VI. Fruchtbarkeitstourismus: Ein Blick hinter die Kulissen

In 1970er Jahren fuhren viele deutsche Frauen heimlich zur Abtreibung in die Niederlande. Heute zwingen deutsche Gesetze sie erneut über die Grenze – diesmal, um schwanger zu werden. Ausgerechnet im kinderarmen Deutschland sind die Gesetze für künstliche Befruchtungen extrem streng. Diese Regelungen zur künstlichen Befruchtung haben einen „Fruchtbarkeitstourismus“ ungewollt kinderloser Paare ausgelöst. Eine absurde Situation, denn immer wieder wird beklagt, dass in Deutschland zu wenige Babys geboren werden. Seit Jahren ist die Bundesrepublik bei der Geburtenrate Schlusslicht der 27 EU-Mitgliedsstaaten. 2010 kamen in Deutschland 8,3 Geburten auf 1.000 Einwohner.

Reisen, hohe Kosten und seelische Strapazen: Der „Fortpflanzungstourismus“ zeigt, wie weit Paare gehen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Zu Hunderten pilgern deutsche Paare in andere EU-Länder. Auch in den Niederlanden haben reproduktionsmedizinische Zentren längst auf Kundschaft aus der Bundesrepublik eingestellt. Sie bieten deutschen Paaren das, was diese zu Hause nicht erhalten: Eizellspenden und den Zugang zur Präimplantationsdiagnostik (PID). 

Die Eizellenspende

Der häufigste Grund, aus dem unfruchtbare Paare ins Ausland reisen, ist die Eizellspende. Auf die sind Frauen angewiesen, deren Eierstöcke keine eigenen Keimzellen mehr produzieren. Das kann am fortgeschrittenen Alter liegen, aber auch Krebsbehandlungen oder Krankheiten können die Keimdrüsen zerstören. Wenn selbst Hormongaben keine Eizellen mehr reifen lassen, kann den Paaren kein deutscher Mediziner mehr offiziell helfen. Im Höchstfall beschränken sich mitleidige Ärzte und Ärztinnen darauf, ihren Patienten eine Internetadresse zuzuschieben. Ihre Vorsicht ist berechtigt: Denn Menschen mit Kinderwunsch, die für eine in Deutschland verbotene Fruchtbarkeitsbehandlung ins Ausland reisen, können rechtlich nicht belangt werden. Die Beratung dazu durch Mediziner dagegen ist nicht erlaubt  – auch wenn die Behandlung im Ausland legal ist. Die Ärzte heute machen sich genauso strafbar wie ihre Kollegen, die früher Frauen eine Abtreibung in den Niederlanden empfahlen.[1]

In den Niederlanden werden pro Jahr etwa 400 Behandlungen mit gespendeten Eizellen ausgeführt.[2] Es werden nur Spenderinnen akzeptiert, die damit einverstanden sind, dass Ihre Identität dem Kind bei dessen Volljährigkeit mitgeteilt wird. Die Daten der Eltern, des Kindes und der Spenderin werden in einer zentralen Datenbank gespeichert. Momentan gibt es in den Niederlanden im Gegensatz  zu anderen Ländern, wie Spanien oder Russland, noch keine Eizellenbanken. Oft suchen Paare sich selbst eine Eizellspenderin aus dem eigenen Familienkreis. Manchmal finden sie auch Spenderinnen über Online-Foren. Grundsätzlich gilt, dass für Eizellenspenden nicht bezahlt werden darf. Um zu verhindern, dass Frauen als lebendige „Eizellenfarmen“ missbraucht werden, hat das Europaparlament 2005 eine Resolution verabschiedet. Demnach dürfen menschliche Zellen nur noch freiwillig und unentgeltlich gespendet werden.

Kontrollieren kann das niemand. Eine „Unkostenvergütung“ wird fast immer toleriert. In einigen niederländischen Kliniken wird sogar aktiv für den „Keimzelltausch“ geworben. Im Fall der Eizellenspende würde also der Mann des empfangenden Paares seine Samen für ein anderes Paar spenden. Obwohl niemand zum Keimzelltausch verpflichtet wird, ist die Freiwilligkeit in dieser Situation fraglich: Paare haben oft keine andere Möglichkeit, eine Eizellspenderin zu finden.

Bei der Eizellspende bereiten zunächst Hormone die Gebärmutter darauf vor, dass sich ein fremder Embryo einnisten kann. Das Alter der Empfängerin spielt kaum eine Rolle. Richtig medikamentös eingestellt, kann selbst eine Sechzigjährige mit fremden Eizellen noch Kinder bekommen. Allerdings sind die meisten deutschen Patientinnen im Schnitt im 30. oder 40. Lebensjahrzehnt. Sie finden zum Thema in Deutschland keine Beratungsstellen. Im Internet, unter Pseudonymen, tauschen sich Betroffene über neue Therapien und ausländische Kliniken aus, geben Behandlungspreise und Erfolgsstatistiken weiter. Das Ausland ist ihre einzige Chance.

