VII. Erbe

Das Erbe der zweiten feministischen Welle hat sicher einen genauso widersprüchlichen Charakter wie die Entstehungsphase. Unter anderem, weil der erzielte Fortschritt in den sehr verschiedenen Bereichen nicht das gleiche Tempo hatte.

Auf der Habenseite kann das neue Abtreibungsgesetz aus dem Jahr 1984 genannt werden. Zwar waren die meisten involvierten Parteien nur teilweise mit dem Gesetz zufrieden, aber die Hauptsache war, dass es die bestehende liberalisierte Abtreibungspraxis nicht durchkreuzte[1]. Die wachsende Teilhabe von Mädchen im Bildungssektor setzte sich fort. Auch auf dem Gebiet der Parteipolitik und der repräsentativen politischen Körperschaften, traditionell Männerbollwerke, ließ sich eine gesteigerte Frauenteilnahme sehen. Der Anteil weiblicher Mitglieder in der Zweiten Kammer war seit Ende der Achtziger Jahre auf 20 Prozent gestiegen, zweieinhalb mal so viel wie zu Ende der sechziger Jahre[2]. Seit der ersten Frau in einem Ministeramt, Marga Klompé, in den fünfziger und sechziger Jahren saß in fast allen Kabinetten eine Ministerin und/oder Staatssekretärin; in den achtziger Jahren waren es in der Regel zwei Ministerinnen. Wohl besetzten diese Frauen meistens die 'weichen' Ressorts wie Soziale Arbeit, Kultur, Gesundheit und Entwicklungszusammenarbeit; Ressorts, die weniger Ansehen haben als die 'harten' wie Verteidigung, Auswärtige Angelegenheiten, Wirtschaft und Finanzen[3]. Der Anteil bezahlt arbeitender Frauen hatte bis 1991 weiter zugenommen und betrug in dem Jahr 56 Prozent. Der Anteil von Frauen an der Gesamtheit der Berufstätigen betrug im gleichen Jahr 40 Prozent. Außerdem blieb die bereits in den siebziger Jahren festgestellte Mentalitätsveränderung in der niederländischen Bevölkerung bestehen: 61 Prozent waren 1991 der Meinung, dass die bezahlte Arbeit gleich zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden muss. Nur noch 22 Prozent hatten Probleme mit Frauen, die Kinder im Schulalter haben und außer Haus bezahlter Arbeit nachgehen (also eine Verminderung um 60 Prozent verglichen mit dem Anteil im Jahr 1965![4]). Die Aufmerksamkeit aus der feministischen Bewegung gegenüber sexueller Gewalt resultierte in einer Zunahme der Anzeigenbereitschaft unter Opfern und einer Vergrößerung des Wissens über diese Problematik im Justizapparat[5]. Auch sollte dank des seit den siebziger Jahren laufenden feministischen Kampfes 1991 eine Gesetzesänderung durchgeführt werden, die Vergewaltigung innerhalb der Ehe und vergleichbaren Beziehungen unter Strafe stellte[6].

Es gab aber auch eine Sollseite. Als erstes muss auf die sogenannte 'gläserne Decke' verwiesen werden, darunter werden offene und verdeckte Mechanismen der dominanten (Männer-)Kultur in Politik, Staat, Betriebsleben und Wissenschaft verstanden. Dieses international vorkommende Phänomen verhinderte, dass Frauen, die unter dem Einfluss der Zweiten Frauenbewegung vorwärts gekommen waren, wirklich bis zur Spitze durchstießen. Beispiele für solche hartnäckigen Widerstände waren der schwierige Zugang zu den 'old boys Netzwerken' und die mehr oder weniger öffentlich geäußerten Zweifel in Bezug auf die Kompetenzen sich bewerbender Frauen. Als Resultat wurden Frauen ausgeschlossen – aber sie schlossen sich auch selbst aus, da sie sich nicht den herrschenden Normen und Werten unterwerfen wollten[7]. Ein gutes Beispiel für die gläserne Decke war und ist der geringe Anteil an Frauen in der Leitung wissenschaftlicher Lehre und Forschung. Ende der achtziger Jahre waren 38 Prozent der Studierenden an Hochschulen weiblich. Ein Jahrzehnt später war der Anteil auf 50 Prozent gestiegen. Dagegen war der Anteil weiblicher Lehrender nicht höher als fünf Prozent und auch in den übrigen wissenschaftlichen Funktionen musste ein niedriger bis viel zu niedriger weiblicher Anteil konstatiert werden; die Niederlande standen in dieser Hinsicht auch international ausgesprochen schlecht da, obwohl auch in den anderen Ländern die Ergebnisse keineswegs besonders prächtig sind[8].

Im Arbeitsleben kann auch nicht nur von Fortschritt gesprochen werden. Seit dem Ende der achtziger Jahre wurde konstatiert, dass die Zunahme des Anteils bezahlt arbeitender Frauen auch seine Schattenseiten hat. Es entstanden Probleme bei der Kombination von Hausarbeit und Arbeit außer Haus und oft war Überbelastung die Folge[9]. Die durch den Feminismus der Zweiten Frauenbewegung von Beginn an vorgeschlagene Lösung – Arbeitszeitverkürzung und Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern – hatte nur in sehr begrenztem Maße stattgefunden. Daneben traten die ersten Frauen auf, die die Mutterschaft zugunsten der gewünschten Karriere aus- oder zurückgestellt hatten, diese Entscheidung nun bereuten und in letzter Minute noch ein Kinder zu kriegen versuchten, was nicht immer glückte.

