III. Frühchen: Niederländische Schwangere auf der Flucht nach Deutschland

In Europa kommen bei insgesamt sinkender Geburtenrate immer mehr Kinder viel zu früh zur Welt. Die Gründe für die Frühgeburten sind vielfältig: Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht und Blut-hochdruck, Rauchen in der Schwangerschaft oder späte Elternschaft in den Industriestaaten. In Deutschland werden von jährlich rund 60.000 Frühchen 8.000 Kinder schon vor der 29. Woche geboren, mit unter 1.500 Gramm Körpergewicht. 85 Prozent der extrem früh Geborenen überleben, 15 Prozent von ihnen mit schweren Behinderungen wie Blindheit. Die kleinsten Frühchen bringen oft nicht mehr als 400 Gramm auf die Waage, weniger als ein Paket Nudeln. Eine gute Chance zum Überleben haben solche Kinder in Hightech-Frühgeborenen-Intensivstationen. Für die Eltern sind diese Perinatalzentren oft die einzige Hoffnung – in Deutschland.

Denn Kinder, die so viel zu früh zur Welt kommen, werden in den Niederlanden nicht behandelt. Manchmal sind es nur Tage, die über ein Leben entscheiden. Normalerweise dauert eine Schwanger-schaft 40 Wochen. In den Niederlanden erhalten Kinder, die vor der 24. Woche geboren werden, palliative Behandlungen – man erleichtert ihnen einen schmerzlosen Tod. Bis zur 25. Schwanger-schaftswoche kann Intensivmedizin angewendet werden, das aber liegt im Ermessen der Ärzte. Nach den Richtlinien setzt sie erst ab der 25. Woche ein. Ermessensspielräume bestehen in vielen europäi-schen Ländern, denn die Schwangerschaftsdauer lässt sich oft nicht exakt bestimmen. Zudem ver-läuft jede Entwicklung unterschiedlich; auch Embryos wachsen unterschiedlich schnell.

In Deutschland dagegen beginnen die Mediziner auch bei minimalen Überlebenschancen mit Inten-sivbehandlungen. Ein Bericht in der Wochenzeitung Die Zeit beschreibt eindrucksvoll eine Flucht über die Grenze, mit denen die Eltern eines Frühchen ihr Baby retten wollen, und regte damit eine öffentliche Diskussion an.[1]

Zwischen Woche 22 und 24 aber besteht eine Chance

Vor zwanzig Jahren noch hatten Kinder, die vor der 26. Schwangerschaftswoche geboren wurden, nicht den Hauch einer Chance. Mit den technologischen Fortschritten sank die Sterberate Frühgeborener. Immer winzigeren Babys kann das Überleben ermöglicht werden. Ein Frühgeborenes unter 22 Wochen gilt bis heute als nicht lebensfähig, zwischen Woche 22 und 24 aber besteht eine Chance. In Deutschland liegt die Überlebensrate dieser Kinder bei etwas mehr als 40 Prozent. Aber ihr Überleben hat oft auch seinen Preis: Die winzigen Frühchen nehmen oft schwere gesundheitliche Schäden ins Leben mit.

Jede Entscheidung in den frühen Schwangerschaftswochen ist problematisch. Denn unklar ist, wie gut die Eltern mit einer möglichen Behinderung ihres Kindes umgehen können. Manche können das leichter akzeptieren, andere hadern mit dem Schicksal. Dennoch sind die meisten Eltern in erster Linie hoffnungsvoll und wollen unbedingt jede Chance für ihr Kind. Die Argumente des medizinischen Teams stoßen bei ihnen auf taube Ohren, während die Eltern sich an einzelne Medienberichte über „Wunderbabys'', die als Extrem-Frühchen geboren wurden und später ohne Beeinträchtigungen leben konnten, klammern.[2] Ein hannoversches Kinderkrankenhaus hat extrem früh geborene Kinder über Jahre hinweg untersucht. Fast 40 Prozent zeigten mit acht Jahren geringe Beeinträchtigungen, fast 20 Prozent größere Behinderungen wie Spastiken und geistige Behinderungen. Den einzigen eindeutigen Risikofaktor dafür stellte eine Geburt vor der 26. Schwangerschaftswoche dar.

