III. Das Unbehagen der Frau

Gegen Ende der sechziger Jahre entstand unter einer wachsenden Minderheit junger gut ausgebildeter Frauen dann auch der Widerstand gegen die Dominanz des Alleinverdiener-Hausfrauenmodells. Auch in den Niederlanden kam dieser Protest vor dem Hintergrund der breiteren Erneuerungsbewegung auf. Die Anlaufphase in den Niederlanden kennzeichnete sich durch anschwellende Diskussionen in allerlei Medien und dem Aufbau eines Netzwerks an Gleichgesinnten[1]. Ein wichtiger Moment war der Artikel der Publizistin Joke Kool-Smit über das onbehagen bij de vrouw (dt.: Das Unbehagen der Frau) in der Literaturzeitschrift De Gids im November 1967. Dieser Text bildete den direkten Auftakt zur niederländischen Zweiten Frauenbewegung. Die Autorin lieferte hierin Kritik am damaligen Eheideal, das dazu führte, dass Frauen abhängig von Männern wurden. Des Weiteren legte sie den Finger in die Wunde der oben skizzierten Gegensätze, die aus dem propagierten Modell entstanden. Es stattete Mädchen mit einer doppelten Botschaft aus: einerseits sollten sie sich auf eine Rolle in der Gesellschaft vorbereiten. Andererseits wurde ihnen deutlich gemacht, dass diese gesellschaftlichen Aktivitäten einen zeitlichen Charakter haben sollten, was dazu führte, dass die Mädchen wenig Ehrgeiz entwickelten[2].

Der Artikel von Kool-Smit traf bei vielen Frauen einen Nerv. In den Monaten nach dem Erscheinen entstand ein Schneeballeffekt aus schriftlichen und mündlichen Reaktionen. Zusammen mit der Publizistin Hedy d'Ancona beschloss Kool-Smit eine Organisation zu gründen, die den Unfrieden unter jungen Frauen in politische Forderungen übertragen sollte. Denn: „Simone de Beauvoir hatte es bei einem Buch belassen und das war nicht genug gewesen.“[3] Es entstand die erste Organisation der neuen feministischen Bewegung, die Aktionsgruppe Man Vrouw Maatschappij (MVM, dt.: Mann Frau Gesellschaft), die im Oktober 1968 gegründet wurde. MVM fasste die Botschaft des neuen Feminismus in einem radikalen Programm zusammen, das die Kernpunkte der Zweiten Frauenbewegung beinhaltete. Dieses Programm erachtete es unter anderem als notwendig, die erstarrten Rollenmuster zu durchbrechen und propagierte neue Formen des Zusammenlebens. Bei Abtreibungen wurde das Selbstbestimmungsrecht für Frauen gefordert, außerdem sah es die Verkürzung der Arbeitszeit und die Neuverteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern vor. Mit diesen Ideen widersetzte sich MVM gegen die in diesen Jahren am meisten ins Auge springenden Formen der Geschlechterungerechtigkeit. Wie befreiend es beispielsweise wirkte, dass die Aktionsgruppe die gefestigten Normen und Werten bezüglich des Männer-Frauen-Verhältnisses untergrub, wird unter anderem aus dem folgenden Zitat von einem ehemaligen MVM-Mitglied deutlich. 1978 blickte die Juristin Lies van Doorne auf die Gründung von MVM zurück:

„Dieser Gedanke über die Rollenbilder und die Beschränkungen, die daraus für die Entfaltung von jedem Mensch resultierten, ist ja heutzutage innerhalb von MVM und auch weit darüber hinaus eine fast schon durchgekaute Idee. Wie kann ich das Gefühl rüberbringen, wie es damals war, als man das erste Mal wirklich daranging, über diese Dinge nachzudenken? (…) Jungen, die nicht heulen durften, Mädchen, von denen nahezu erwartet wurde, zu heulen. NEU NEU NEU. Fragezeichen wurden gesetzt an 'typisch weiblich, typisch männlich'. NEU. Warum Männerberufe, Frauenberufe? NEU etc. etc. Dein ganzes Denken wurde aus den vertrauten Bahnen gezogen. Du fingst an, alles neu zu beschauen und zu bewerten.“[4]

