IV. „Nach Holland fahren“ – Ungewollte Schwangerschaften

Mit dem Satz „Es wäre einer der größten Triumphe der Menschheit, wenn es gelänge, die Kinderzeugung von einer willkürlichen zu einer beabsichtigten Handlung zu erheben." sprach Sigmund Freud sicher vielen Paaren aus der Seele.[1] Seit Anbeginn aller Zeiten versuchen Frauen, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Und immer waren es in erster Linie die Frauen, die körperliche Risiken, drakonische Strafen und soziale Ächtung ertragen mussten, wenn sie ungewollt schwanger wurden und abtreiben mussten. Im Laufe der Jahrhunderte haben verzweifelte Frauen alles probiert, um Fehlgeburten herbeizuführen: Chinin, Zyankali, Blei, Kreide, Schimmelpilze, Seife, Salpetersäure, Terpentin und Frostschutzmittel wurden in die Gebärmutter eingeführt. Andere Frauen stürzten sich absichtlich Treppen hinunter oder versuchten mit einer Stricknadel oder dem Draht eines Kleiderbügels in der Gebärmutter die Fruchtblase zu öffnen. Bis Mitte der 1970er Jahre kämpften in jeder großen Klinik junge Frauen nach Abtreibungsversuchen mit lebensgefährlichen Infektionen.

Mutter Natur mutet den Frauen ungebremst statistisch 15 Schwangerschaften und zehn Geburten zu. Komplikationen bei der Geburt und Infektionen nach Abtreibungsversuchen oder im Wochenbett waren für Frauen Jahrtausende lang die häufigsten Todesursachen. Verhütungsmittel waren schwer zu bekommen und oft unzuverlässig. Die Spirale als Verhütungsmittel beispielsweise wurde zwar schon 1928 erfunden, verbreitete sich aber erst Jahrzehnte später. 1929 dagegen entdeckten zeitgleich der österreichischer Gynäkologe Hermann Knaus und sein japanischer Kollege Kyūsaku Ogino, dass der weibliche Zyklus fruchtbare und unfruchtbare Tage aufweist. Erst in den 1970er Jahren kam die sichere Anti-Baby-Pille auf den Markt. Zugleich entwickelten sich alternative Methoden wie die Spirale weiter. Von der katholischen Kirche wurde die Knaus-Ogino-Methode als einziges Mittel der Empfängnisverhütung toleriert. Umgangssprachlich wurde sie wegen ihrer Unzuverlässigkeit als „Römisches Roulette“ bezeichnet.[2] Nicht nur die Kirche, sondern immer wieder auch der Staat verhinderte den Zugang zur Verhütung. In Nazi-Deutschland beispielsweise war ab 1942 jede Art der Verhütung verboten. Ärzte durften nur den Frauen bei der Empfängnisverhütung helfen, die eine Schwangerschaft gesundheitlich nicht überlebt hätten.

Eine andere Möglichkeit als die Abtreibung blieb vielen Frauen oft nicht. Schon in der Weimarer Republik wurde über ein Recht auf Abtreibung diskutiert. Die Politiker aber hielten an der Weimarer Verfassung fest, die in den Paragraphen 218 bis 220 den Schutz des ungeborenen Lebens vorschrieb bei schwerer Strafandrohung gegen Abtreibende. Vergeblich forderten Frauen in den 1920er Jahren dessen ersatzlose Streichung. Real führte das Gesetz dazu, dass wohlhabende Frauen bei Ärzten im Ausland abtrieben, während Frauen aus der Unterschicht von „Engelmachern“ in  Lebensgefahr gebracht wurden und zudem das Risiko einer Haftstrafe in Kauf nehmen mussten. In der Nazi-Zeit stand die Abtreibung ab 1943 sogar unter Todesstrafe.

„Wir haben abgetrieben“

Ein striktes Abtreibungsverbot wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland zunächst beibehalten. Die DDR führte schon 1950 eine Fristenregelung ein, wonach eine Abtreibung innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate erlaubt war. In Westdeutschland dagegen regten erst in den 1970er Jahren die Feministinnen die öffentliche Debatte zum Thema wieder an. 1971 titelte das Magazin Stern auf Betreiben der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer: „Wir haben abgetrieben“. 374 Frauen bekannten öffentlich, eine Schwangerschaft abgebrochen zu haben, darunter Prominente wie Romy Schneider und Senta Berger. Alle Frauen gingen mit ihrer Selbstbezichtigung das Risiko einer Verurteilung wegen des Verstoßes gegen den Paragrafen 218 ein. Der Skandal war groß, die Bewunderung für die mutigen Frauen in weiten Teilen der Bevölkerung aber auch. Das Motto der Feministinnen „Mein Bauch gehört mir" war in aller Munde und eine von Alice Schwarzer initiierte Kampagne konnte innerhalb von zwei Monaten über 80.000 Solidaritätsunterschriften sammeln.

