IV. Booming business

Wenn man einen Sprung in der Zeit macht und in die späten siebziger Jahre wechselt, fällt auf, dass die neue feministische Bewegung zu einem „booming business“ angewachsen ist. Angaben über die soziale Basis und den Umfang der Zweiten Frauenbewegung in den Niederlanden sind allerdings nicht im Überfluss erhältlich. Am wahrscheinlichsten ist, dass der Anhang des neuen Feminismus aus den gleichen sozialen Schichten rekrutiert wurde, die auch die Basis für die anderen 'neuen' sozialen Bewegungen stellten, nämlich die sogenannte neue Mittelschicht: Intellektuelle, Studierende, BeamtInnen und ArbeiterInnen im sozialen Sektor[1]. Bis zum Ende der siebziger Jahre war die Bewegung in der Hauptsache weiß. Danach kamen allmählich auch farbige Frauen zum Feminismus, ihrer Herkunft nach aus Suriname und mediterranen MigrantInnengruppen. Eine einigermaßen verlässliche Schätzung besagt, dass die Bewegung auf ihrem Höhepunkt gegen Ende dieses Jahrzehnts rund 7.000 bis 9.000 Frauen zählte, die in feministischen Organisationen und Gruppen aktiv waren[2].

Die dominante Strömung innerhalb des Feminismus in den späten siebziger Jahren war der 'feministische Sozialismus' (fem-soc) oder 'sozialistische Feminismus' (soc-fem). Diese Strömung war Teil eines internationalen Netzwerks und hatte unter anderem Verbindungen zur britischen Bewegung. Sie bestand zu einem nicht unansehnlichen Teil aus den Ausläufern von Dolle Minna, die im Laufe der siebziger Jahre immer unwichtiger geworden war und gegen Ende dieses Jahrzehnts einen leisen Tod starb. Ideologisch basierte fem-soc auf dem radikalen Feminismus, der von einer universellen Männerherrschaft ausging: dem 'Patriarchat'. In diesem wurden Frauen und das weibliche Element unterdrückt. Diese Basis wurde mit einer marxistischen Sicht kombiniert, die betonte, dass die Form, in der sich Frauenunterdrückung manifestierte, historisch bedingt war. Viel Arbeit wurde demzufolge in die Analyse der Frauenunterdrückung im Kapitalismus verwendet. Ein spezifischer Verdienst der (internationalen) fem-soc-Strömung war, dass sie die Aufmerksamkeit auf den wichtigen ökonomischen Wert der Hausarbeit richtete, den diese für das kapitalistische System hat[3].  Diese Einsicht wurde auch außerhalb von feministischen Kreisen populär, zum Beispiel in der Erwachsenenbildungsarbeit. „Alle Frauen sind Hausfrauen oder sollen es einmal werden“ ist der programmatische Eröffnungssatz eines Buches, das den Feminismus popularisieren sollte[4].  Die Betonung auf das, was Frauen gemeinsam haben, war ein Ausdruck eines Wir-Gefühls und der Idee einer Schwesternschaft, die zum radikal-feministischen Einfluss gehörte. Eine Konsequenz von diesem Einfluss auf die Bewegung war, dass Männer, die 'Unterdrücker', nicht länger Teil des Hauptströmung des Feminismus waren.

Fem-soc stellte sich auf den Standpunkt, dass der 'lange Marsch durch die Institutionen' nicht gescheut werden durfte; diesen Punkt teilte diese Strömung mit dem 'liberalen Feminismus'. Fem-soc wählte die Männerorganisationen und die Weise, in der innerhalb dieser Organisationen gearbeitet wurde, kritisch aus – hier machte sich der radikal-feministische Einfluss bemerkbar. Nur linke Parteien und die Gewerkschaftsbewegung kamen in die Auswahl. Man engagierte sich bevorzugt in 'nicht-kapitalistischen' Organisationen und innerhalb dieser getrennt nach der Geschlechtszugehörigkeit. So bildete fem-soc die Basis des Mitgliederwachstums bei den Rooie Vrouwen in der Partij van de Arbeid[5]. Auch wurde an dem Aufbau eigener Programme zu Frauenstudien innerhalb der Universitäten und Hochschulen gearbeitet. Außerdem war fem-soc die treibende Kraft hinter der autonomen Frauenbewegung, die im Kampf gegen (gewalttätige) hard-core Pornographie und (sexuelle) Gewalt aktiv war. Die ab 1974 gegründeten 'Bleib-mir-vom-Leib'-Häuser als Zufluchtsort für misshandelte Frauen und Kinder versorgten einen offensichtlichen Bedarf. 1982 gab es landesweit 23 solcher Häuser, die insgesamt ungefähr 3.000 Frauen Asyl boten[6].

