XIII. Beispiel Hausarztmodell

Auch bei dem so genannten Hausarztmodell, das viele Befürworter einer umfassenden Gesundheitsreform in Deutschland propagieren, sind die Niederländer Vorreiter. Dort ist es seit jeher eine Selbstverständlichkeit, dass Patienten nicht von sich aus den Facharzt aufsuchen. Erster Ansprechpartner bei jeder Art von Beschwerden ist der Hausarzt, dem in den Niederlanden die Funktion als Torwächter des Gesundheitswesens zugewiesen wird. In diesem Ausdruck kommt deutlich die restriktive Komponente dieser Organisationsform zum Ausdruck. Der Hausarzt entscheidet nicht nur darüber, ob der Besuch eines Spezialisten überhaupt notwendig ist, sondern auch, welche Priorität die Krankheit hat. In den Niederlanden bestehen sowohl für Facharztbesuche als auch für operative Eingriffe Wartelisten.

Die rund 7 000 niederländischen Hausärzte sind in der Landelijke Huisartsen Vereniging (LHV) organisiert. Der Einfluss auf die Gesundheitspolitik ist vergleichsweise groß. In Deutschland wird dagegen die Macht der niedergelassenen Ärzte durch das auf Bismarck zurückgehende System der Selbstverwaltung eingedämmt. Im so genannten Gemeinsamen Bundesausschuss müssen sich die Vertreter der Ärztekammern gemeinsam mit den medizinischen Fachgesellschaften und den gesetzlichen Krankenkassen auf die konkrete Ausgestaltung des Gesundheitswesens einigen. Dass in diesem Gremium nicht selten völlig konträre Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen, dürfte einer der Gründe für die wenig ausgeprägte Reformfähigkeit des deutschen Systems sein.

Die niederländischen Hausärzte verleihen ihrem Willen, ihre Macht zu behaupten, mit regelmäßig wiederkehrenden Streiks Nachdruck. Nach Protestaktionen für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Vergütungen und mehr Ausbildungsplätze für Arzthelfer in den Jahren 2001 und 2002 traten die Hausärzte im Mai 2005 erneut in den Ausstand. Diesmal entzündete sich der Protest an der Frage, wer im Zuge der bevorstehenden Reform des niederländischen Gesundheitswesens die Verantwortung für die Verteilung der Arzthonorare übernimmt, die sich auf etwa 1,4 Mrd. Euro im Jahr summieren.

Wenige Wochen vor dem Streik hatte Gesundheitsminister Hans Hoogervorst (VVD) eine Grundsatzübereinkunft mit der LHV und dem Verband der Krankenversicherer, Zorgverzekeraars Nederland (ZN), geschlossen. Wie bei fast jeder Grundsatzentscheidung in den Niederlanden, wurde hierfür ein intensiver Overleg geführt – darunter versteht man im Nachbarland eine offene Beratschlagung mehrerer Parteien, die in erster Linie dem Austausch von Ideen und Meinungen dient. „Overleg führt nicht notwendigerweise zu einem verbindlichen, konkreten Beschluss. So kann jeder Teilnehmer das Ergebnis in seinem Sinne interpretieren und hat einen relativ großen Handlungsspielraum“, schreibt die Kulturwissenschaftlerin und Niederlandeexpertin Ute Schürings in „Zwischen Pommes und Praline“.

Auch wenn diese Vorgehensweise das ausgeprägte Konsensbedürfnis vieler Niederländer befriedigt, kann sie sich in der Praxis als problematisch erweisen, wie die Auseinandersetzung der Hausärzte mit dem Gesundheitsminister zeigt. Als der Konflikt im Juni 2005 eskalierte und es in Amsterdam zu Großdemonstrationen von Ärzten, Pflegern und Patienten kam, engagierte Hoogervorst die ehemalige Gewerkschaftsfunktionärin und Ella Vogelaar als „neutrale Schlichterin“. Die 55-jährige, die inzwischen im Aufsichtsrat des britisch-niederländischen Lebensmittelkonzerns Unilever sitzt, ist wie Hoogervorst Mitglied der rechtsliberalen Volkspartei VVD.

Hausärzte-Protest gegen die niederländische Gesundheitsreform

Im Zuge der Einführung der Basisverzekering Anfang 2006 war auch eine Reform der Vergütung der hausärztlichen Leistungen nötig. Vor der Reform erhielten die Praxen für jedes von ihnen betreute Mitglied der gesetzlichen Krankenversicherung, (Link zum Kapitel Ziekenfonds), eine Pauschale von 76 Euro im Jahr, unabhängig davon, ob der Patient ärztliche Behandlungen in Anspruch nahm oder nicht. Bei Privatversicherten konnte der Arzt etwa 25 Euro pro Konsultation abrechnen.

Wenn 2006 die Basisverzekering kommt, sollen die Hausärzte nach den Plänen des Ministeriums für Volksgesundheit, Wohlbefinden und Sport für jeden Patienten eine Jahrespauschale von 48 Euro und zusätzlich pro Konsultation sieben Euro erhalten.

Darüber hinaus soll es nach den Vorstellungen des liberalkonservativen Ministers noch einen variablen Vergütungsanteil geben, über den jeder Hausarzt mit den Krankenversicherern verhandeln muss. Sie sollen mit den Hausärzten Absprachen über die Organisation ihrer Praxis und die Behandlungsweisen bei bestimmten Krankheitsbildern treffen können. Um ihnen Verhandlungsspielraum zu schaffen, soll ihnen mit der variablen Komponente die Möglichkeit eingeräumt werden, die Kooperationsbereitschaft der Ärzte finanziell zu honorieren. Auf diese Weise wolle der Minister erreichen, dass die Versicherer für ihre Kunden die bestmöglichste medizinische Versorgung zum bestmöglichsten Preis aushandeln, schreibt der Volkskrant. Das Ministerium rechtfertigt das Modell gegenüber den Hausärzten damit, dass es mehr Balance zwischen „Einkommenssicherheit und leistungsgerechter Bezahlung“ schaffe und gleichzeitig Impulse für innovative und maßgeschneiderte Lösungsangebote gebe.

Bei den Hausärzten kam dieser Vorschlag äußerst schlecht an. Sie fordern, dass die Verteilung der Gelder weiterhin voll in der Hand der LHV bleibt, auch wenn es sich bei der variablen Komponente um einen vergleichsweise geringen Betrag von ungefähr 90 Millionen Euro handelt.

Autorin: Anna Sleegers
Erstellt: Juni 2005