Wo aber hatten die Frauen aus dem Stern abgetrieben? Einigen dürften deutsche Ärzte und Ärztinnen unter großem persönlichem Risiko geholfen haben, manche hatten wohl Erfolg mit der lebensgefährlichen Stricknadel-Methode. Andere reisten ins Ausland – nach Jugoslawien, in die Schweiz oder nach Polen. 1968 legalisierte auch Großbritannien den Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten. Und ab den 1970er Jahren führten niederländische Mediziner Abtreibungen bei niederländischen und ausländischen Frauen durch. Sie agierten in einer legalen Grauzone. Tatsächlich dauerte es noch zehn Jahre, bis eine gesetzliche Regelung zu Praktiken des Schwangerschaftsabbruches 1981 beschlossen wurde, aber faktisch wurden schon in den 1970er Jahren Abtreibungen toleriert. Die liberale niederländische Praxis ließ immer mehr deutsche Frauen im Fall einer ungewollten Schwangerschaft in die nahegelegenen Niederlande ausweichen.

„Wir wollen nicht mehr nach Holland fahren"

Erst auf Duck der Frauenbewegung führte 1972 auch die Bundesrepublik eine Fristenregelung ein. Hiergegen legten jedoch CDU und CSU Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein, welches das Gesetz wieder kippte. Schließlich verabschiedete der Bundestag 1976 eine Neufassung des Paragraphen 218: Straffrei war ein Schwangerschaftsabbruch nun nur bei Vorliegen einer medizinischen, kriminologischen oder Notlagen-Indikation.

Was jedoch als „Notlage“ galt, war diskutabel. Insbesondere süddeutsche Gerichte ließen nur selten eine Notlageindikation gelten. Besonders viele Frauen aus Bayern und Baden-Württemberg fuhren deshalb über die Grenze in die liberaleren Niederlande. Und auch ungewollt Schwangere aus anderen Bundesländern sahen sich vielfach weiterhin zur Abtreibung im Nachbarland gezwungen. Denn auch viele Krankenhäuser verweigerten den Frauen medizinische Hilfe. Und die Schwangeren konnten sich ausrechnen: Bis sie ihre Notlageindikation durchgesetzt und eine Klinik gefunden hätten, wäre es schon zu spät. Zu Beginn der 1980er Jahre wurde etwa die Hälfte aller Abbrüche in den Niederlanden allein an deutschen Frauen durchgeführt. Der Abbruch im Ausland aber kostete die Frauen Geld und Kraft. „Wir wollen nicht mehr nach Holland fahren" hieß deshalb ein Buch, das 1978 die Familienberatung „Pro Familia“ herausgab.[3]

Ironischerweise war jedoch die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei in den Niederlanden wohnhaften Frauen im gebärfähigen Alter zeitgleich die niedrigste der Welt. 1990 nahmen beispielsweise nur 5,2 von 1.000 niederländische Frauen einen Schwangerschaftsabbruch vor. Dass eine Liberalisierung der Gesetze zu einer Unzahl von Abtreibungen führen würde, wie es Abtreibungsgegner immer wieder spekuliert hatten, war damit widerlegt. Tatsächlich erweis sich der einfache Zugang zu sicheren Verhütungsmitteln als entscheidend. Und hier schritten die Niederlande voran, indem sie Verhütungsmittel praktisch kostenlos abgaben. Spezielle Kliniken für Jugendliche, die den Gang zum Hausarzt oder Gynäkologen scheuten, wurden zudem Teil des normalen Gesundheitssystems. Abbrüche wurden daher meist nur noch dann nötig, wenn Fehler bei der Anwendung der Mittel gemacht wurden – was den gut aufgeklärten Niederländern selten passierte.

Memminger Hexenprozess

In Deutschland dagegen galt Abtreibung für Teile der Bevölkerung immer noch als Mord. Wie umstritten sie waren, zeigte der „Memminger Prozess“ von September 1988 bis Mai 1989. Angeklagt wurde der Memminger Frauenarzt Dr. Horst Theißen wegen 156 gewerbsmäßigen und illegalen Abtreibungen, bei denen kein Nachweis für eine Beratung oder Indikationsfeststellung vorlag. Fast neun Monate dauerte der größte Abtreibungsprozess der deutschen Rechtsgeschichte. Die Medien sprachen bald vom „Memminger Hexenprozess“, denn auf Grund der Art der Verfahrensführung und der Zeugenvernehmung kamen Zweifel an der Neutralität der Strafkammer auf.

Auch die Frauen, die mit Dr. Theißens Hilfe abgetrieben hatten, mussten vor Gericht aussagen und wurden nach ihren intimsten Lebensumständen ausgefragt. Das Verfahren fiel in die Zeit einer hochemotionalen politischen und gesellschaftlichen Debatte um die Rechtmäßigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen und heizte diese noch weiter an. Während des Prozesses gingen monatelang Abtreibungsgegner und Abtreibungsbefürworter bundesweit immer wieder auf die Straße. Theißen wurde in erster Instanz zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt, zudem wurde ein dreijähriges Berufsverbot ausgesprochen. Im Revisionsverfahren wurde die Freiheitsstrafe schließlich auf eineinhalb Jahren gesenkt und zur Bewährung ausgesetzt; das Berufsverbot wurde aufgehoben.[4]

Trotz der Verurteilung erfuhr der Arzt viel Unterstützung. Theißen sagte später dem MDR im Interview: „Es war damals erst mal so, dass ich gar nicht wusste, was auf mich zukam. Wird das jetzt anerkannt als Arbeit, was ich gemacht habe oder wird das eher in den Dreck gezogen. Ich wusste ja, was in der ganzen Materie drin steckt und da musste ich ja mit dem Schlimmstem rechnen. Aber es kam genau umgekehrt, dass es eine fast globale Zustimmung war."

