V. Künstliche Befruchtung: Von Samenbanken und Familienmodellen

Samenspenden gibt es schon sehr lange. Schon vor mehr als 100 Jahren sind sie belegt. Die sogenannte homologe Samenspende, also die Spende durch den zukünftigen Vater des Kindes, war ein Ausweg, wenn für ein Paar auf ‚normalem‘ Wege keine Schwangerschaft möglich war. Der Papst verurteilte die homologe Insemination, die vor allem in Frankreich beliebt war. Ab etwa 1910 wurde das Verfahren auch in Deutschland angewandt.

Die ersten künstlichen Befruchtungen wurden an Tieren vorgenommen. 1780 konnte der italienische Priester Lazzaro Spallanzani eine Hündin künstlich befruchten, in dem er ihr Sperma in die Gebärmutter spritzte. Schon bald wurde die Methode bei Menschen wiederholt. 1884 ist die erste Behandlung mit Spendersamen dokumentiert, im Fall eines Paares, bei dem der Ehemann aufgrund einer Geschlechtskrankheit unfruchtbar war. Unter der Hand haben solche Experimente sicher schon früher begonnen. In der Öffentlichkeit war die Technik mehr als umstritten und von angesehenen medizinischen Fakultäten wurde sie als „unmoralisch" bewertet. Angewandt wurde sie trotzdem.[1]

In Deutschland ließ die Bundesärztekammer 1970 erstmals eine Befruchtung von Eizellen durch Samenspenden offiziell zu. Geschätzt wird, dass weltweit und auch in Deutschland schon lange vorher mit Samenspenden befruchtet wurde. Legal war das, weil es nicht verboten war. Die Gesetze entwickelten sich langsamer als die Technik und das Verfahren war einfach.

Das hat sich bis heute kaum geändert. Sogar eine Samenbank lässt sich technisch in jedem Hobbykeller betreiben: Man braucht nicht mehr als ein paar junge und gesunde Spender, einige Metallbehälter und etwas flüssigen Stickstoff, um das frische Sperma bei minus 196 Grad Celsius einzufrieren. Damit ist es praktisch unbegrenzt haltbar.

Der Anfang der Samenbanken

Die erste Samenbank wurde 1971 in New York eröffnet, bald folgten dann die ersten in Europa.[2]  Zu den Pionieren gehörten Belgien und die Niederlande. Genaue Daten liegen nicht vor – wegen der Einfachheit der Technik begannen mehrere geburtsmedizinische Kliniken schnell mit ersten Versuchen. Auch hier bewegten sich die Gynäkologen zunächst in einer rechtlichen Grauzone. Langsam nahmen zu dieser Zeit die Vorurteile gegen die für die breite Öffentlichkeit neue Technik ab. Denn statistisch gesehen kann eines von zehn Paaren auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen. Zumindest im Fall der männlichen Unfruchtbarkeit bot sich hier ein Ausweg der Natur nachzuhelfen, der bald breite Akzeptanz fand.

Natürlich konnten Paare auch vor der Einrichtung von Samenbanken einen Spender finden – wenn sie bereit waren, das Problem im Familien- und Bekanntenkreis zu thematisieren. Das jedoch war vielen peinlich. Zudem überprüfen die Samenbanken routinemäßig alle Spermien auf Krankheiten und untersuchen den Samen auf seine Qualität, testen also die Beweglichkeit der Spermien. Seit 1970 sind in der Bundesrepublik Deutschland mehr als 100.000 Kinder mit Spendersamen gezeugt worden. Wenige Jahre später, im Jahr1978, kam mit Louise Joy Brown in England das erste Kind auf die Welt, das mit Hilfe künstlicher Befruchtung im Reagenzglas gezeugt wurde. Auch diese In-Vitro-Fertilisation (IVF) fand rasch Verbreitung. Seit 1982 ist auch in Deutschland die künstliche Befruchtung im Reagenzglas erlaubt. Diese kann sowohl mit dem eigenen Sperma des sozialen Vaters erfolgen, als auch mit der Hilfe von Spendersperma.

In den Samenbanken erhielten die Spender meist Summen in der Höhe von 50 bis 100 D-Mark für eine Spende. Die Paare wiederum zahlten im Schnitt etwa 60 D-Mark für die Spermien. Heute sind die Preise vielerorts gestaffelt: Je besser und konzentrierter das Sperma, desto teurer. Für 30 Euro gibt es dann dünnflüssige Qualität, das beste Sperma kann die Kunden bis zu 1.000 Euro kosten. Für 50.000 Euro können sie ihren Spender auch exklusiv haben, kein anderes Paar bekommt dann noch seinen Samen. Viele, auch die meisten deutschen Samenbanken verpflichten sich in freiwilliger Selbstkontrolle, nie mehr als 15 Nachkommen eines Spenders zu zeugen, als Vorbeugung gegen Inzest unter Nachkommen, die von ihrer Verwandtschaft nichts ahnen könnten. Zunächst spendeten die Männer stets anonym. Mit der Anonymität der Spender konnten die Eltern bestens leben. Denn an den Ursprung ihrer Kinder aus der Samenbank wollten sich die Eltern nur ungern erinnern. Auch darum sollte der Spender fast immer dem sozialen Vater des Babys optisch ähneln – damit alle Beteiligten leichter vergessen konnten, dass er es biologisch nicht ist.

