VIII. Nach der Zweiten Frauenbewegung

In den Genderstudies wird viel darüber diskutiert, was heutzutage vom Feminismus übriggeblieben ist. Einige sind der Meinung, dass der Feminismus schon noch besteht, aber vor allem in einigen etablierten Lobby-Organisationen konzentriert ist. Andere finden, dass der Feminismus nahezu verschwunden ist und dass die heutige Generation junger Frauen auch keinen Bedarf an Feminismus hat. Die letztere Meinung wurde insbesondere in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verkündet, unter anderem von Sanderijn Cels, Autorin eines bekannten Buches zu diesem Thema. Ihr zufolge sympathisieren junge Frauen mit dem Feminismus und teilen die Ideale der Zweiten Frauenbewegung, aber sie fühlen kein Bedürfnis, in Form einer Bewegung für diese in Aktion zu treten[1]. Es wird auch auf das Potential an Unzufriedenheit unter jungen Frauen mit Migrationshintergrund verwiesen. So rief die Publizistin Ayaan Hirsi Ali 2003 und 2004 zu einer dritten feministischen Welle auf. Allerdings ist nicht deutlich, inwieweit sie Sprachrohr für eine größere Gruppe war oder hauptsächlich für sich selbst sprach. Fakt ist auf jeden Fall, dass eine wachsende Anzahl an Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund einen Emanzipationsprozess durchläuft und an Jungen und Männer mit Migrationshintergrund vorbeizieht[2].

Die Anzahl feministischer Wortmeldungen ist seit der Jahrtausendwende wieder gewachsen. Mit dem Aufkommen des Internets ist der 'Cyber-Feminismus' entstanden. Es sind diverse feministische Internetportale eingerichtet worden, von denen das des 'Instituts für Emanzipation und Frauengeschichte', 'Aletta-Equality', das wichtigste ist[3]. Da das Problem der Vereinbarkeit von bezahlter Arbeit und Familienaufgaben nicht gelöst ist, entstand nach der Jahrtausendwende eine heftige Debatte zwischen den sogenannten 'Teilzeitfeministinnen' und den 'Powerfeministinnen'. Letztere hatten die Publizistin Heleen Mees als Anführerin. Sie verwies wiederholt auf die Vereinigten Staaten, wo Frauen erheblich mehr Vollzeitstellen haben[4]. Sie stand auch an der Wiege der Organisation 'Women on top', die sich für mehr Frauen in höheren und Leitungspositionen einsetzte und die zu diesem Zweck zwischen 2007 und 2011 Aktionen durchführte. Im Allgemeinen lehnen die 'Powerfeministinnen' das sogenannte 'Opferdenken' der Zweiten Frauenbewegung ab. Sie finden, dass Frauen sehr gut in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen[5]. Die 'Teilzeitfeministinnen' finden dagegen, dass die Niederlande, als Spitzenreiter Europas bei der Anzahl Frauen, die in Teilzeit arbeiten (73 Prozent), eine Vorbildfunktion ausfüllen. Seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts gibt es in den Niederlanden eine relativ hohe Anzahl bezahlt arbeitender Frauen (2009: 70 Prozent), aber ein großer Teil arbeitet nicht mehr als zwei oder drei Tage in der Woche[6]. Das sogenannte Anderthalb-Einkommen-Modell dominiert, wobei der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau eine kleine Teilzeitstelle innehat. Untersuchungen zeigen, dass niederländische Frauen im Allgemeinen mit diesem Modell zufrieden sind. Damit ist aber das Problem nicht gelöst, dass eine ökonomische Selbstständigkeit von Frauen fehlt – immerhin einer der Punkte, die im Fokus der Zweiten Frauenbewegung standen. Eine von drei Ehen endet mit einer Scheidung; es sind gerade die Frauen, die dann finanziell das Nachsehen haben[7].

