VIII. Zusammenfassung

Zusammenfassend ist zu sagen, dass in beiden Ländern ein enger Zusammenhang zwischen dem Alter des Kindes und der aktiven Erwerbsbeteiligung der Mutter besteht. Auf die Erwerbsbeteiligung des Vaters hingegen hat das Alter der Kinder so gut wie keinen Einfluss.

Ein weiterer Unterschied zwischen den Eltern: Mütter arbeiten häufig in Teilzeit, Väter nicht. Allerdings ist Teilzeit in den Niederlanden auch unter Männern weiter verbreitet als in Deutschland. Führungspositionen sind in beiden Ländern meist in männlicher Hand. In Deutschland lag 2004 der Frauenanteil an den Managerstellen 3 Prozent höher als in den Niederlanden.

Alleinerziehende Mütter arbeiten in Westdeutschland und in den Niederlanden, wenn sie eine Erwerbsstelle haben, häufiger in Vollzeit als verheiratete Mütter. Die Ausnahme stellt hier Ostdeutschland dar. Hier sind Mütter – egal ob verheiratet oder nicht – häufiger in Vollzeit erwerbstätig. Es ist insgesamt auffällig, dass ostdeutsche Frauen erwerbsorientierter sind als ihre westdeutschen Mitbürgerinnen. Umfragen belegen zudem, dass Ostdeutsche ein Hausfrauendasein weniger wertschätzen als westdeutsche (und niederländische) Frauen und Männer. Höher gebildete Frauen sind auch als Mütter erwerbsorientierter als weniger gebildete Frauen. Hier liegen die Niederländerinnen klar vor ihren deutschen Nachbarinnen.

Die innerfamiliäre Arbeitsteilung ist sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden recht traditionell organisiert. Frauen investieren mehr Zeit in die Hausarbeit, Männer mehr Zeit in den Beruf. Mit der Geburt des ersten Kindes setzt zudem meist eine Re-Traditionalisierung der Aufgabenteilung ein. Die Verteilung von Erwerbstätigkeit und Haushaltsaufgaben ist in dieser Familienphase am asymmetrischsten.

In Deutschland wird eine größere Summe an öffentlichen Geldern in Familien investiert als in den Niederlanden. Vor allem die Geldtransferleistungen sind in Deutschland höher als im Nachbarstaat. Der Schwerpunkt der niederländischen Ausgaben für Familien liegt hingegen bei Dienstleistungen, d.h. Kinderbetreuung.

Das deutsche Kindergeld ist nicht nur großzügiger kalkuliert als in den Niederlanden, es „belohnt“ außerdem die Geburt jedes weiteren Kindes, während der niederländisch kinderbijslag für jedes Kind gleich ist, doch mit dem Alter des Kindes zunimmt. Auch die Unterstützungszahlung für einkommensschwache Familien fällt auf deutscher Seite höher aus als in den Niederlanden. Zu dem für 2013 in der BRD geplanten Betreuungsgeld gibt es kein niederländisches Äquivalent. Auch steuerlich kommt der deutsche Staat Familien stärker entgegen, vor allem bei verheirateten Elternpaaren.

Die Regelungen zum Mutterschutz in beiden Ländern ähneln sich stark. Allerdings werden die Arbeitgeber in den Niederlanden bei der Lohnfortzahlung stärker vom Staat unterstützt als in Deutschland. Ebenfalls kulanter zeigt sich der niederländische Staat bei Sonderurlaub für den Partner der Mutter mit vier Tagen bezahltem Urlaub. In Deutschland gibt es diesbezüglich keine rechtlichen Regelungen. Zwei verschiedene Konzepte finden sich beim Zeitleistungsausgleich für junge Eltern. Während in Deutschland ein Jahr Auszeit vom Beruf staatlich finanziert wird, bedeutet ouderschapsverlof für niederländische Eltern meist weiterhin erwerbstätig zu sein, nur weniger Arbeitsstunden pro Woche. Eine Lohnersatzleistung gibt es dort nicht.