Die Chancen extremer Frühgeburten sind von Klinik zu Klinik und von Land zu Land verschieden. Ihr Überleben hängt davon ab, wie schnell mit der Beatmung begonnen wird und welche Intensivbehandlung sie erhalten. Auch die ärztlichen Leitlinien spielen eine große Rolle. Wenn nicht an das Überleben eines Kindes geglaubt wird, wird dies zur selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Richtlinien lassen Raum für eigene Entscheidungen der Ärzte und Eltern. Noch ist sich Europa nicht einig über die Frage, ab wann ein Kind lebensfähig und sein Leben lebenswert ist. Eine ethische Frage – und auch eine wirtschaftliche.

Finanziell lohnt sich die Behandlung für das Krankenhaus selten

Denn die Versorgung extremer Frühchen erfordert teure Technik, viel Zeit und Ärzte mit Erfahrung. Schon die Regulierung der Temperatur im Brutkasten ist eine Kunst, denn die Haut der Frühchen ist fragil und verliert viel Wärme und Feuchtigkeit. Beatmungsgeräte sind meist notwendig, können aber die kleinen Lungen schädigen. Ernährt werden die Winzlinge über eine Nasensonde. Zum Team gehören neben den Perinatologen und Geburtshelfer, Augenärzte und  weitere Spezialisten. Und nach dem meist monatelangen Klinikaufenthalt folgen ausgiebige Nachsorge und weitere Begleitung. Mit weniger Aufwand sinken die Überlebenschancen von sehr unreifen Frühgeborenen deutlich. Eine deutsche Klinik erhält rund 90.000 Euro für die Behandlung eines Extremfrühchens. Aber dem stehen hohe Ausgaben gegenüber. Finanziell lohnt sich die Behandlung für das Krankenhaus selten. Nicht selten kostet die Therapie das Doppelte.

Eine britische Studie des Nuffield Council on Bioethics studierte zwei Jahre das Leben von extrem Frühgeborenen und schockte die Öffentlichkeit mit der Schlussfolgerung, dass diese die Betten für andere Babys „blockierten“. Da es Bettmangel auf den Neugeborenen-Stationen gäbe, führten die langen Aufenthalte der extrem Frühgeborenen dazu, dass andere Babys weniger gut medizinisch betreut würden. Die finanziellen Ressourcen aber seien leider nicht unendlich. Die Veröffentlichung wurde als menschenverachtend angegriffen und hatte einen unterschiedlichen Einfluss in den EU-Ländern.[3]

In Ländern wie den Niederlanden, aber auch der Schweiz, wird weit offener der Kosten-Nutzen-Aspekt bei der Therapie extremer Frühchen diskutiert als hierzulande. Als ultimative Fragen gilt nicht nur, ob das Überleben des Babys möglich ist. Stattdessen diskutieren Ärzte und Eltern: Wie wahrscheinlich ist die Chance auf ein normales Leben für das Kind? Welchen Preis hat sie?

„Die niederländische Variante entspricht nicht dem deutschen Vorgehen“, sagt Professor Christian Poets, Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin, im Zeit– Interview. „In der Schweiz und in den Niederlanden ist der Gedanke, dass der Mensch einen Nutzen für die Gesellschaft haben muss, stärker ausgeprägt.“ 


[1] Romberg, Tobias: Zu jung zum Leben?, in: zeit.de vom 28. August 2008, Onlineversion.
[2] Schmid, Barbara: Umstrittene Kindermedizin: "Viele Frühchen haben eine faszinierende Lebenskraft", in: Spiegel.de vom 14. Dezember 2011, Onlineversion.
[3] BBC News: 'Do not revive' earliest babies, in: BBC vom 15. November 2006, Onlineversion.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:  Februar 2013