Dazu hatte sich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre im Kielsog der autonomen Frauenbewegung eine blühende feministische Kultur entwickelt. Zahlreiche Frauengesprächsgruppen, Frauen- und Mädchenkulturzentren, Frauencafés, Frauenrestaurants, Frauengesundheitszentren, Frauentelefon-Hotlines, Fraueninformationszentren und Frauenbuchhandlungen kamen zur Blüte[7].  

De schaamte vorbij (dt. Die Scham ist vorbei) ist ein Büchlein aus der Feder von Anja Meulenbelt aus dem Jahr 1976. Darin geht sie ausführlich auf ihre eigene Situation als verheiratete Frau, geschiedene und alleinstehende Mutter und Feministin ein (sie war prominentes Mitglied der fem-soc-Bewegung). Es war ein typisches Produkt der feministischen Bekenntnisliteratur im Kielsog der Gesprächsgruppen und wurde viele Male neu aufgelegt[8]. Viele Frauen in den Gesprächsgruppen koppelten ihre privaten Probleme an die gesellschaftliche und politische Situation, was sich in der Parole 'das Private ist politisch' ausdrückte. Sie verwendeten die Erfahrungen aus den Gesprächsgruppen als Basis für politische Aktion. Es gab allerdings auch Frauen, die sich mit den Gesprächskreisen zum Austausch über private Probleme zufriedengaben und sich nicht weiter engagierten[9].

Allerdings war die feministische Kultur hauptsächlich eine elitäre Angelegenheit, die genauso wie der Rest der feministischen Bewegung den gut ausgebildeten Frauen aus den höheren sozialen Regionen vorbehalten war. Frauen aus der Arbeiterklasse wurden nicht oder nur sehr selten in den Frauen- und Mädchenzentren oder Frauenbuchhandlungen angetroffen. Das soll aber nicht heißen, dass der Feminismus die 'normale' Frau nicht erreichte. Weit verbreitete Frauenzeitschriften wie 'Magriet' oder 'Libelle' richteten ab dem Anfang der siebziger Jahre regelmäßig auf vorsichtige Weise ihre Aufmerksamkeit auf Emanzipationsthemen. Außerdem kann für die zweite Hälfte der siebziger Jahre auf die sogenannten VOS-Kurse  verwiesen werden[10].  Diese Kurse in 'Gesellschaftslehre' richteten sich an Frauen, die nicht viel mehr Ausbildung als die an der Volksschule[11] genossen hatten. Zwischen 1975 und 1981 stieg der Anteil VOS-Kurse landesweit von einigen Dutzend auf 930[12].

Ein wichtiger Fortschritt im Politikbereich wurde 1974 erreicht, als die Regierung den Uyl eine landesweite Gleichstellungspolitik [13] einführte. Dies geschah vor allem dank des unermüdlichen Einsatzes von MVM. Die Implementierung dieser Politik ging allerdings ausgesprochen mühselig voran, nicht zuletzt wegen der Gegenwahr der autonomen Frauenbewegung gegen diese als 'rechts' abgestempelte Regierungspolitik. Es bestand sogar einige Zeit ein 'Anti-Emanzipations-Komitee'[14].  Führende Mitglieder von MVM, unter ihnen Joke Smit[15] , Hedy d'Ancona en Marga Bruyn-Hundt, nahmen in den siebziger Jahren Schlüsselpositionen innerhalb der Frauenorganisationen in der Partij van de Arbeit ein. Anfang der siebziger Jahre wurde die bisherige Frauenorganisation der PvdA ('Vrouwenkontakt') umgewandelt in Rooie Vrouwen. Mit dem allgemeinen Wachstum und der Erneuerung der Partei bekamen die Frauen einen bisher ungekannten Einfluss auf die Parteiausrichtung. Die Rooie Vrouwen standen unter dem Einfluss der fem-soc-Bewegung und platzierten sich selbst in den späten siebziger Jahren auch auf der Grundlage des 'feministischen Sozialismus'. Aber der Einfluss vom 'liberalen Feminismus', personifiziert durch die eben genannten (und weiteren) MVM-Mitglieder war ebenfalls groß, und bei der Formulierung von einigen Programmpunkten spürbar. Ein wesentlicher Erfolg war, als 1977 die Partei einige 'MVM-artige' Punkte akzeptierte, wie zum Beispiel die 25-Prozent-Norm, nach der 25 Prozent der Mitglieder von Parteikommissionen und -vorständen sowie von PvdA-Fraktionen in Parlamenten und anderen Gremien ab diesem Zeitpunkt Frauen sein mussten. Außerdem wurde die Forderung nach einer Umverteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern im Grundsatzprogramm der PvdA aufgenommen. Diese Erfolge setzten sich fort, als sich der PvdA-Parteitag im April 1979 prinzipiell für einen fünf-Stunden-Arbeitstag aussprach[16].