Im Kielsog der no-nonsense Mentalität und einer versachlichten Gesellschaft wurde bezahlte Arbeit nun überbewertet. Dies unterschied sich stark von der Kritik am übermäßigen Arbeitsethos, die den Feminismus der Zweiten Frauenbewegung in seiner Anfangsphase auszeichnete. War in den fünfziger Jahren eine bezahlt arbeitende Mutter die Ausnahme gewesen, schien Ende der achtziger Jahre nun das Gegenteil der Fall zu sein. Jetzt musste die zu Hause bleibende Mutter sich in zunehmenden Maße gegen Kritik verteidigen. Dass die ursprünglich ganz anders entworfenen neuen Arbeitsideale so ausarteten, lag unter anderem daran, dass die feministische Bewegung ihre Stimme nicht mehr hören ließ – sie hatte in den späten achtziger Jahren massiv an Kraft verloren.

Unübersehbar hat sich viel auf dem Gebiet der Geschlechterverhältnisse in der zwanzigjährigen Periode der Zweiten Frauenbewegung verändert. Es bestand ein himmelweiter Unterschied zwischen den Perspektiven junger Frauen in den sechziger Jahren und denen ihrer Nachfolgerinnen in den neunziger Jahren. Die erste Gruppe hatte zum Großteil einen feststehenden Lebenslauf als Aussicht: heiraten, Hausfrau werden und Kinder kriegen. Für alle, die dies anstrebten, war das ja auch in Ordnung. Aber eine wachsende Gruppe junger Frauen, vor allem die gut ausgebildeten unter ihnen, begann diese Aussicht als ein beengendes Korsett zu erfahren. Im Allgemeinen unterstützt von der Entfaltungsideologie der bewegten sechziger Jahre und im Besonderen durch den Feminismus, öffneten sie ihre Flügel weiter in die Gesellschaft hinein.

Ab und zu wird die Frage gestellt, ob Frauen dadurch glücklicher geworden sind. Dazu passt eine Antwort aus dem Artikel von Joke Kool-Smit über 'Das Unbehagen der Frau' aus dem Jahr 1967:
„Es gibt wohl ab und zu Menschen, die mir entgegnen: Glaubst du denn wirklich, dass sich Frauen glücklicher fühlen werden, wenn sie arbeiten und emanzipiert sind? Meine Antwort ist: Darüber weiß ich nichts – und da geht es auch nicht drum. Man könnte das Arbeiten gehen von verheirateten Frauen mit der Ausweitung von Bildung vergleichen. Beide ermöglichen es Menschen, ihren Horizont zu erweitern und mehr Interesse an der Welt zu zeigen, da sie über mehr Anknüpfungspunkte verfügen. (…) Wer darin Erfolg hat, sein Potential zu realisieren, kann sich zufrieden fühlen. Wer aufgrund seiner eigenen Erfolge geschätzt wird und nicht aufgrund der Position des Ehepartners muss sich nicht mehr als Anhängsel fühlen; der Weg zum Selbstrespekt ist nicht mehr blockiert.“[10]


[1]Outshoorn, J.: De politieke strijd rondom de abortuswetgeving in Nederland 1964-1984, Den Haag 1986, S. 283, 303 ff.
[2]Leijenaar, M.: De geschade heerlijkheid, Politiek gedrag van vrouwen en mannen in Nederland, 1918-1988, Den Haag 1989, S. 243.
[3]Mostert, Gerard: Marga Klompé 1912-1986, Een biografie, Amsterdam 2011, S. 531, 532.
[4]Hooghiemstra, B./Niphuis-Nell, M.: Sociale atlas van de vrouw, deel 2, Arbeid, inkomen en faciliteiten om werken en de zorg voor kinderen te combineren, Den Haag 1993, S. 228, 234.
[5]Es gibt eine Diskussion darüber, ob die Zunahme von Verurteilungen bei allen Formen sexueller Straftaten in den achtziger Jahren der größeren Aufmerksamkeit zu verdanken ist, oder ob dies (hauptsächlich) das Ergebnis einer wirklichen Zunahme an verübten Gewalttaten ist, unter denen insbesondere Vergewaltigung genannt werden muss. Siehe Delft, M. van: Sociale atlas van de vrouw 1, Gezondheid en hulpverlening. Seksualiteit en (seksueel) geweld, Den Haag 1991, S. 106, 107.
[6]Zeegers, N.: De invloed van feministische definities in het strafrecht, in: Historica (2001), S. 9–11.
[7]Brinkgreve, Chr.: Old boys, new girls, De toegang van vrouwen tot elites, in: AST (1992), S. 164–184.
[8]Sociaal Cultureel Planbureau: Sociaal en Cultureel Rapport 1988, Alphen aan den Rijn 1988, hier S. 18. Zur gleichen Beteiligungsquote von weiblichen und männlichen Studierenden am Hochschulstudium muss allerdings angemerkt werden, dass die Studienfachwahl immer noch in hohem Maß entlang der traditionellen Geschlechterlinien geschieht. Konkret ist der geringe Anteil weiblicher Studierender in den naturwissenschaftlichen Fächern zu nennen.
[9]Brinkgreve, Chr.: De belasting van de bevrijding, Nijmegen 1988.
[10]Smit, J.: Er is een land waar vrouwen willen wonen. Teksten 1967-1981, Amsterdam 1984, S. 15-42, hier S. 41, 42.

Autorin: Dr. Anneke Ribberink
Erstellt: Mai 2013