Die Publizistin Roos Wouter plädiert mit ihrer Strömung 'feMANismus' dafür, mit Männern zusammenzuarbeiten, um das Problem der Vereinbarkeit zu lösen. Bei den Kennern der Zweiten Frauenbewegung ruft dies ein déjà-vu-Gefühl hervor. Daneben ist sie Fürsprecherin vom sogenannten 'neuen Arbeiten' als einer Lösung des Vereinbarkeitsproblems, neben anderen wie Teilzeitarbeit und geteilten Arbeitsstellen. Beim 'neuen Arbeiten' werden feste Arbeitsplätze und -zeiten aufgegeben[8]. Dies ist ein Modell, das zurzeit in vielen Arbeitsstellen Eingang findet. Dies geschieht nicht nur mit dem Blick auf die Kombination von Hausarbeit und bezahlter Arbeit sondern es wird auch als eine Lösung für die Umweltproblematik betrachtet, da der Pendelverkehr zwischen Wohnung und Arbeit dadurch weniger würde. Das Lösungsangebot der Zweiten Frauenbewegung, die allgemeine Arbeitszeitverkürzung, ist seit dem ökonomischen Boom der neunziger Jahre komplett aus dem Blickfeld verschwunden.

Das dümmliche und sexuell aufgeladene Bild von Frauen in der Werbung ist ein Problem, das in der Anfangsphase der Zweiten Frauenbewegung schon eine Rolle spielte. Es ist nicht gelöst und scheint sich sogar noch verschlimmert zu haben. Dolle Minna agierte schon gegen das Bild von Frauen als 'Lustobjekt'. 2007 produzierte die Journalistin Sunny Bergmann eine Fernsehdokumentation mit dem Titel 'Beperkt Hooudbaar' (begrenzt haltbar), die viel Staub aufwirbelte. Sie stellte in dieser Dokumentation die Praxis an den Pranger, dass Frauen sich ihre Schamlippen mit Hilfe plastischer Chirurgie wegoperieren lassen, da das schöner sei. Diese und andere Eingriffe wie Brustvergrößerung und -verkleinerung finden vor allem in den Vereinigten Staaten Anklang, sind aber in zunehmenden Maße auch in den Niederlanden anzutreffen[9].

Aufsehenerregend und umstritten ist die Stiftung 'Women on Waves', 1990 von der Abtreibungsärztin Rebecca Gomperts gegründet. Ein sogenanntes Abtreibungsboot befährt die internationalen Gewässer. 'Women on Waves' gibt außerhalb territorialer Gewässer Verhütungsmittel und Informationen an Frauen aus, die sonst zu diesen keinen Zugang haben. Außerdem führt die Organisation sichere und legale Abtreibungen bei Frauen durch, in deren Ländern diese verboten sind[10].

Der Fortschritt verteilt sich nicht gleichmäßig auf alle Sektoren, eine Sache ist aber sicher: Frauen sind im Westen Männern gleichgestellter als je zuvor. Laut den Vereinten Nationen stehen die Niederlande gut dar, wenn es um Geschlechtergleichheit im Bildungssektor und im Gesundheitsbereich sowie um politische Teilhabe geht[11]. Insbesondere nach der Jahrtausendwende hat es eine Zunahme an weiblichen politischen Führungskräften in den Niederlanden und angrenzenden Ländern gegeben. 2012 waren gut 38 Prozent der niederländischen Parlamentsmitglieder Frauen, sodass die Niederlande einen respektablen 14. Platz auf der Weltrangliste einnahm[12]. Seit den 'lila' Kabinetten der neunziger Jahre hatten die Niederlande durchgehend etwa vier Ministerinnen in ihren Kabinetten. Seitdem haben Frauen auch Zugang zu 'harten' Ressorts wie Wirtschaft, Auswärtige Angelegenheit oder neuerdings sogar Verteidigung. 1998 wurde Jeltje van Nieuwenhoven zur ersten Vorsitzende der Zweiten Kammer gewählt. Deutschland hat seit 2005 sogar eine Bundeskanzlerin, die auf europäischer und internationaler Bühne eine tonangebende Rolle spielt. Und seit 2011 hat der Internationale Währungsfond (IWF) erstmals eine weibliche Führung, die ehemalige französische Finanzministerin Christine Lagarde.