Die Soziologin Olive Banks betont, dass die Traditionen des Feminismus als soziale Bewegung bis auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurückgehen. Sie unterscheidet unter anderem eine Strömung auf der Basis der Aufklärung, die eher die Übereinstimmungen als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern hervorhebt und nach einer Gleichheit der Geschlechter strebt. Dies ist der 'liberale Feminismus', ein Begriff, den Banks selbst übrigens nicht verwendet. Daneben nennt sie den utopischen 'sozialistischen Feminismus', der ebenso von einer Gleichheit der Geschlechter ausgeht, aber im Gegensatz zum 'liberalen Feminismus' auch für die Abschaffung des Privateigentums, für freie Liebe anstelle der individualistischen und egoistischen Familie sowie für das Leben in der Kommune steht. Beide hier genannten Traditionen waren in der Anfangsphase der Zweiten Frauenbewegung stark vertreten[5]. In den Niederlanden kann der 'liberale Feminismus' vor allem in Man Vrouw Maatschappij aufgespürt werden. Den utopisch-sozialistischen Feminismus findet man teilweise bei der Ende 1969 gegründeten Aktionsgruppe Dolle Minna. Diese Aktionsgruppe trug auch den Stempel einer Mischform von anarchistisch-marxistischen Ideen, die typisch war für einen Großteil der sogenannten 'neuen' sozialen Bewegungen der sechziger Jahre. Nicht ohne Grund trug die programmatische Broschüre von Dolle Minna aus dem Jahr 1970 den Titel: „eine rebellische Maid ist eine Perle im Klassenstreit.“[6] Die Aktionsgruppe legte mit ihrem spielerischen Auftreten einen Blitzstart hin und bekam internationale Aufmerksamkeit.

Ein Kennzeichen der Anfangsjahre der Zweiten Frauenbewegung ist, dass Männer in die Frauenbewegung mit einbezogen wurden. Die gemeinschaftliche Vision, die hieran zu Grunde lag, war, dass Männer und Frauen „beide Opfer der Rollenverteilung (waren) und ebenso 'litten'“, wie es einige Dolle Minnas formulierten[7]. Die Niederlande nahmen in dieser Hinsicht einen einmaligen Platz in Europa ein[8]. In den Vereinigten Staaten hatte das große Vorbild von Man Vrouw Maatschappij, die National Organisation for Women (NOW), aber genauso Männer als Mitglieder in ihrem Vorstand.


[1]Ribberink, Anneke: Leidsvrouwen en zaakwaarneemsters, Een geschiedenis van de Aktiegroep Man Vrouw Maatschappij (MVM) 1968-1973, Amsterdam 1998, Kapitel 2 und 3.
[2]Kool-Smit, Johanna Elisabeth (Joke): Het onbehagen bij de vrouw, in: De Gids Nr. 9/10 1967, Jg. 130 (1967), Amsterdam, S. 267–281, Onlineversion.
[3]Smit, J.: Is het feminisme ten dode opgerschreven?, in: Palman, A. et al. (Hrsg.): Tien over tijd, 1968-1978, Den Haag 1978, S. 50–76, hier S. 50.
[4]Doorne, L. van: Gesprek in de spiegel, in: Palman, A. et al. (Hrsg.): Tien over tijd, 1968-1978, Den Haag 1978, S. 18-22, hier S. 18.
[5]Banks, Olive: Faces of feminism, A study of feminism as a social movement, Oxford 1981, passim. Ribberink, Anneke: Leidsvrouwen en zaakwaarneemsters. Een geschiedenis van de actiegroep Man Vrouw Maatschappij (MVM) 1968-1973, Amsterdam 1998, passim. Costera-Meijer, Irene: Het persoonlijke wordt politiek, Feministische bewustwording in Nederland 1965-1980, Amsterdam 1996, Kapitel 1-5.
[6]Dolle Minna (Hrsg.): Een rebelse meid is een parel in de klassenstrijd, Amsterdam 1970.
[7]Meulenbelt, A. et al.: Feminisme in Nederland 1968-1975, Te elfder ure 20, Nijmegen 1975, S. 606–622, hier S. 608. Ribberink, Anneke: Dienstbaar, maar ook een tikje dominant, Vijf mannen binnen MVM 1968-1973 nader beschouwd, in: Tijdschrift voor Genderstudies Nr. 4, Jg. 15 (2012), S. 18–30.
[8]Kaplan, G.: Contemporary Western European Feminism, London 1992, S. 154. Für eine gute Übersicht über den Feminismus in Europa siehe auch: Bock, Gisela: Women in European History, Oxford 2002, S. 233 ff.

Autorin: Dr. Anneke Ribberink
Erstellt: Mai 2013