XI. Das niederländische Gesundheitssystem als Arbeitgeber

Der niederländische Gesundheitssektor ist einer der größten Arbeitgeber der Niederlande. Nach Angaben des niederländischen Statistikamts beschäftigt er rund 800.000 Menschen, was etwa 13 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung entspricht. In Deutschland arbeitet etwa jeder zehnte Erwerbstätige im Gesundheitswesen. Besonders im Bereich Pflege herrscht in beiden Ländern ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

Experten gehen davon aus, dass der Bedarf an Fachpersonal im niederländischen Gesundheitswesen in den kommenden Jahren jeweils um etwa 2,5 Prozent steigt. Da die Zahl der Absolventen deutlich niedriger ist, erwarten Personaldienstleistungsfirmen, die sich auf die Rekrutierung von ausländischem Pflegepersonal spezialisiert haben, dass im Gesundheitssektor rund 110.000 freie Stellen pro Jahr entstehen werden. Einige Personaldienstleistungsunternehmen haben sich regelrecht darauf spezialisiert, für niederländische Krankenhäuser Fachpersonal aus Deutschland und Belgien anzuwerben.

Arbeitsbedingungen im Krankenhaus

Der niederländische Krankenhaussektor hat bereits eine Phase der Konsolidierung hinter sich. Krankenhäuser mit weniger als 200 Betten, wie es sie in manchen deutschen Kommunen noch gibt, sind in den Niederlanden kaum zu finden. Wegen der dichten Bevölkerung des Landes ist eine flächendeckende Versorgung mit wenigen großen Krankenhäusern allerdings auch leichter zu erreichen als in Deutschland mit seinen teilweise dünn besiedelten Regionen. Es ist abzusehen, dass sich der Kosten- und Effizienzdruck auf die niederländischen Krankenhäuser in den kommenden Jahren deutlich erhöhen wird, da Anfang 2005 ein neues Abrechnungssystem in Kraft getreten ist. Bislang rechneten die Krankenhäuser die einzelnen Behandlungsschritte mit den Krankenversichern ab. Nach der Einführung der diagnosebezogenen Fallpauschalen, die in den Niederlanden mit DBC (Diagnose Behandeling Combinaties) abgekürzt werden, kann für die Behandlung bestimmter Krankheitsbilder nur noch ein fester Satz abgerechnet werden. Diese Abrechnungsform, die zeitgleich auch in Deutschland eingeführt wurde, soll dazu führen, dass die Krankenhäuser ihre Abläufe effizienter organisieren und keine überflüssigen Behandlungsschritte – etwa doppelte Untersuchungen auf verschiedenen Stationen – abgerechnet werden können.

Mehr Schichtdienst

Wie in fast allen Berufen arbeiten auch in der Krankenpflege relativ viele Niederländer in Teilzeit. Laut einer kürzlich auch auf Deutsch veröffentlichten britischen Studie (Hasselhorn, H.-M. et. al.) zu den Arbeitsbedingungen von Pflegepersonal in Europa haben niederländische Pfleger und Schwestern im Durchschnitt die kürzesten Arbeitszeiten. Während die Niederländer im Schnitt eine vertragliche Wochenarbeitszeit von 25,3 Stunden hatten, kamen ihre deutschen Kollegen auf 31,7 Stunden pro Woche.

Die niedrige Stundenzahl bedeutet jedoch nicht, dass die Arbeitsbedingungen in den Niederlanden zwangsläufig angenehmer sind. Denn mehr als die Hälfte der niederländischen Arbeitskräfte arbeiten demnach in dem als besonders anstrengend empfundenen Wechselschichtdienst, in dem sowohl Tages- als auch Nachtdienste geleistet werden müssen. In Deutschland sind nur etwa 40 Prozent der Pflegekräfte dieser Belastung ausgesetzt. Andererseits gaben die niederländischen Kräfte an, dass bei der Dienstplangestaltung im allgemeinen auf ihre Wünsche Rücksicht genommen wurde.

Berufsaussichten nach der Reform

Sollte die Einführung des neuen Fallpauschalensystems und die damit einhergehende Reorganisation von Arbeitsabläufen im Krankenhaus die von der Gesundheitspolitik erwünschten Effizienzen im niederländischen Gesundheitssektor heben, könnte dies den Fachkräftemangel mittelfristig lindern.

Ähnliches berichten zumindest die Träger von Pflegeheimen in Deutschland, die selbst seit Jahren mit fehlendem Personal zu kämpfen haben. Seit die Allgemeinkrankenhäuser wegen der Einführung des Fallpauschalensystems zum Personalabbau gezwungen seien, habe sich die Zahl der Bewerber auf offene Stellen signifikant erhöht, heißt es beispielsweise beim niedersächsischen Pflegeheimbetreiber Maternus.

Für andere medizinische Berufsgruppen wie Physiotherapeuten oder Arzthelfer zeichnen sich angesichts des Starts der Basisversicherung schwierige Zeiten ab. Darüber, ob und in welchem Umfang Arbeitsplätze wegen der stärkeren Belastung der Beitragszahler verloren gehen, wird sich jedoch erst dann spekulieren lassen, wenn der Leistungskatalog und die ersten Prämienmodelle für die Basisversicherung und Zusatzangebote vorliegen.

Medizinische Ausbildung

Einige niederländische Universitäten können mit einer langen Tradition der Medizinerausbildung aufwarten und ziehen Spitzenforscher aus der ganzen Welt an. Die Regelstudienzeit beträgt an niederländischen Universitäten sechs Jahre. Im Anschluss bieten die meisten Fakultäten noch einen vierjährigen Masterstudiengang an, der als Zusatzqualifikation für die medizinische Forschung angesehen wird.

Bei der Ausbildung zur Hebamme oder zu pflegenden Berufen sind die Unterschiede zum deutschen System gravierender. Beide Berufe erfordern in den Niederlanden einen Hochschulabschluss, denen in der Regel ein vierjähriges theoretisches Studium mit diversen Pflichtpraktika vorangeht. In Deutschland erfolgt die Ausbildung dagegen nach dem für Lehrberufe typischen dualen System – die praktische Ausbildung im Krankenhaus wird durch theoretischen Unterricht an entsprechenden Fachschulen ergänzt.

In Deutschland ausgebildetes medizinisches Fachpersonal lässt sich nach Einschätzung von Olav Bongarts trotzdem leicht in den niederländischen Gesundheitssektor integrieren. „Das Ausbildungsniveau gleicht dem Niederländischen, auch wenn deutsche Fachkräfte bisweilen stärker spezialisiert sind“, sagt der auf die Vermittlung ausländischer Fachkräfte spezialisierte Manager des Zeitarbeit-Konzerns Adecco. Gerade die Spezialisierung sei in den Niederlanden jedoch sehr gefragt. Zudem weise die Arbeitskultur wenig Unterschiede auf, und die in niederländischen Einrichtungen geringer ausgeprägte Neigung zu hierarchischen Strukturen komme bei den meisten deutschen Fachkräften ausgesprochen gut an.

Autorin: Anna Sleegers
Erstellt: Juni 2005