V. AWBZ und Pflegeversicherung

Als sich Ende der 1960er Jahre abzeichnet, dass die Kosten für die steigende Lebenserwartung und die besseren Entwicklungschancen für chronisch kranke oder behinderte Patienten das gewachsene Versicherungssystem zu überlasten drohen, lanciert Minister Veldkamp den Aufbau einer zweiten Kasse, die die Kosten für dauerhafte Aufenthalte in Pflegeheimen abdecken soll. 1968 tritt das „Allgemeine Gesetz für besondere Krankheitskosten“ in Kraft, das in den Niederlanden gemeinhin mit AWBZ – Algemene Wet Bijzondere Ziektekosten - abgekürzt wird. Diese Pflegeversicherung, die aus festen Prämien, einkommensabhängigen Prämien sowie staatlichen Mitteln finanziert wird, ist mit der zwei Jahrzehnte später in Deutschland eingeführten Pflegeversicherung nur bedingt vergleichbar, weil sie ein deutlich breiteres Risikospektrum abdeckt. Sie übernimmt nicht nur die Kosten, wenn jemand durch Alter, Krankheit oder Unfall zum Pflegefall wird, sondern auch für den Aufenthalt in psychatrischen Einrichtungen.

Verflechtung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung

In den Niederlanden bestehen derzeit noch wie in Deutschland die gesetzliche und die private Krankenversicherung nebeneinander. Bis in die 1980er Jahre konnten Arbeitnehmer noch frei entscheiden, ob sie sich den staatlich organisierten Ziekenfonds anschließen, oder aber das Angebot einer privaten Krankenversicherung in Anspruch nehmen.

Inzwischen kann die gesetzliche Krankenkasse nur noch von Angestellten bis zu einer bestimmten Einkommensgrenze und von Selbstständigen mit einem geringen Jahresverdienst in Anspruch genommen werden. Bei den Nichtselbstständigen zahlt der Arbeitgeber für seine Angestellten in die Versicherung ein. Anders als in Deutschland, wo die Beiträge bis zur Ausgliederung des Zahnersatzes im Sommer 2005 streng paritätisch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufgeteilt wurden, zahlen die niederländischen Arbeitgeber mehr als die Hälfte der Ziekenfonds-Beiträge. Dafür trägt der Arbeitnehmer die Kosten für die AWBZ-Versicherung alleine. Unter dem Strich ist der Arbeitnehmer-Anteil höher als der Arbeitgeber-Anteil.

Nach Angaben des Ministeriums für Volksgesundheit sind derzeit etwa zehn Millionen der 16 Millionen Niederländer über den Ziekenfonds versichert, der die Kosten für Krankenhausaufenthalte, ärztliche Behandlungen sowie Medikamente und medizinische Hilfsmittel abdeckt. Damit ist der Anteil der gesetzlich Versicherten deutlich niedriger als in Deutschland, wo nach Angaben des statistischen Bundesamtes etwa 90 Prozent der Bevölkerung entweder selbst Mitglied der gesetzlichen Krankenkassen oder aber über einen Familienangehörigen mitversichert sind.

Das verbleibende Drittel der Niederländer genießt entweder keinen Versicherungsschutz oder hat eine private Krankenversicherung abgeschlossen. Die Branche ist jedoch nicht so gespalten wie in Deutschland, wo eine tiefe Kluft zwischen den privaten Anbietern auf der einen Seite und den gesetzlichen Kassen wie den Allgemeinen Ortskrankenkassen, den Betriebskrankenkassen und den Ersatzkassen auf der anderen Seite verläuft. Das liegt daran, dass die privaten Anbieter in den Niederlanden auch die Versicherungsprodukte für das gesetzliche System anbieten.

Für die Versicherten kommt zumindest hinsichtlich der Produktvielfalt ähnliches heraus. Das Angebot der privaten Versicherungen variiert hinsichtlich der Prämienhöhe und des Leistungsumfangs stärker als das im gesetzlichen Sektor, der jedoch im eingeschränkten Umfang ebenfalls Preis-Leistungsunterschiede kennt.

Autorin: Anna Sleegers
Erstellt: Juni 2005