I. Einleitung

Schwangerschaft und Kinder bekommen – das funktioniert doch überall auf der Welt nach der gleichen altmodischen Methode? Weit gefehlt! Schon zwischen Deutschland und den Niederlanden sind die Unterschiede groß. Denn wer, wann und wie Kinder bekommt ist schon lange auch eine Frage der Technik – und der medizinischen Ethik. Was erlaubt und verboten ist, bestimmt der kulturelle Hintergrund.

Der zeigt sich dies- und jenseits der Grenze in der Frage der Familienmodelle: Generell sind die Niederländer schneller, wenn es um die offizielle Anerkennung neuer Modelle des Zusammenlebens geht. Seit zehn Jahren können in den Niederlanden gleichgeschlechtliche Paare eine normale Ehe eingehen. Lesben und Schwule haben damit in fast allen Bereichen die gleichen Rechte und Pflichten wie heterosexuelle Paare. In Deutschland steht homosexuellen Paaren seit 2001 zwar die Rechtsform der „eingetragenen Lebenspartnerschaft“ offen, von einer rechtlichen Gleichstellung mit verheirateten Heterosexuellen ist Deutschland aber noch weit entfernt. Erst 2010 bekamen die Partner in einer Homo-Ehe in Erbschaftsangelegenheiten vom Bundesverfassungsgericht die gleichen Rechte zuge-sprochen. Steuerlich sind sie bis heute benachteiligt.

Und auch wenn es um die Reproduktion geht, bestätigen die Niederländer alle positiven Vorurteile, ein liberal denkendes Volk zu sein. Die Familiengründung von lesbischen Paaren und Singles unterstützen Mediziner dort aktiv, während sie in Deutschland von ihren Richtlinien zurückgehalten werden.
 
Eine andere wichtige Frage rund um Schwangerschaft und Geburt ist die, ab wann das Leben beginnt und schützenwert ist. Auch die wird in Deutschland und den Niederlanden ganz verschieden wahrgenommen und diskutiert, was sich auch an der Sterbehilfe-Debatte ablesen lässt (siehe auch Dossier Sterbehilfe). Während in den Niederlanden ein Schwangerschaftsabbruch bis zu dem Zeitpunkt erlaubt ist, zu dem das Kind auch außerhalb des Mutterleibs lebensfähig wäre, ist in Deutschland dagegen eine Abtreibung nach dem dritten Schwangerschaftsmonat nur legal, wenn eine medizinische Indikation vorliegt.

Ist das Kind hingegen gewollt, und steht die Geburt kurz bevor, gibt es wieder große Unterschiede zwischen den Ländern: Die Niederländerinnen bekommen ihre Kinder häufig zu Hause, während deutsche Frauen die Geburt meist im Krankenhaus erleben.

Gründe genug also, dem Themenkomplex Schwangerschaft und Geburt in Deutschland und den Niederlanden, ein eigenes Dossier zu widmen.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:  Februar 2013