Kinderbetreuung ist für niederländische Paare deutlich teurer als für deutsche Paare, für niederländische Alleinerziehende ist es dagegen günstiger als für deutsche Alleinerziehende. Das Betreuungsangebot ist auf niederländischer Seite stärker ausgebaut als in Westdeutschland, und entspricht bei der Betreuung der Kleinsten ungefähr dem Angebot in Ostdeutschland. Die Betreuungsquoten für kleine Kinder liegen in den Niederlanden höher als in Deutschland, während die Betreuungsquoten für Drei- bis Fünfjährige deutlich niedriger sind als im Nachbarland.

Kann sich die niederländische Familienpolitik also etwas von der deutschen abschauen?

Abgesehen vom Ehegattensplitting und dem für 2013 geplanten Betreuungsgeld wird in der deutschen Familienpolitik der letzten Jahre verstärkt versucht, Anreize zur Frauenerwerbstätigkeit zu setzen. Dass man in Deutschland neuerdings Kosten für die Kinderbetreuung von der Steuer absetzen kann, kann genau wie das neue optionale Faktor-verfahren als ein solcher Anreiz verstanden werden. Genauso der Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen und der Betreuungsplatzanspruch ab dem zweiten Lebensjahr. Die neue Elternzeit belohnt im Vergleich zur vorherigen Regelung Erwerbstätigkeit mit dem Lohnersatz Elterngeld; die Herabsetzung der Dauer auf ein Jahr und die Möglichkeit zur gleichzeitigen Teilzeitarbeit spornt ebenfalls stärker zur Erwerbsarbeit an. Der schon im Erziehungsurlaub gültige Kündigungsschutz während der Elternzeit gilt als Voraussetzung für eine erfolgreiche Rückkehr in den Arbeitsmarkt.

Auf niederländischer Seite setzen der kinderopvangtoeslag und die Verpflichtung der Schulen, nach Unterrichtsende Kinderbetreuung zu gewährleisten, Anreize zur Erwerbstätigkeit. Die schrittweise Abschaffung der aanrechtsubsidie wird zwar von den Medien aufgrund der Zögerlichkeit kritisiert, ist aber eindeutig ein Schritt in Richtung Gleichstellung. Die Konvention, im ouderschapsverlof mehrere Monate einen Teil der vorherigen Arbeitszeit pro Woche im Betrieb zu sein, gewährt außerdem eine stärkere Bindung ans Berufsleben. Da der ouderschapsverlof nicht bezahlt ist, nehmen ihn weniger als die Hälfte der NiederländerInnen in Anspruch. Hinzu kommt, dass Teilzeit üblicher und akzeptierter ist – die freien Stunden, die man über den ouderschapsverlof bekäme, kann man auch über Teilzeitabsprachen regeln.

Zu den Zielen der Familienpolitik der meisten europäischen Länder zählt momentan, gleichzeitig die Erwerbstätigkeit von Frauen und die Geburtenziffern zu steigern. In beiden Bereichen liegen die Niederlande vor Deutschland. Dort werden etwas mehr Kinder geboren und dort sind etwas mehr Frauen erwerbstätig. Die Antwort auf die Frage, ob die niederländische Familienpolitik von der deutschen etwas lernen kann, müsste demnach erst einmal „nein“ heißen.

Ein zweiter Blick verdeutlicht allerdings, dass die hohe Erwerbstätigenquote bei niederländischen Müttern vor allem dadurch zustande kommt, dass viele von ihnen in Teilzeit arbeiten. Die niedrigere Müttererwerbsquote in Deutschland beinhaltet dagegen mehr in Vollzeit arbeitende Frauen. Dies bedeutet, dass in den Niederlanden mehr Mütter eine Erwerbsstelle haben als in Deutschland. Gleichzeitig sind in Deutschland mehr Mütter ökonomisch selbständig als auf niederländischer Seite. Das liegt u.a. auch an den viel stärker erwerbsorientierten Frauen aus Ostdeutschland. Diese versuchen trotz ungünstiger (gesamt-)deutscher wohlfahrtstaatlicher Rahmenbedingungen das alte Erwerbsmuster aus DDR-Zeiten zu leben.

Interessanterweise versucht die niederländische Regierung seit 2007 mit der so genannten Taskforce Deeltijd Plus die Frauenerwerbsarbeit zu fördern und auszubauen. Teilzeitjobs sollen ausgeweitet werden. Hier können sowohl niederländische als auch westdeutsche Politiker von ostdeutschen Müttern noch ziemlich viel lernen.

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt:
Oktober 2010