VI. Pragmatismus

Es schien, als ob die Autorinnen der oben genannten Publikationen prompt eines besseren belehrt wurden, denn in den achtziger Jahren kehrte die feministische Bewegung wieder in die Gesellschaft zurück und die vormals von vielen als verwerflich angesehenen Ziele – wie Streben nach Macht in Politik und Gesellschaft oder eine gut bezahlte Karriere – wurden nun akzeptiert. Ob diese Kehrtwende durch die genannten Publikationen beeinflusst wurde, ist allerdings fraglich. Vermutlich musste man sich in eine Gesellschaft einfügen, die unter dem Einfluss der Rezession seit den späten siebziger Jahren härter wurde. Es entstand eine neue 'no-nonsense' Mentalität, die gemeinsam mit einer ungezügelten Inflation, verschuldeten öffentlichen Haushalten und einer anhaltend hohen Arbeitslosigkeit auftrat[1]. Außerdem wurden die scharfen Kanten im Verhältnis von Feminismus und etablierter Politik unter dem Einfluss zunehmender Institutionalisierung, die trotz allem stattfand, abgeschliffen. Ein Beispiel dieser Institutionalisierung war die Anstellung von Mitarbeiterinnen im Bereich Frauenstudien an den meisten niederländischen Universitäten in den achtziger Jahren, durch die ein wichtiges Segment der feministischen Bewegung in das 'System eingeschlossen' wurde.

Ein anderes Beispiel bildet die Gleichstellungspolitik. Nach einem schwierigen Start gelang es der Staatssekretärin für Emanzipationsangelegenheiten Hedy d'Ancona (1981-1982) eine Brückenfunktion zwischen Staat und feministischer Bewegung einzunehmen, wodurch die Gleichstellungspolitik in feministischen Kreisen akzeptierter wurde. Während ihrer Amtsperiode, so kurz sie auch war, wurden die Bausteine für die weitere Gleichstellungspolitik in den achtziger Jahren zusammengetragen. Sie setzte unter anderem eine Kommission über die Frage ein, wie sich feministische Theorie in Regierungshandeln übersetzen lasse. Die Kommission publizierte einen in feministischen Kreisen stark diskutierten Bericht, in dem eine deutliche Verbindung zwischen der ökonomischen und sexuellen Unterdrückung von Frauen aufgezeigt wurde[2]. Dadurch wurde die Basis für eine staatliche Politik gelegt, die der Förderung ökonomischer Unabhängigkeit von Frauen und zudem der Bekämpfung von sexueller Gewalt Aufmerksamkeit schenkte. Insbesondere die wachsame Haltung von staatlicher Seite gegenüber letzterem Thema, ein schlechthin radikal-feministisches Anliegen, machte es für Feministinnen einfacher, ihrerseits das frühere Misstrauen gegenüber der etablierten Politik und dem Staat aufzugeben. Man kann uneingeschränkt von einer Kehrtwende in der feministischen Grundhaltung sprechen, die unter dem Einfluss wachsenden Pragmatismus viel zugänglicher wurde[3].

In dieser 'realistischen' und pragmatischen Periode konnten sich die Zielstellungen des 'liberalen Feminismus' einer deutlichen Popularität erfreuen. Für die achtziger Jahre waren breit zusammengestellte Organisationen und Plattformen wie die 'Assoziation zur Neuverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit' und der 'Breiten Plattform Frauen für ökonomische Selbstständigkeit' typisch, diese stellten die 'liberalen' Ziele in den Vordergrund. Dies geschah unter anderem auch auf den Kongressen über die Neuverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, organisiert vom Verlag 'De Populier'. Die Ziele konkretisierten sich im Streben nach einer 25-stündigen Arbeitswoche für alle. Dieses Streben nach Arbeitszeitverkürzung fand zeitweise auch Unterstützung durch Organisationen der Gewerkschaftsbewegung und durch die Partij van de Arbeid. Diese Gruppierungen sahen hierin auch eine Lösung für die hohe Arbeitslosigkeit, eine Auffassung, die auch international Anklang fand. Als die Wirtschaft in den späten achtziger Jahren wieder anzog, verschwand die Arbeitszeitverkürzung aber aus dem Blickfeld[4].

In dieser pragmatischen Periode sank die Neigung zur Polarisierung zwischen diversen Strömungen. Typisch war zum Beispiel, dass die für die siebziger Jahre so prägende Gegenüberstellung zwischen 'alter' und 'neuer' Bewegung an Kraft verlor. Der 'liberale Feminismus' in heutiger Form fand nun auch Anhang innerhalb der traditionellen Frauenorganisationen, von 'Vrouwenbelangen' bis zum 'Niederländischen Bund der Landfrauen' und der 'Katholischen Frauengilde'[5].

