reichtümer verfügt – unabhängig davon, ob er sie durch Fleiß oder Herkunft erlangt hat – erfreut sich seiner Situation nicht etwa durch hedonistische Prasserei. Er beträgt sich lieber dezent, hält seine Habe zusammen und lässt die Gesellschaft an seinen Privilegien teilhaben – zum Beispiel durch Wohltätigkeit. Auf diese Weise hofft er, die Gefahr zu verringern, von den ihn umgebenden Dornen gestochen zu werden.

Dieses Verhaltensmuster führt dazu, dass die holländischen Städte bereits in vorindustriellen Zeiten über eine beachtliche Anzahl von Einrichtungen für Alte, Kranke und Verwaiste verfügen. Seit dem späten Mittelalter vermachen reiche Bürger einen Teil ihrer Reichtümer den Armen, was im Laufe der Jahrhunderte eine Institutionalisierung sozialer Stiftungen zur Folge hat.

Ein Paradebeispiel hierfür ist das 1275 erstmals urkundlich erwähnte Armenspital Sint Jacobs Gasthuis in Schiedam, das heute als Museum genutzt wird. Im Laufe der Jahrhunderte kommt die Stiftung durch Hinterlassenschaften reicher Kaufleute in den Besitz ausgedehnter Ländereien. Die Zinsen auf das Vermögen fließen in den Unterhalt des Spitals. Darüber hinaus wird die Einrichtung durch eine von der Gemeinde eingeführte Naturalsteuer unterstützt: Wenn ein Bürger Schiedams verstirbt, geht sein bestes Kleidungsstück automatisch in den Besitz des Sint Jacobs Gasthuis über.

Auch für die Alten beginnt man in vielen niederländischen Städten schon früh zu sorgen. Die meisten Städte verfügen über so genannte Hofjes, kleine Häuser mit meist begrüntem Innenhof, die fast immer durch das Legat verstorbener Wohlhabender entstehen. Um sich ein gutes Plätzchen im Himmelreich zu sichern, verfügen diese frühen Stifter, dass ein Teil ihres Nachlasses für den Bau und den Unterhalt der Hofjes verwendet wird, in denen verarmte Alte eine Bleibe finden. Selbstverständlich lässt sich der Wohltäter nicht nehmen, genau zu bestimmen, wer in den Genuss seiner Stiftung kommen sollte, etwa katholische Witwen oder auch kranke Ehepaare kalvinistischen Glaubens.

Auch wenn die Gebäude mittlerweile meist einem anderen Zweck zugeführt worden sind und als Schulen, Museen oder Büroräume genutzt werden, ist die institutionalisierte Altenversorgung - übrigens bis heute - tief in der niederländischen Gesellschaft verankert. In einem Gastbeitrag, der am 11. Juni 2005 im Rotterdamer NRC Handelsblad erschien, weist der sozialdemokratische Parlamentarier Jose Smits darauf hin, dass die Niederländer 1,5 bis zweimal so viel für die Altenversorgung ausgeben als der Rest von Europa. Obwohl der Anteil der über 65-jährigen in den Niederlanden im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich ist, leben Smits zufolge deutlich mehr Ältere in dafür ausgerichteten Einrichtungen als in anderen Ländern. Während in den Niederlanden pro 1000 Einwohner 3,6 Menschen in einem Altenheim lebten, seien es in Italien lediglich 0,2.

Ganz alleine stehen die Niederländer mit ihren frühen Vorläufern des heutigen Sozialstaats allerdings nicht. In einigen Norddeutschen Regionen – die über die Hanse ohnehin kulturell mit den heutigen Niederlanden verbunden sind – verläuft die Entwicklung ähnlich. So dürfte zum Beispiel die starke Position der Diakonie im niedersächsischen Krankenhaussektor auf eine vergleichbare Stiftungstradition zurückgehen.

