Die Rolle von Pim Fortuyn

Die großen niederländischen Parteien, die sich in den 80er Jahren allesamt zum Ideal einer multikulturellen Gesellschaft bekannt hatten, griffen die veränderte Stimmung in der Mehrheit der Bevölkerung zunächst kaum auf. Viele Niederländer fühlten sich mit ihren Sorgen über einen Zustrom an Zuwanderern von der politischen Elite im Stich gelassen. „Das Thema schwelte folglich weiter, allerdings vorwiegend unter der Oberfläche“, analysieren Kortmann und Wilp. Seine Relevanz habe die kontroverse Diskussion um einen Zeitungsartikel des Publizisten Paul Scheffer mit dem Titel „Het multiculturele drama“ gezeigt. Der prominente Sozialdemokrat kritisierte im „NRC Handelsblad“ eine falsche Einschätzung der sozialen Probleme allochthoner Zuwanderer und warnte vor der Entstehung einer „perspektivarmen Unterschicht“. Fortan wurde die öffentliche Debatte vor allem von der Forderung nach Anpassung und Assimilation bestimmt.

Viele Bürger hatten das Gefühl, dass Fortuyn mit seiner erst Anfang 2003 gegründeten Partei „Lijst Pim Fortuyn“ (LPF) ihre Sorgen ernst nahm und sich nicht an Tabus störte. Fortuyns Aufsehen erregende politische Karriere hatte erst 2001 begonnen und wurde schon am 6. Mai 2002 durch ein Attentat gewaltsam beendet. Dabei existierte, worauf der Soziologe Bart Tromp hingewiesen hat, das Multikulturalismus-Thema schon jahrelang zuvor – nur hätten den etablierten Parteien Mut und Weitsicht gefehlt, es aufzugreifen.

Insofern hatte Fortuyn relativ leichtes Spiel, denn das Problem lag sozusagen auf der Straße. Eine verstärkende Rolle spielte auch die im Vergleich zu anderen Ländern relativ hohe Anzahl an Übergriffen auf Muslime nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Dadurch wurde eine vorhandene Stimmung der Unsicherheit und Angst zusätzlich angeheizt. Schon lange bevor er selbst politisch aktiv war, verlangte Fortuyn von Zuwanderern mehr Anpassungsbereitschaft und von der Regierung ein darauf abgestimmtes Verhalten. Wiederholt äußerte er sich als Professor und als Kolumnist kritisch bis abwertend über den Islam, zum Beispiel in seinem 1997 erschienenen Buch „Gegen die Islamisierung unserer Kultur – Niederländische Identität als Fundament“.

„Weder Nationalist noch Rassist“

Kortmann und Wilp halten es jedoch für unangemessen, Fortuyn in eine Reihe mit anderen europäischen Rechtspopulisten wie etwa dem Franzosen Jean-Marie Le Pen, dem Flamen Filip Dewinter oder dem Österreicher Jörg Haider zu stellen. Bei differenzierter Betrachtung erscheine er nicht primär als Nationalist oder Rassist.

Pim Fortuyn, Jahrgang 1948, war in seiner ganzen Erscheinung und in seinem Lebensstil eine Ausnahmeerscheinung in der niederländischen Politik. Nach dem Soziologiestudium in Amsterdam ging er an die Universität Groningen. Dort gehörte er zu den Vertretern einer marxistisch geprägten „Kritischen Theorie“ und promovierte 1980 über „Sozialökonomische Politik in den Niederlanden 1945 bis 1949“. 1988 kehrte er dem Wissenschaftsbetrieb den Rücken und machte sich in Rotterdam als politischer Lobbyist selbstständig. Dort übernahm er auch eine Stiftungsprofessur zur Soziologie des öffentlichen Dienstes. Er fokussierte sich auf das „verkrustete politische System“ der Niederlande und die vermeintlich zu große Toleranz gegenüber dem Islam. Fortuyns Kommunikationskompetenz und seine ausgeprägte Medienpräsenz erklären seinen eindrucksvollen politischen Erfolg. Nach einer Zwischenstation bei der sozialdemokratischen „Partij van de Arbeid“ (PvdA) schloss er sich der Protestbewegung „Leefbaar Nederland“ (Lebenswerte Niederlande) an. Ein Interview, in dem er das Diskriminierungsverbot in der niederländischen Verfassung attackiert und ein Ende der Zuwanderung aus islamischen Ländern gefordert hatte führte allerdings zum Zerwürfnis mit LN. Fortuyn kündigte an, bei der Parlamentswahl im Mai mit seiner eigenen Partei „Lijst Pim Fortuyn“ (LPF) anzutreten. Im Handumdrehen erzielte er in Umfragen hohe Zustimmungswerte. Wie keinem anderen gelang es ihm, diffuse Ängste vor dem Verlust der nationalen Identität und vor Überfremdung zu einer mehrheitsfähigen politischen Agenda zu machen. Dabei strotzte der seit jungen Jahren offen schwul lebende Neu-Politiker nur so vor Selbstbewusstsein. Unterordnung war seine Sache nicht. Er zögerte nicht, sich öffentlich als den künftigen Ministerpräsidenten anzupreisen. Eine Rolle als Juniorpartner lehnte er ab.

Sein extravaganter Lebensstil in einer Rotterdamer Villa, die er „Palazzo di Pietro“ getauft hatte, trugen dem Exzentriker Fortuyn im etablierten Haager Politikbetrieb Spott, Häme und da und dort auch Neid ein. Das Erstaunliche an seiner kurzen Politikerkarriere ist, dass seine häufig kleinbürgerlichen und sich unterprivilegiert fühlenden Anhänger dem Lebemann Pim Fortuyn seinen als Unternehmensberater angehäuften Reichtum nicht verübelten. Am 6. Mai 2002 wurde er vor dem Studiogebäude von Radio Hilversum nach einem Interview von dem Tierschutzaktivisten Volkert van der Graaf erschossen. Dessen Motiv blieb lange unklar, soll aber nichts mit Fortuyns radikalen politischen Ansichten zu tun gehabt haben.

Autor: Harald Biskup
Erstellt: 2019