Parallel hierzu wurden während der achtziger Jahre der radikale Feminismus (und auch die durch diesen beeinflusste fem-soc-Strömung) als Ideologie weniger einflussreich. Eines der Überbleibsel dieser Strömung war die Zeitschrift 'Katijf', in der die radikaleren Gruppen, wie die 'Fürsprecherinnen für ein Basiseinkommen für jeden', zu Wort kamen. Feministinnen bemühten Wörter wie 'Patriarchat' und 'Unterdrückung' nicht mehr so oft und ersetzten diese durch die neutralere 'Machtungleichheit' oder sogar das vornehme 'asymmetrische Verhältnis zwischen den Geschlechtern'. Auch das Modebild in der Bewegung veränderte sich. Die 'revolutionäre' Jeans und das ungeschminkte Gesicht aus den siebziger Jahren machten Platz für Bleistiftrock, Pfennigabsatz, Make-Up und Netzstrümpfe[6].

Insgesamt schien am Ende des Jahrzehnts die Zeit für die Zweite Frauenbewegung abzulaufen. Eine um sich greifende 'Emanzipationsmüdigkeit' inner- und außerhalb der Bewegung fing an, ihren Zoll in Form verringerter Aktionsbereitschaft einzufordern. Außerdem konnte sich die Bewegung mit einigen Erfolgen rühmen, vor allem in den Bereichen der Bildung, der veränderten Geisteshaltung und der 'Körperpolitik': daher war Feminismus zwar nicht überflüssig, schien aber doch weniger notwendig als vorher. Diese Abwärtstendenz wurde durch einen sich nach rechts verschiebenden Zeitgeist verstärkt, als dessen Folge auch andere neue soziale Bewegungen an Fahrt verloren. Ein politisches Klima, in dem eine anhaltende stringente Kürzungspolitik für notwendig erachtet wurde, gekoppelt mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Ost-Europa, wirkte nicht förderlich für ein linksgerichtetes Aktionswesen[7].

Anfang der neunziger Jahre war von der ursprünglichen Bewegung der Zweiten Frauenbewegung nicht mehr viel übrig. Man Vrouw Maatschapij, die zu ihrem Höhepunkt 1973 3.000 Mitglieder zählte, war 1988 auf 500 Mitglieder geschrumpft und wurde in diesem Jahr aufgelöst. Die Rooie Vrouwen, in den achtziger Jahren anfangs heimgesucht von internen Auseinandersetzungen und später von Apathie und fehlender Aufmerksamkeit, verschwanden zu Beginn der neunziger Jahre. Auch die anderen, zur damaligen Zeit aufsehenerregenden Gruppen und Organisationen, wurden stets weniger wahrgenommen. Eine Ausnahme von diesem Trend bildete lediglich die feministische Monatszeitschrift 'Opzij', gegründet im Herbst 1972. Diese Zeitschrift konnte sich weiterhin einer Auflage von über 50.000 Exemplaren rühmen. Sie hatte sich inzwischen von ihrem ursprünglich radikal-feministischen Ausgangspunkt wegbewegt und entwickelte sich immer mehr zu einem Magazin für gut ausgebildete junge Frauen auf breiter feministischer Basis.


[1]Rooy, P. de: Republiek van rivaliteiten, Nederland sinds 1813, Amsterdam 2002, S. 268. Wielenga, Friso: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008, Kapitel 7.
[2]A, M. van der et al.: Een analyse van het vrouwenvraagstuk, Den Haag 1982. Siehe auch Oldersma, J.: More women or more feminists in politics?, Advocacy coalittions and the representation of women in the Netherlands 1967-1992, in: Acta Politica (2002), S. 296 ff.
[3]Ribberink, Anneke: Rebellerende vrouwen, in: Socialisme en Democratie, Maandblad van de Wiardi Beckman Stichting Nr. 7/8, Jg. 61 (2004), S. 92–99.
[4]Douma, Kris: Arbeidstijdverkorting, herbezetting en controle: dilemma’s in het werkgelegenheidsbeleid, in: Socialisme en Democratie Nr. 2, Jg. 45 (1988), S. 39–44. Zanden, Jan Luiten van: Een klein land in de 20e eeuw, Economische geschiedenis van Nederland 1914-1995, Utrecht 1997, S. 229. Etty, Elsbeth: Rotzooitolerantie, Kongres over herverdeling betaald en onbetaald werk, in: Katijf. Een feministiese visie (1985), S. 8–13.
[5]Dorsman, Willy et al.: Feminisme en politieke macht 2, Amsterdam 1983. Dorsman, Willy et al.: Tussenrapport herverdeling betaalde en onbetaalde arbeid, Amsterdam 1984.
[6]Ribberink, Anneke: De spanning tussen gelijkheid en verschil, Twintig jaar feminisme in Nederland, in: Socialisme en democartie 5 (1988), S. 145–155, hier S. 150.
[7]Duyvendak, J.W. et al. (Hrsg.): Tussen verbeelding en macht, 25 jaar nieuwe sociale bewegingen in Nederland, Amsterdam 1992, Kapitel 3.

Autorin: Dr. Anneke Ribberink
Erstellt: Mai 2013