[1]Loo, H. van der et al.: Een wenkend perspectief?, Nieuwe sociale bewegingen en culturele veranderingen, Amersfoort 1984, S. 104.
[2]Man Vrouw Maatschappij, die Mitgliederlisten führte, zählte auf ihrem Höhepunkt 1973 3.000 Mitglieder. Dolle Mina war eine viel flüchtigere Bewegung, aber hat vermutlich auch nie mehr als einige tausend Mitglieder bzw. Anhängerinnen gehabt. Nach 1973 verloren diese Bewegungen an Kraft und wurden die Rooie Vrouwen (Rote Frauen) in der Partij van de Arbeid, fem-soc und die autonome Frauenbewegung stärker. Von den zwei letztgenannten Bewegungen sind keine Mitgliederzahlen ermittelbar, aber ein Umfang von etwa 3.000 bis 4.000 Mitgliedern scheint eine realistische Schätzung zu sein. Laut der Soziologin Ulla Jansz zählten die Rooie Vrouwen auf ihrem Höhepunkt im Jahr 1980 416 Frauengruppen. Nimmt man durchschnittlich zehn bis fünfzehn Mitglieder bei diesen Gruppen an, kann man also von einem Mitgliederbestand zwischen 4.000 und 6.000 Personen ausgegangen werden. Siehe Jansz, U.: Vrouwen, ontwaakt!, Driekwart eeuw sociaal-democratische vrouwenorganisatie tussen solidariteit en verzet, Amsterdam 1983, S. 211.
[3]Meulenbelt, Anja: De ekonomie van de koesterende funktie, in: Outshoom, J. et al. (Hrsg.): Te elfder ure 20 Feminisme 1, Nijmegen 1975, S. 638–675. Oakley, A.: Housewife, London 1974.
[4]Holtrop, A.: Huisvrouwen, Amsterdam 1981, S. 5.
[5]Kroon, Liesbeth: De Rooie Vrouwen, Feminisme en sociaal-demokratie, in: Seyenhuijsen, Selma et al. (Hrsg.): Socialisties-Feministiese Teksten 4, Amsterdam 1980, S. 67–93, hier S. 72, 73.
[6]Oudijk, Corrine: Sociale atlas van de vrouw 1983, Den Haag 1983, S. 12
[7] Ebd., S. 12-15.
[8]Meulenbelt, Anja: De schaamte voorbij, Een persoonlijke geschiedenis, Amsterdam 1985 [1978].
[9]Pronk, Irene: Uitgesproken vrouwen, Vrouwenpraatgroepen in Nederland 1970-1980, in: Tijdschrift voor Genderstudies Nr. 2, Jg. 9 (2006), S. 26–36. Vries, Petra de: ”Het persoonlijke is politiek” en het ontstaan van de tweede golf in Nederland 1968-1973, Socialisties-Feministiese Teksten 10, Baarn 1987, S. 15–35.
[10]VOS = Vrouwen Oriënteren zich op de Samenleving (dt. Frauen orientieren sich zur Gesellschaft hin).
[11]Präzise niederländische Bezeichnung: lagere school.
[12]Ribberink, Anneke: Leidsvrouwen en zaakwaarneemsters, Een geschiedenis van de Aktiegroep Man Vrouw Maatschappij (MVM) 1968-1973, Amsterdam 1998, S. 221-223, 231, 232. Morée, Marjolein: Mijn kinderen hebben er niets van gemerkt, Buitenshuis werkende moeders tussen 1950 en nu, Utrecht 1992, S. 134 ff.
[13]Im Niederländischen wörtlich 'Emanzipationspolitik', hier und im Folgenden wird der im Deutschen gebräuchlichere Begriff 'Gleichstellungspolitik' verwendet.
[14]Dijkstra, T./Swiebel, J.: De overheid en het vrouwenvraagstuk: emancipatiebeleid als mode en taboe, in: Seyenhuijsen, Selma et al. (Hrsg.): Socialisties-Feministiese Teksten 7, Amsterdam 1982, S. 42–64. Oldersma, J.: More women or more feminists in politics?, Advocacy coalittions and the representation of women in the Netherlands 1967-1992, in: Acta Politica (2002), S. 283–317.
[15]Nach Scheidung legte Joke Kool-Smit den Namensteil ihres Mannes wieder ab.
[16]Ribberink, Anneke: De spanning tussen gelijkheid en verschil, Twintig jaar feminisme in Nederland, in: Socialisme en democartie 5 (1988), S. 145–155.

Autorin: Dr. Anneke Ribberink
Erstellt: Mai 2013