Hirsi Ali und Theo van Gogh

Hirsi Ali, die meistgehasste Politikerin

Zu ihren Hauptforderungen gehörte, die Unterdrückung und Misshandlung muslimischer Frauen juristisch und politisch zu bekämpfen, in den Niederlanden und weltweit. Dadurch fühlten sich radikalislamische Kreise provoziert, für die sie zur meistgehassten Politikerin des Landes wurde. Im Januar sagte sie in einem Interview mit der Tageszeitung „Trouw“ über Mohammed: „Gemessen an unseren westlichen Maßstäben ist er ein perverser Mann. Ein Tyrann“. Jahre lang stand sie nach Gewaltandrohungen unter Polizeischutz. Ursprünglich waren beide Frauen, Rita Verdonk und Hirsi Ali, bei der rechtsliberalen VVD als „Tribut an die wachsende Fremdenfeindlichkeit gedacht“, schrieb der deutsche Journalist Jörg Reckmann: Hirsi Ali, weil Ausländerkritik von einer Ausländerin unverfänglich war, Verdonk, eine ehemalige Gefängnisdirektorin, weil ihre harte Flüchtingspolitik im konservativen Lager Wähler mobilisieren sollte.
Als provokante Islam-Kritikerin musste sie miterleben, wie ihr Kampfgefährte, der Regisseur Theo van Gogh. wegen eines gemeinsam produzierten Kurzfilms über die Unterdrückung muslimischer Frauen („Submission“) von einem islamistischen Fanatiker ermordet wurde. Von den Kumpanen von van Goghs Mörder wurde auch sie mit dem Tod bedroht. Im Mai 2006 legte Ayaan Hirsi ihr Parlamentsmandat nieder und ging in die USA. Im folgenden Jahr gründete sie in New York die nach ihr benannte AHA-Stiftung zum Schutz und zur Verteidigung von Frauen, die „traditionellen , gefährlichen und schädlichen Praktiken ausgesetzt sind“. Frauenrechte und Frauenbenachteiligung wurden zu „ihrem“ Thema. Von September 2016 bis Juni 2019 war sie Senior Fellow beim Belfer Center for Science and International Affairs an der Harvard Kennedy School in Cambridge, Massachusetts. Weiterhin ist Ayaan Hirsi Fellow am Hoover Institute der Standford University.

Submission“ ist ein elfminütiger Kurzfilm, der die Erniedrigung muslimischer Frauen durch Männer unter vermeintlicher Berufung auf den Koran thematisiert. Das Drehbuch stammt von Hirsi Ali. Koranverse sind auf die Haut der weiblichen Darsteller projiziert. Besonders eindringlich wirken die als „Untermalung“ unterlegten Geräusche von Peitschenhieben. Eine der drei Protagonistinnen berichtet, sie sei mit 16 zwangsverheiratet und seither regelmäßig von ihrem Ehemann vergewaltigt worden. Der Film wurde nur ein einziges Mal, am 29. August 2004, im öffentlich-rechtlichen niederländischen Fernsehen VPRO in Hilversum ausgestrahlt.

Van Gogh: Mohammed Vergewaltiger kleiner Mädchen

Am 2. November 2004 wurde Theo van Gogh auf offener Straße in Amsterdam von Mohammed Bouyeri, einem 26-jährigen islamistischen Fundamentalisten marokkanischer Herkunft, auf brutale Weise ermordet. Durch die Gewalttat erhielt, stellen Matthias Kortmann und Markus Wilp fest, das Gefühl der Bedrohung, das seit den Anschlägen vom 11. September 2001 vorhanden war, „eine spezifisch niederländische Dimension“. Van Goghs Mörder legte eine bis dahin in den Niederlanden unbekannte Brutalität an den Tag. Nachdem er den Regisseur und Kolumnisten, der wegen seiner Scharfzüngigkeit beileibe nicht nur Freunde hatte, von einem Fahrrad aus mit mehreren Schüssen niedergestreckt hatte, durchschnitt er ihm mit einem großen Buschmesser die Kehle. Nach der Bluttat berichtete Harald Biskup für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom Tatort. „Theo van Gogh muss einer gewesen sein, der das Leben in vollen Zügen genossen hat. Der 47-Jährige war ein Urgroßneffe des Malers Vincent van Gogh. Zwischen den Blumengebinden, kleinen Kränzen, Fotos und Kondolenzschreiben, die wildfremde Menschen an der Stelle abgelegt haben, an der van Gogh nach den tödlichen Schüssen zusammensackte, finden sich Wein- und Cognacflaschen und eine Menge Bierdosen. Auf einem Zettel steht: „Was ist der Wert unserer Meinungsfreiheit? 110 Kilo Theo van Gogh.“ Ein Kaktus soll offenbar für die Widerborstigkeit van Goghs stehen, „dem nichts und niemand heilig war“, wie der rechte Blogger und Historiker Martien Pennings am Tatort in der Linnauesstraat im Stadtbezirk Watergrafmeer im Osten Amsterdams erklärt. Er hat den Toten persönlich gekannt „und immer mit so etwas gerechnet“. Theo van Gogh war so umstritten wie beleibt. Manchen gingen die Verunglimpfungen des Propheten Mohammed als „Vergewaltiger kleiner Mädchen“ zu weit – ebenso wie die Beschimpfung der Angehörigen der großen marokkanischen Community als „Sand-Neger“ und „Rif-Ratten“. Martien Pennings hat für seinen toten Freund drei Rosen mitgebracht“, well er „ein großes Maul hatte und das Herz auf dem rechten Fleck und weil er ein guter anständiger Junge war“.

Den Kurzfilm „Unterwerfung“, der van Gogh vermutlich zum Verhängnis geworden ist, nennt Pennings „poetisch, schön und vor allem wahr“. An den Film erinnert am Tatort ein silbrig glitzerndes Behältnis für 16-Millimeter-Spulen. Wer ein paar Stunden lang diese Wallfahrtsstätte einer ins Mark getroffenen Nation beobachtet, spürt große Verunsicherung, ob und wie es weitergehen kann mit dem niederländischen Konsensmodell.

In einem Land, in dem die Polizei sich nur selten als Staatsmacht gefühlt hat, sondern eher „in der Rolle von „Sozialarbeitern oder Hebammen“, wie der Soziologe Ernest Zahn in den 80er Jahren schrieb, markiert die Ermordung, ja Hinrichtung van Goghs eine tiefe Zäsur. Ein Mann, dem „letzte Wahrheiten“ suspekt, Autoritäten, weltliche wie geistliche zuwider waren und der Fundamentalismus gleich welcher Spielart anprangerte, bezahlte seine Provokationen und Tabubrüche mit dem Leben.

Autor: Harald Biskup
Erstellt: 2019