V. Mentalität und Macht

Großen Erfolg verbuchte die feministische Bewegung auf dem Gebiet der Mentalitätsveränderung. Zu Beginn der achtziger Jahre stellte sich eine Mehrheit der niederländischen Bevölkerung hinter das Prinzip, dass unbezahlte und bezahlte Arbeit zwischen den Geschlechtern neu verteilt werden müsse[1]. Gleichzeitig wurden wichtige Fortschritte im Bildungssektor erzielt. Ende der siebziger Jahre waren die Anteile von Jungen und Mädchen beim Besuch der verschiedenen Typen der weiterführenden Schulen beinahe gleich. Die Mädchen hatten ihren Rückstand aus den sechziger Jahren in großen Schritten aufgeholt[2]. Einen wichtigen Beitrag hierzu lieferten unbezweifelbar die rollendurchbrechenden Aktivitäten der Stiftung „Marie, word wijzer!' (dt. 'Marie, werde klüger!'). Getragen von einer großen Anzahl Organisationen entwickelte sich diese Stiftung 1972 aus einer gleichnamigen Kampagne von Man Vrouw Maatschapij hervor, die ein Jahr zuvor gestarteten worden war.

Die Umverteilung der Macht an Frauen ging nicht so flüssig vonstatten. Aufgrund der Hochkonjunktur und des feministischen Einflusses gab es zwar seit Ende der sechziger Jahre eine Zunahme von bezahlter Frauenarbeit. Diese resultierte aber nicht in einem substantiellen Durchbruch in Führungspositionen. Frauen blieben in den unteren Teilzeitstellen überrepräsentiert, schlecht bezahlt und mit wenig Chancen auf Aufstieg. Zu Beginn der achtziger Jahre war der Anteil bezahlt arbeitender Frauen auf 32 Prozent gestiegen, aber nur fünf bis zehn Prozent der Führungspositionen wurde von ihnen bekleidet[3]. Es bestanden starke Widerstände in der Gesellschaft gegen Frauen in höheren Positionen. Vermutlich war die fallende Konjunkturlinie aber der ausschlaggebende Faktor für die sich verschlechternden Arbeitschancen für Frauen. Insbesondere nach der Ölkrise im Jahr 1973 verminderte die zunehmende Arbeitslosigkeit die Chancen von Neuanfängerinnen auf dem Arbeitsmarkt[4].

Angesichts der starken Mentalitätsveränderung und anderen in relativ kurzem Zeitraum erreichten Erfolgen, wäre es vielleicht realistisch gewesen, sich mit dem zufrieden zu geben, was man bis dahin erreicht hatte. Wenn man bedenkt, wie groß die Gegensätze in den Geschlechterverhältnissen Ende der sechziger Jahre waren, kann es kaum verwundern, dass ein Jahrzehnt später noch nicht an allen Fronten triumphiert werden konnte.

Nichtsdestotrotz kamen Warnungen – und zwar nicht von den unwichtigsten unter den Feministinnen – dass das Tempo der Bewegung zu gering war. Frontfrau Joke Smit schrieb 1978 einen aufsehenerregenden Essay unter dem vielsagenden Titel 'Ist der Feminismus dem Tode geweiht?'. In diesem stellte sie die These auf, dass der niederländische Feminismus viel erreicht habe, dass Frauen sich ihrer selbst bewusst wurden, aber in der Phase des Bewusstwerdens stecken geblieben seien und politisch keine Schlagkraft hätten entwickeln können. Dem Feminismus fehlte es an den so notwendigen zielführenden Organisationsformen und an Macht[5]. Im Jahr 1982 sorgte erneut eine packende Publikation über die niederländische feministische Bewegung für Aufsehen. Diesmal handelte es sich um eine Zeitschrift des politisch-kulturellen Zentrums 'De Populier' aus Amsterdam, in der die Ergebnisse eines gut besuchten Kongresses veröffentlicht wurden. Die wichtigsten Strömungen und Organisationen des Feminismus kamen zum Thema 'Feminismus und politische Macht' zu Wort. Das düstere Fazit war, dass der niederländische Feminismus zwar auf dem Gebiet der Mentalitätsveränderung viel erreicht, aber in Bezug auf politische Macht und strukturelle Veränderungen versagt habe. Als Beispiele wurden genannt, dass gute Kindertagesstätten fehlten und dass die Neuverteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit noch immer kaum in Gang gekommen war[6].


[1]Oudijk, Corrine: Sociale atlas van de vrouw 1983, Den Haag 1983.
[2]Ebd., S. 156. Im Schuljahr 1979/1980 nahmen folgende Prozentzahlen am zweiten Schuljahr der weiterführenden Schulen teil: Jungen 23,5% VWO, 21,7% HAVO, 54,8% MAVO. Mädchen: 21,6% VWO, 21,2% HAVO, 57,2% MAVO. VWO entspricht in etwa dem deutschen Gymnasium, HAVO der Realschule (führt aber auch zur Fachhochschulreife) und MAVO der Hauptschule.
[3]Morée, Marjolein: Mijn kinderen hebben er niets van gemerkt, Buitenshuis werkende moeders tussen 1950 en nu, Utrecht 1992, S. 226, 227.
[4]Woltjer, G.: De economische manier van denken, Bussum 1997.
[5]Smit, J.: Is het feminisme ten dode opgerschreven?, in: Palman, A. et al. (Hrsg.): Tien over tijd, 1968-1978, Den Haag 1978, S. 50–76.
[6]A, M. van der et al.: Een analyse van het vrouwenvraagstuk, Den Haag 1982. Siehe auch Oldersma, J.: More women or more feminists in politics?, Advocacy coalittions and the representation of women in the Netherlands 1967-1992, in: Acta Politica (2002), S. 283–317.

Autorin: Dr. Anneke Ribberink
Erstellt: Mai 2013