Nachdem 2003 in Norwegen eine verpflichtende 40-Prozent-Frauenquote für Geschäftsführungen und Aufsichtsräte von Unternehmen eingeführt wurde, brach in ganz Europa eine Diskussion über diese Frage aus. Auch die Niederlande kennen seit Januar 2012 eine ähnliche verpflichtende Frauenquote von 30 Prozent. 2015 soll diese Regelung evaluiert werden. Die Diskussion unter den Befürwortern dreht sich um die Frage, ob eine solche Quote für die betroffenen Betriebe und Frauen förderlich ist – oder eben gerade nicht. Fakt ist, dass in Norwegen die Anzahl weiblicher Führungskräfte in Unternehmen von 20 Prozent im Jahr 2003 auf 39 Prozent im Jahr 2010 gestiegen ist. (Die Niederlande hatten 2010 15 Prozent Frauen an der Spitze von börsennotierten Unternehmen.)[13] Auch steigt der Anteil der Hochschullehrerinnen dank diverser Förderprogramme. 2011 lag er bei 14,8 Prozent[14].

Diese Entwicklungen sind nicht nur dank des Feminismus zustande gekommen, aber der Feminismus hat hierzu wohl beigetragen. Ob der Feminismus auch in diesem Jahrhundert noch nötig sein und bestehen bleiben wird, ist die Frage – aber es wird auch gesagt, dass das 21. Jahrhundert das der Frau werden wird.


[1]Cels, S.: Grrls!, Jonge vrouwen in de jaren negentig, Amsterdam 1999.
[2]NRC Handelsblad vom 8. März 2003 und 8. März 2004. De onstuitbare ambitie van Fatima en Ayla, in: Intermediair Nr. 18 vom 6. Mai 2011, S. 14-19.
[3]Aletta - Instituut voor vrouwengeschiedenis (Stand: Januar 2013).
[4]Ribberink, Anneke: Dilemma's en een oplossing, in: Trouw vom 9. Juni 2007, S. 14.
[5]Women on Top (Stand: Januar 2013). Opzij, feministisch maandblad Nr. 12, Jg. 40 (2012), S. 18.
[6]Ribberink, Anneke: De verlokkingen van de theepot, Vrouwenarbeid in Nederland ter discussie, in: Noort, Wim van/Wiche, Rob (Hrsg.): Nederland als voorbeeldige natie, Hilversum 2006, S. 119–128, hier S. 126. Portegijs, Wil: Jonge vrouwen van nu, Opvattingen van jonge vrouwen en mannen door de tijd vergeleken, in: Tijdschrift voor Genderstudies Nr. 2, Jg. 13 (2010), S. 4–15, hier S. 6.
[7]Siehe unter anderem das Interview mit Magriet van der Linden, Chefredakteurin des Magazins Opzij, im Fernsehprogramm Buitenhof, Nederland I vom 22. Dezember 2012.
[8]Wouters, Roos: Fuck!, Ik ben een feminist, Amsterdam 2008. Wouters, Roos: Hoog tijd voor het feMANisme, in: Lover. Tijdschrift over feminisme, cultuur en wetenschap (2008), S. 4, 5. Leve het FEMANSIME, in: Opzij (2008), S. 71. VPRO-gids vom 4. Juni 2011.
[9]www.vpro.nl/programma/beperkthoudbaar (Stand: Januar 2013).
[10]Women on Waves (Stand: Januar 2013).
[11]Europa worstelt met vrouwenquota, in: Dagblad de Pers vom 22. Februar 2011.
[12]Women in national parliaments (Stand: Januar 2013).
[13]Europa worstelt met vrouwenquota, in: Dagblad de Pers vom 22. Februar 2011. Vrouwenquotum door Eerste Kamer (Stand: 17. Januar 2013).
[14]Stichting de Beauvoir: Monitor Vrouwelijke Hoogleraren 2012, Groningen 2012, Onlineversion.

Autorin: Dr. Anneke Ribberink
Erstellt: Mai 2013