VIII. Bestandsaufnahme: Das Gesundheitssystem heute

Vom OP-Tisch direkt nach Hause

Auch die Zahl der Krankenhausbetten ist in den Niederlanden vergleichsweise niedrig. Während in den alten 15 EU-Staaten im Jahr 2002 nach Angaben von Eurostat auf 100.000 Einwohner 611 und in Deutschland sogar 888 Krankenhausbetten kamen, waren es in den Niederlanden lediglich 463.

Auch hier kommt natürlich die hohe Bevölkerungsdichte des Landes zum Tragen. Zudem ist die Bettenzahl aber auch geringer, weil die ambulante Behandlung im Krankenhaus bereits seit Jahrzehnten gefördert wird. So gut wie jedes niederländische Krankenhaus verfügt über einen tagesklinischen Bereich, die so genannte Poliklinik, in der die verschiedenen Stationen darauf eingerichtet sind, die Patienten umgehend zu versorgen, so dass sie anschließend wieder nach Hause gehen können.

Die Verlagerung vom stationären in den ambulanten Sektor begann in den Niederlanden deutlich früher als in Deutschland. Nach Daten des aktuellen OECD-Gesundheitsberichts stiegen die Ausgaben für ambulante Eingriffe in den Jahren 1990 bis 2002 in den Niederlanden um durchschnittlich 8,6 Prozent, in Deutschland um lediglich 3,1 Prozent. Im stationären Sektor stellt sich genau die gegenteilige Entwicklung dar. Hier stiegen die Ausgaben in den Niederlanden durchschnittlich um 4,6 Prozent im Jahr, in Deutschland um 6,8 Prozent. Allerdings hat sich auch in Deutschland das Tempo, mit dem der ambulante Sektor wächst, in jüngster Zeit beschleunigt. Aus Kostengründen haben zahlreiche Krankenhäuser angefangen, tagesklinische Strukturen aufzubauen.

Preiswerte Pillen

In den Niederlanden wird deutlich weniger für Medikamente ausgegeben als in anderen europäischen Ländern. Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben lagen im Jahr 1999 nach Angaben des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen bei 208 Euro im Jahr. In der EU ohne Beitrittsländer zahlten die Bürger im Durchschnitt 252 Euro im Jahr, in Deutschland sogar 349 Euro. Auch hier dürfte das vergleichsweise niedrige Durchschnittsalter der niederländischen Bevölkerung eine Rolle spielen. Hinzu kommt, dass die Preise für Arzneien in der EU nicht harmonisiert sind.

Im Allgemeinen übernehmen die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen die Kosten für verschreibungspflichtige Medikamente, sofern sie medizinisch notwendig sind. Zuzahlungen sind nicht üblich, außer es sind zwei Medikamente mit nahezu identischer Wirkung erhältlich und der Patient besteht darauf, das teurere Präparat zu erhalten. In diesen Fällen hat er die Kostendifferenz selbst zu bezahlen.

Rezeptfreie Medikamente müssen – wie in Deutschland auch – seit dem 1. Januar 2005 vom gesetzlich versicherten Patienten selbst bezahlt werden, auch wenn die Einnahme auf ärztliche Verordnung hin erfolgt. Für Patienten mit chronischen Krankheiten gelten allerdings Ausnahmeregelungen. Wenn ihre Erkrankung die regelmäßige Einnahme eines rezeptfreien Präparats notwendig macht, übernimmt die Kasse nach Ablauf von 15 Tagen die Kosten hierfür. Die Kosten der Antibabypille übernimmt die gesetzliche Kasse bei Frauen unter 21 Jahren für die Dauer von einem Jahr.

Statt einer Eigenbeteiligung des Patienten am einzelnen Medikament sehen die neuen Regeln zur Kostenübernahme eine zeitliche Obergrenze vor. Wird ein neues Medikament verschrieben, bezahlt der Ziekenfonds es für die Dauer von 15 Tagen, bei chronischen Krankheiten für drei Monate.

Um den Ausgabenanstieg im Gesundheitswesen in Griff zu bekommen, nimmt sich die niederländische Regierung seit einigen Jahren das Recht, in die Preisgestaltung für Arzneimittel einzugreifen. Zu diesem Zweck wurde 1996 das Arzneimittelpreisgesetz verabschiedet, das es dem Gesundheitsministerium erlaubt, auf der Basis von Preisvergleichen mit Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Belgien Obergrenzen für bestimmte Arzneien festzulegen.

Insgesamt scheinen die vergleichsweise niedrigen Medikamentenpreise in den Niederlanden auch damit zusammenzuhängen, dass die Pharmalobby einen schwierigen Stand hat. Anders als Deutschland, das sich wegen der wirtschaftlichen Bedeutung der Traditionsfirmen Hoechst, Bayer, Schering oder Boehringer über lange Zeit als „Apotheke der Welt“ betrachtete, haben die Niederlande allerdings auch nur begrenzt Anlass, bei gesundheitspolitischen Entscheidungen allzu viel Rücksicht auf die Interessen der Pharmaindustrie zu nehmen.

So ist etwa die in Deutschland von vielen Gesundheitspolitikern geforderte von den Vertretern der Pharmalobby jedoch auf das heftigste bekämpfte Positivliste für Medikamente in den Niederlanden längst ein etabliertes Instrument der Kosteneindämmung.

Autorin: Anna Sleegers
Erstellt: Juni 2005