Der Kampf um die Herkunft

Für die Kinder aber ist das oft nicht so einfach. Bis heute wird vielen ihre Herkunft lange oder sogar für immer verschwiegen. Erfahren sie die Wahrheit, beginnt oft ein Kampf – mit sich selbst, den Eltern, der eigenen Identität und der Justiz. Denn die Kinder können sich an die Samenbank wenden und mit Erreichen der Volljährigkeit Kontakt zu dem Spender suchen. Laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1989 hat jedes Spenderkind das Recht, die Wahrheit über seine genetische Abstammung zu erfahren. Aber deutsche Samenbanken müssen die Unterlagen der Spender wie alle anderen Geschäftsbelege lediglich mindestens zehn Jahre aufbewahren. Die Suche der Kinder nach den biologischen Vätern blieb deshalb oft erfolglos.[3] Allerdings wollen viele Samenbankkinder kein Treffen mit ihrem genetischen Vater. Trotzdem wurde es bald allen klar, dass Eltern wie Spender die Probleme unterschätzt hatten.

Europaweit gingen in den 1990er Jahren die Geschichten der ersten erwachsenen Samenbankkinder durch die Medien. Aktuell ist die deutsche Rechtslage sehr verworren: Der Samenspender selbst erhält über das Paar, dem er seinen Samen zur Verfügung stellt, keinerlei Auskünfte und auch diese erfahren seinen Namen nicht. Das Kind hat jedoch ab seinem 18. Lebensjahr ein Recht darauf, Informationen zu erhalten über die Person die es gezeugt hat, diese Unterlagen werden jedoch häufig schon lange vorher vernichtet. Immer noch sichern auch in Deutschland einige Samenbanken ihren Spendern gegen die potentiellen Interessen und auch Ansprüche der Kinder Anonymität zu. Andere akzeptieren nur noch sogenannte „Yes"-Spender, die erlauben, dass die Kinder später mit ihnen in Kontakt treten können.

In den Niederlanden ist die Situation klar: Nur noch „Yes“-Spender sind bei den Samenbanken erlaubt. „No"-Spender, die ihre Anonymität wahren wollen, werden nur noch zugelassen, wenn mit ihrem Sperma bereits ein Kind gezeugt wurde und dessen Eltern ein weiteres von demselben Spender möchten. Auch generell gehen die Niederländer dem deutschen Gesetzgeber mit gutem Beispiel voran, wenn es um klare Entscheidungen geht. Nirgends zeigt sich das deutlicher als im Fall des Zugangs zu Samenspenden für Menschen mit Kinderwunsch.

Viele rechtliche Hürden

In Deutschland müssen unverheiratete Paare, Singles und lesbische Paare jede Art der Fruchtbarkeitsbehandlung in der Regel selbst bezahlen. Auch müssen ihnen Samenbanken keinen Zugang gewähren und die Ärzte nicht helfen, wie sie dazu bei verheirateten Paaren gesetzlich verpflichtet sind. Während heterosexuelle Paare noch leichter kooperationsbereite Partner auf der medizinischen Seite finden, haben gerade Lesben in Deutschland kaum eine Chance. In den Niederlanden dagegen wird diese Unterscheidung nicht getroffen, auch Lesben und Single-Frauen werden von jeder Samenbank als Kundinnen akzeptiert.

In Deutschland ist künstliche Befruchtung mit Spendersamen seit 1986 auch offiziell legal. Das Embryonenschutzgesetz in seiner Fassung von 1991 und die Richtlinien der Bundesärztekammer legen sämtliche Belange zur künstlichen Befruchtung fest. Aus beiden lässt sich herauslesen, dass aus ethischen und rechtlichen Gründen bestimmte Kriterien erfüllt sein müssen, um eine künstliche Befruchtung durchführen zu dürfen. Das Embryonenschutzgesetz ist rechtlich bindend, die Richtlinien der Bundesärztekammer dagegen stellen rechtlich unverbindliche Kriterien dar, die aber Teil der Berufsordnung von Ärzten sind. Diese Richtlinien verlangen, dass nur Ehepaare oder heterosexuelle Paare in einer gefestigten Partnerschaft Zugang zu einer Samenbank haben sollen. Das Embryonenschutzgesetz legt das nicht fest. In dieser juristischen Grauzone haben Mediziner, die lesbischen Frauen zu Samenspenden verhelfen könnten, Angst, dass sie oder die Spender später von Kind oder Mutter auf Unterhalt verklagt werden könnten. Deutsche Fortpflanzungsmediziner vermitteln geeignete Spender daher in der Regel nur an verheiratete Frauen. Das ist in den Niederladen anders, wie auch in Kanada, Belgien oder Spanien.