Nach Ansicht des britischen Historikers Simon Schama wird diese Tendenz in den Niederlanden auch durch religiöse Faktoren verstärkt. In seinem lesenwerten Werk „Überfluss und schöner Schein“ über das Goldene Zeitalter sieht er den Ursprung für die im europäischen Vergleich frühen Ansätze eines Sozialstaats in der calvinistischen Tradition. Anders als im übrigen Europa, wo wohltätige Einrichtungen vor allem dem Zweck dienten, Aufstände der Unterschicht zu verhindern, hätten reiche Holländer Waisen- und Krankenhäuser oftmals aus religiöser Motivation gespendet.

Der niederländische Historiker und Publizist Han van der Horst teilt diese Einschätzung. Die Wohltätigkeit, so ansehnlich durch Höfchen und schlossähnliche Fassaden symbolisiert, habe den Reichen das schlechte Gewissen für ihren materiellen Erfolg versüßt. Denn so liberal das Leben in der Praxis auch war, sei man sich im Hinterkopf doch immer der calvinistischen Drohung bewusst gewesen, dass viele gerufen sind, aber nur wenige auserkoren, schreibt er in seinem im Jahr 2000 in deutscher Sprache erschienenen Buch „Der Himmel so tief. Niederlande und Niederländer verstehen“.

Demnach vertritt man bereits im mittelalterlichen Holland die Ansicht, dass Gott die armen Menschen geschaffen hat, um den Reichen die Gelegenheit zu Taten der Nächstenliebe zu geben. Diese Einstellung zieht sich bis weit in das 19. Jahrhundert hinein, in dem die Amsterdamer Bürger aufgerufen werden, die Armenschulen zu unterstützen, damit die Kinder Gehorsamkeit und Dankbarkeit lernen mögen.

Karitas als Statussymbol

Das karitative Handeln der damaligen holländischen Oberschicht dient nicht nur ihrem Seelenfrieden, sondern selbstverständlich auch als Statutssymbol, was sich am Umfang und der üppigen Fassadengestaltung vieler wohltätiger Einrichtungen zeigt.

Anschaulich wird die Außenwirkung der Wohltätigkeit auch im Genre der Stifterportraits, die zum Beispiel im Historischen Museum Amsterdam zu bewundern sind. Die Spender werden auf den Ölgemälden gerne im Kreise der Waisen, Armen und Alten abgebildet, die in den Genuss seiner Wohltätigkeit gekommen sind und ihn dementsprechend anhimmeln. Das Gebäude ist übrigens selbst ein ehemaliges Waisenhaus. Am Beginn der Dauerausstellung sind einige Räume diesem Teil der Vergangenheit gewidmet. Dort sind die in Schwarz, Rot und Weiß gehaltenen Uniformen der früheren Bewohnerinnen des Gebäudes ausgestellt.

Auf diese Weise fungiert die gestiftete Institution in dieser Zeit nicht nur als Symbol für den hohen Sozialstatus der Spender, sondern sorgt auch dafür, dass der niedrige Status der Almosenempfänger deutlich wird. Die Uniformierung der Amsterdamer Waisen ist kein Einzelfall, sondern deckt sich van der Horst zufolge mit den in ganz Holland üblichen Gepflogenheiten. „Hilfsbedürftigkeit und Abhängigkeit mussten deutlich zu sehen sein“, schließt er daraus.

Frühe Formen der Krankenversicherung

Eine Frühform einer Kranken- und Sozialversicherung findet sich bereits im 17. und 18. Jahrhundert, dem so genannten Goldenen Zeitalter, in dem die Niederlande dank ihres florierenden Überseehandels ihre erste wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit erleben. Mitglieder von Handwerks- oder Kaufmannsgilden können sich dieser Versicherung bedienen.

Das überraschend solidarisch anmutende Motto dieser Gildenversicherung lautet „Wir helfen einander“. Die Gildenversicherungen decken nicht nur die finanziellen Risiken einer medizinischen Behandlung ab, sondern beschützen ihre Mitglieder auch vor Einkommenseinbußen in Folge von Arbeitsunfähigkeit.

Der Verband der niederländischen Krankenversicherungen stellt auf seiner Website eine Übersicht über die historische Entwicklung des niederländischen Gesundheitssystems in niederländischer Sprache zur Verfügung.

Autorin: Anna Sleegers
Erstellt: Juni 2005