I. Einleitung - Das niederländische Gesundheitswesen als Reformmodell?

Das niederländische Gesundheitssystem steht vor dem Umbruch. Im Juni 2005 hat ein Reformpaket die beiden Kammern passiert, das den Versicherten mehr Eigenverantwortung zuweisen und die chronische Geldnot des Gesundheitswesens lindern soll. Kernstück der Reform ist die Einführung einer einkommensunabhängigen Basisversicherung, die über Steuergelder sozial abgefedert werden soll. Ähnliche Modelle werden seit einigen Jahren auch in Deutschland diskutiert, freilich ohne dass bislang ein Versuch unternommen wurde, sie in ein konkretes Gesetzeswerk zu übersetzen. Mit Blick auf die geplanten Neuwahlen im Herbst 2005, denen – unabhängig vom Ausgang – sicher umfassende gesellschaftliche Reformen folgen werden, dürften deutsche Gesundheitspolitiker sicher gespannt verfolgen, welche Erfahrungen das Nachbarland mit dem neuen Finanzierungsmodell für die Krankenversicherung macht.

Reformwillen

Insgesamt genießt das niederländische Gesundheitssystem in Deutschland ein gutes Ansehen, auch wenn seine Außenwirkung von teilweise widersprüchlichen Tendenzen geprägt ist. Einerseits wurde das niederländische Modell jahrzehntelang in einem Atemzug mit den üppig ausgestatteten Wohlfahrtsstaaten Skandinaviens genannt. Als die öffentlichen Mittel in den 1980er und 1990er Jahren in der westlichen Welt knapper zu werden begannen, beeindruckte das Nachbarland hiesige Politiker durch seinen vehement zum Ausdruck gebrachten Reformwillen.

Inwieweit die damals in den Niederlanden entworfenen Reformmodelle und Privatisierungsvorhaben tatsächlich in die Realität umgesetzt wurden, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Gerade die bereits Ende der 1980er Jahre heftig diskutierte Basisversicherung ist ein Beispiel dafür, dass auch das niederländische Gesundheitssystem dazu neigt, sich gestalterischen Annäherungsversuchen der Politik zu entziehen.

Autorin: Anna Sleegers
Erstellt: Juni 2005