Präimplantationsdiagnostik

Bis 2011 galt genau das auch für das zweite heiße Eisen, die Präimplantationsdiagnostik. Bei der PID werden Embryonen aus künstlicher Befruchtung im Reagenzglas in einem sehr frühen Stadium auf Erbkrankheiten oder Behinderungen untersucht. Solche Tests an Embryonen aus dem Reagenzglas vor dem Einpflanzen in den Mutterleib sind auch in Deutschland schon lange erlaubt. Der Streit über die gesetzliche Regelung entzündete sich daran, was geschieht, wenn bei Embryonen Behinderungen und Erbkrankheiten festgestellt werden. Die PID macht es möglich, solche Embryonen zu „verwerfen". Obwohl es keine umfassenden Regeln gab, wurde dies lange als verboten betrachtet. Denn das Embryonenschutzgesetz legt fest jede „entwicklungsfähige, befruchtete Eizelle" sei zu achten. Das bedeutete in der Praxis: Alle lebensfähigen Embryonen müssen in den Uterus – auch solche, die Gene schwerer Krankheiten trugen.

Besonders hart war das für Paare, von denen eines Trägergens für Krankheiten ist wie die früh auftretende Sonderform der Alzheimerkrankheit, Chorea Huntington oder Brustkrebs. Oft haben Angehörige gesehen, wie sie elend an der Krankheit zugrunde gingen. Eine genetische Untersuchung lässt sie heute wissen, wie hoch ihr Risiko ist, den Gendefekt weiterzugeben. Oft wird sich dieser mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf das Baby übertragen. Durch PID lassen sich befruchtete Eizellen mit dem Genschaden ausschließen: Die Ärzte untersuchen die im Labor befruchteten Eizellen auf Anomalien und setzen nur die Gesunden in die Gebärmutter ein. Das jedoch durften deutsche Ärzte nicht.

Was Paaren in Deutschland blieb, waren im schlimmsten Fall serielle Abtreibungen. Denn wenn sich die Anlage zur Krankheit bei der Fruchtwasseruntersuchung zeigte, durften sie den Embryo ganz legal bis zur zwölften Woche abtreiben. Und dann den nächsten Versuch starten, so lange, bis ein gesundes Baby heranreift. Kein Wunder, dass es deutsche Paare ins Ausland trieb, denn in den Niederlanden, Spanien oder England mutete man ihnen diese Tortur nicht zu. Nicht zu Unrecht ist die deutsche Gesetzgebung umstritten und wird als absurd kritisiert: Feten dürfen im Mutterleib auf Anomalien getestet werden, aber befruchtete Eizellen im Reagenzglas nicht. Abtreibung ist erlaubt, aber das Vernichten eines Zellklumpens verboten. Zu verstehen ist das nicht.

Im Sommer 2011 wurde im Bundestag schließlich ein neues Gesetz verabschiedet. PID bleibt danach im Grundsatz verboten, ist aber in Ausnahmefällen erlaubt – etwa wenn die Eltern die Veranlagung für ein schweres vererbbares Leiden haben oder eine Totgeburt droht. Eine vorherige Beratung ist Pflicht, eine Ethikkommission muss der PID zustimmen. Diese darf nur an Zentren mit spezieller Lizenz vorgenommen werden. [3] Diese begrenzte Zulassung soll Paaren, die eine Veranlagung für eine schwere Erbkrankheit haben, die Chance auf ein gesundes Kind ermöglichen.

Angestoßen hat die Gesetzesänderung ein deutscher Arzt. Er hatte die PID bei Embryonen dreier Paare in den Jahren 2005 bis 2006 angewandt. In Abstimmung mit den Paaren ließ er die Embryonen mit einem Gendefekt absterben und zeigt sich dann selbst an. Der Bundesgerichtshof sprach ihn im Juli 2010 frei, was die PID faktisch legalisierte und den Bundestag zum Handeln zwang.

Allerdings: Die Klinken in den Niederlanden und anderen Ländern werden auch nach der Verabschiedung des Gesetzes nicht auf deutsche Patientinnen verzichten müssen. Denn die PID lässt sich nicht nur nutzen, um schwere Erbgutfehler zu finden. Paare mit diesem Risikofaktor sind sogar in der Minderheit. Weit mehr Paare hoffen mit dieser Methode, die Wahrscheinlichkeit auf eine Schwangerschaft bei der künstlichen Befruchtung zu erhöhen; vor allem bei Frauen, die schon mehrere Fehlgeburten erlitten haben. Dabei ist das Ziel, Embryonen mit numerischen Chromosomenstörungen auszusondern. Diese Störungen werden für das Problem der Fehlgeburten als ursächlich angesehen. Ob diese verbreitete Methode tatsächlich funktioniert, ist allerdings umstritten.[4]

Auch andere Faktoren wie das Geschlecht des Embryos können die Eltern theoretisch mit Hilfe der PID auswählen. In Europa wird die PID in weniger als zwei Prozent der Fälle zur Selektion des Geschlechts angewendet, in den USA aber schon in einer von zehn PID-Untersuchungen.