Erst 1995 verabschiedete der Bundestag ein neues Abtreibungsrecht. Danach bleibt ein Schwangerschaftsabbruch nun in den ersten drei Monaten straffrei, wenn sich die Frau mindestens drei Tage vor dem Eingriff beraten lässt. Sie ist jedoch nicht mehr gezwungen, eine Notlage nachweisen zu müssen. Seit 1999 ist in Deutschland auch die Abtreibungspille Mifegyne zugelassen.

Spätabbrüche: niederländische Gesetzgebung auch heute noch vorteilhafter

Trotzdem werden auch heute in den Niederlanden noch etwa 14 Prozent der Abbrüche an Ausländerinnen vorgenommen – jetzt aber sind es Spätabbrüche nach dem dritten Monat. In den Niederlanden ist ein Schwangerschaftsabbruch bis zu dem Zeitpunkt erlaubt, zu dem das Kind auch außerhalb des Mutterleibs lebensfähig wäre, in der Regel bis zur 22. Schwangerschaftswoche. In Deutschland dagegen ist eine Abtreibung nach dem dritten Schwangerschaftsmonat nur legal, wenn eine medizinische Indikation vorliegt, d.h. die körperliche oder psychische Gesundheit der Frau durch die Schwangerschaft gefährdet ist. Stellt sich dagegen heraus, dass das Kind schwerstbehindert und nach der Geburt nicht lebensfähig wäre, ist sie verboten. Ein nicht lebensfähiges Baby auszutragen, ist jedoch eine extreme Belastung. In diesem Fall kann der Arzt oder die Ärztin einen Spätabbruch darum offiziell mit der Gefährdung der psychischen Gesundheit der Frau begründen. Jährlich werden in Deutschland etwa 2.500 Abbrüche mit medizinischer Indikation nach der 14. Schwangerschaftswoche durchgeführt, das sind etwa zwei Prozent aller Abbrüche.[5]

Erneut aber ist die Schwangere damit auf verständnisvolle medizinische Unterstützung zwingend angewiesen. Lehnt der Arzt den Eingriff ab, bleibt ihr nur, diesen im Ausland durchführen zu lassen, meist in den Niederlanden. Diese Möglichkeit nehmen etwa 600 Frauen aus Deutschland pro Jahr wahr. Nicht erhoben wird in den Statistiken, warum diese einen Spätabbruch benötigten. Möglich ist beispielsweise auch, dass die betreffende Frau die Schwangerschaft erst sehr spät erkannt hat. Insgesamt lassen mehr deutsche als niederländische Frauen in den Niederlanden einen Spätabbruch vornehmen: Weniger als 500 niederländische Frauen pro Jahr treiben erst zwischen der 13. und 22. Woche ab.

Insgesamt stieg in den Niederlanden selbst die Zahl der Abtreibungen  nach 1995 wieder gering an  und hat sich seit 2001 auf etwas höherem Niveau wiederum stabilisiert. Auch die Teenagerschwangerschaften insgesamt, d.h. Geburten und Schwangerschaftsabbrüche von nicht volljährigen Mädchen, nahmen in den Niederlanden bis 1995 ab und stiegen danach wieder leicht an. Für die Altersgruppe der unter 24-Jährigen wird die Ursache darin vermutet, dass die niederländischen Krankenkassen Verhütungsmittel junger Frauen nicht mehr bezahlen und diese darum auf preisgünstigere, aber weniger sichere Methoden der Empfängnisverhütung zurückgreifen. Andererseits wird die Zunahme auch auf die starke Einwanderung zurückgeführt. Mehr als die Hälfte aller Abbrüche betreffen Immigrantinnen der ersten und zweiten Generation, die eine wesentlich höhere Abbruchrate haben als Niederländerinnen ohne Migrationshintergrund. Bei diesen ist die Zahl der Abbrüche weiterhin rückläufig.

Für ungewollt Schwangere ist die niederländische Gesetzgebung auch heute noch um einiges vorteilhafter, weil sie ihnen mehr Selbstbestimmung einräumt. „Nach Holland fahren“ Frauen aus Deutschland also noch immer – allerdings bei weitem nicht mehr so viele wie in den 1980er Jahren.


[1] Hamann, Sibylle: "Ich habe in die Hölle geschaut", in: EMMA Nr. 3, Jg. 2009 (2009), Onlineversion.
[2] Weitere Informationen bei Wikipedia.
[3] Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: Buchvorstellung, Onlineversion.
[4] Weitere Informationen auf Wikipedia.
[5] casa: Schwangerschaftsabbruch im zweiten Trimester, Onlineversion.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:  Februar 2013