In Deutschland liegt das Problem im Abstammungsrecht: Das bestimmt, dass ein Kind, das in einer Ehe geboren wird, ungeachtet seines biologischen Ursprungs, nach der Geburt rechtlich das Kind beider Ehepartner ist. Damit ist der Spender vor jedem Anspruch geschützt. Wenn jedoch lesbische Paare heiraten, gehen sie eine „eingetragene Lebenspartnerschaft“ ein, die in diesem Sinn nicht als Ehe gilt. Der nicht-biologischen zweiten Mutter und „eingetragener Lebenspartnerin“ bleibt nur, das Kind nach der Geburt als Stiefkind zu adoptieren. Erst dann entfällt ein Unterhaltsanspruch des Kindes gegenüber einem Samenspender endgültig.[4]

So sind deutsche lesbische Paare auf den guten Willen der Samenbanken und Reproduktionszentren angewiesen. Und da die rechtliche Lage auch viele Mediziner verwirrt, haben diese Paare oft kein Glück. Das hat zu regem Fortpflanzungstourismus lesbischer Paare aus Deutschland in die Niederlande und nach Dänemark geführt. Dänische Samenbanken verschicken den Samen sogar nach Deutschland. In den Niederlanden werden seit einiger Zeit die Inseminationen in der niederländischen Klinik selbst vorgenommen. Als Argument wird das deutsche Abstammungsrecht angeführt.

In jedem Fall kann der Gang zur Samenbank leicht den Eindruck erwecken, hier sollten „Designer-Babys“ produziert werden. Die dänische Samenbank Cryos erlaubt online ein regelrechtes Gen-Shopping.[5] Rasse, Haar- und Augenfarbe, Größe, Gewicht, Ausbildung und Blutgruppe werden ergänzt von einer Beschreibung des Spenders durch die Mitarbeiter: „Stylish, aber sportlich“, „ähnelt Orlando Bloom“ oder „gut gelaunt und sehr erfolgreich in kreativem Job". Im Gegensatz zur Realität haben hier Übergewichtige, Brillenträger oder Glatzköpfe keine Chance.

Der mühselige Weg zum Samenspender

Aber trotz aller Verkaufsargumente der Samenbanken: In den Niederlanden wie in Deutschland entscheiden sich viele lesbische Paare trotzdem für einen bekannten Samenspender. Heterosexuelle Paare gehen diesen Weg fast nie. Lesbische Paare dagegen wollen ihrem zukünftigen Kind den Kontakt mit dem biologischen Vater erleichtern, wenn es das möchte. Manchmal soll dieser auch zumindest am Rande eine Rolle im Leben des Kindes spielen. Den Spender suchen sie im Bekanntenkreis oder auch über das Internet. Eine deutsche lesbische Mutter beschreibt online den mühseligen Weg zum Samenspender:

„ [...] Tatsächlich erhielten wir Massen an E-Mails von spendefreudigen Männern. [...] Wir verabredeten uns letztendlich mit vier Männern jeweils zu einem Blind Date in einem Cafe. Nach gut 15 Jahren relativ männerlosen Lebens, musste ich mich jetzt mit Männern treffen und mit ihnen über ihre Spermien und ihre Verwendung reden [...] Hilfe! [...] Unser zweites Date hieß Rolf und entpuppte sich sehr schnell als ein unsympathischer Typ, bei dem ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, ihn näher in Betracht zu ziehen. [...] Mir wurde der Typ von Minute zu Minute unangenehmer, seine hinter dem Kopf verschränkten Arme mit den dicken Schweißringen, seine zur Schau gestellte Coolness. [...] Unser drittes Date kam viel zu spät. Meine Freundin und ich hatten ihn schon aufgegeben und uns einen Cocktail bestellt. Dementsprechend ausgelassen waren wir, als er sich zu uns setzte. Er machte einen sympathischen und umgänglichen Eindruck. [...] Inzwischen sind meine Freundin und ich Eltern eines einjährigen Sohnes. Unser Kontakt zu unserem Samenspender hat sich zu einer losen Bekanntschaft entwickelt – nett, aber distanziert. Genauso wie wir es uns gewünscht und vorgestellt hatten. Für das nächste Jahr planen wir mit dem gleichen Spender ein weiteres Kind.“[6]


[1] o.A.: Geschichte der Samenspende, Onlineversion.
[2] Weitere Informationen bei Wikipedia.
[3] o.A.: Geschichte der Samenspende, Onlineversion.
[4] o.A.: Samenbanken, Onlineversion.
[5] Cryos: Worldwide network of sperm banks, Onlineversion.
[6] LSVD: Von Samenquellen und zivilem Ungehorsam, Onlineversion.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:  Februar 2013