Genau diese Trends wecken Ängste, Eltern könnten in Zukunft ihr Kind „designen“ lassen, wie ihre Wohnung. „Unperfektes“ Leben hätte dann von Anfang an keine Chance mehr. Gerade in Deutschland entzündet sich die Debatte um Fortpflanzungsmedizin – vor dem Hintergrund der Nazi-Zeit – an Fragen zur Selektion in erwünschte und „nicht lebenswerte“ Menschen. Die vielen Hilfesuchenden, die sich ein Kind wünschen, berührt diese Debatte nicht weiter. Denn die wollen sich keinen sportlichen, gutaussehenden zukünftigen Nobelpreisträger als Sohn kreieren lassen, sondern in absoluter Überzahl einfach ein Baby bekommen, das nicht mit schweren Krankheiten zu kämpfen haben wird. In den Niederlanden finden sie diese Sicherheit. 

Hohe Kosten für den Kinderwunsch

Für niederländische wie deutsche Paare aber haben sich in anderer Hinsicht die Zeiten geändert – immer mehr können sich ihren Kinderwunsch nur schwer leisten. Das Recht auf Kostenübernahme bei künstlicher Befruchtung wurde im Rahmen der rotgrünen Gesundheitsreform in Deutschland weiter eingeschränkt. Gesetzlich Versicherte müssen nun die Hälfte der Kosten einer künstlichen Befruchtung selbst tragen. Nach drei Versuchen zahlt die Kasse gar nicht mehr. Unverheiratete gehen sowieso in immer leer aus. Auch Frauen, die jünger als 25 Jahre oder älter als 40 Jahre sind, bekommen keinen Cent Zuschuss. Auch in den Niederlanden erhalten seit Frühling 2012 Frauen ab 41 Jahren keinen Kostenzuschuss für eine künstliche Befruchtung mehr.[5] Denn dies- und jenseits der deutschen Grenzen müssen die Krankenkassen sparen. In Deutschland zeigten sich die Folgen schnell: Vor der Reform kamen etwas 1,6 Prozent aller Babys nach künstlicher Befruchtung zur Welt, nach der Reform sank dieser Anteil auf etwa die Hälfte ab. Inklusive aller Medikamente kommen die Paare auf bis zu 4.000Euro pro Versuch.

Auch Selbstzahler gehen häufig ins Ausland. Allerdings trifft das auf deutsche wie niederländische Eltern zu. Für deutsche Eltern lohnt sich allein aus Kostengründen die Behandlung in den Niederlanden selten. Deshalb hat ein neuer „Fruchtbarkeitstourismus“ nach Süd- und mehr noch nach Osteuropa eingesetzt. Allein in Polen gibt es bereits fast 50 Reproduktionskliniken, die sich vornehmlich an deutsche Patienten wenden; auch Tschechien holt auf.

Trotz des großen Angebots im Ausland ist es für potentielle Eltern nicht einfach, an die Adressen seriöser Fertilitätszentren zu gelangen. Die Qualität der Methoden, die in Südafrika oder Zypern, in der Ukraine oder Weißrussland praktiziert werden, können sie schwer einschätzen. Im Netz finden Suchende neben seriösen Unikliniken, ukrainische Labors mit Dumping-Preisen oder windige Zentren, die mit eigenem Privatstrand werben.

Online preisen auch amerikanische und russische Eizellagenturen ihre Spenderinnen im virtuellen Katalog an. Nach Rasse, Haar- und Augenfarbe und Größe lassen sich die Datenbanken durchsuchen. Registrierte User können sich genauere Profile ansehen, die Bildungsabschlüsse, Hobbys, Sportlichkeit und besondere Talente verzeichnen. „Browse Our Egg Donor Registry Online” lädt die „Donor Egg Bank USA“ jeden Besucher ein. Tagesstand am 5. September 2012: Blonde und Brünette gibt es zuhauf, lediglich eine Rothaarige ist gerade nicht im Angebot.[6]

Auch Leihmütter suchen viele Paare bevorzugt in den USA und den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Auch schwule Paare können sich hier ihren Traum vom eigenen Kind erfüllen. In Europa haben sie keine Chance, denn ihnen fehlt es nicht nur an den Eizellen, sondern auch an einer Frau, die das Kind austragen würde. In Deutschland wurde ein Verbot der Leihmutterschaft im Embryonenschutzgesetz verankert. In den Niederlanden und England ist die Leihmutterschaft gestattet, unterliegt aber extrem strengen Auflagen. Eine Gesetzesänderung im Jahre 1994 legalisierte in den Niederlanden die altruistische Leihmutterschaft. Kommerzielle Leihmutterschaften aber blieben untersagt.[7]


[2] o.A.: Situation in den Niederlanden und in Belgien, Onlineversion.
[3] o.A.: Entscheidung über PID: Bundestag erlaubt Gentests bei Embryos, in: Spiegel Online, Onlineversion.
[4] Weitere Informationen bei Wikipedia.
[5] Geeda, Frederiek: Gynaecologen: IVF zelf betalen na 41ste jaar, in: nrc.nl vom 14. Mai 2012, Onlineversion.
[6] Website der Donor Egg Bank USA.
[7] o.A.: Die Leihmutter in den Niederlanden.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:  Februar 2013