VII. Infrastrukturleistungen

Laut einer Studie der EU Expert Group on Gender, Social Inclusion and Employment standen 2005 in den Niederlanden für 35 Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsplätze zur Verfügung. In Deutschland gab es nur für 7 Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsplätze. Für die Kinder ab 3 Jahren lagen die Zahlen bei 100 Prozent (NL), bzw. 89 Prozent (DE). [59] Am Kinderbetreuungsangebot lässt sich allerdings nicht ablesen, ob die Nachfrage voll gedeckt ist. Gleichzeitig muss eine relativ niedrige Zahl an staatlichen Betreuungsplätzen nicht zwangsweise als Mangel an Betreuungsmöglichkeiten interpretiert werden, sondern kann auf alternative Betreuungsarrangements für kleine Kinder, etwa auf Elternurlaub, hindeuten.

Betreuungsquoten

Quelle: A. Fliegner
Quelle: A. Fliegner
© Angelika Fliegner

Eine etwas deutlichere Sprache sprechen die von der OECD erhobenen Betreuungsquoten: 2006 wurden in Deutschland 14 Prozent der unter Dreijährigen in Kindertageseinrichtungen oder von Tageseltern betreut, in den Niederlanden waren es 54 Prozent. [60] Bei den Drei bis Fünfjährigen wurden 2006 in Deutschland 89 Prozent fremdbetreut, in den Niederlanden 58 Prozent. Der deutliche Länderunterschied bei den unter Dreijährigen wird etwas relativiert, wenn man die durchschnittliche Stundenzahl, die die Kinder in den Betreuungseinrichtungen verbringen, betrachtet. Ein niederländisches Kind verbringt mit durchschnittlich 17 Stunden pro Woche 5 Stunden weniger in der Betreuungseinrichtung als ein deutsches. Auf Vollzeitäquivalente umgerechnet, bedeutet dies, dass in Deutschland ca. 10 Prozent und in den Niederlanden ca. 30 Prozent der unter Dreijährigen in Kinderbetreuungseinrichtungen eingeschrieben sind. [61] Während in den Niederlanden also eine größere Zahl von unter Dreijährigen fremdbetreut wird als in Deutschland, ist es bei den Drei bis Fünfjährigen Kindern genau umgekehrt.

Innerdeutsche Unterschiede bei der Fremdbetreuung

Innerhalb Deutschlands finden sich große Unterschiede in Bezug auf die Kinderbetreuung. Rund 80 Prozent der Kindergärten im Westen bieten ausschließlich eine Halbtagesbetreuung an, während in den neuen Bundesländern 98 Prozent eine Ganztagesbetreuung ermöglichen. [62] Außerdem besuchten 2005 in Westdeutschland nur 3 Prozent der unter Dreijährigen staatliche Betreuungseinrichtungen, während in Ostdeutschland 37 Prozent der unter Dreijährigen in der KiTa waren. [63] Seit 2006 ist zwar die Anzahl der Betreuungsplätze für Null- bis dreijährige bundesweit gestiegen – in Westdeutschland um 19 Prozent, in Ostdeutschland um 10 Prozent [64] – der Ost-West-Unterschied bleibt jedoch bestehen: In den ostdeutschen Bundesländern war die Betreuungsquote für Kinder unter 3 Jahren im Jahr 2009 mit 46 Prozent mehr als dreimal so hoch wie in den westdeutschen Bundesländern (15 Prozent). [65]

Qualität der Kinderbetreuung

Bisher wurde vor allem der Ausbau des Kinderbetreuungsangebotes, sprich die Verbesserung der Quantität, in den deutschen Medien wahrgenommen. Doch auch für eine Verbesserung der Qualität der Kinderbetreuung wurden zwei staatliche Programme initiiert. Zum einen nahm im April 2009 das Forum frühkindliche Bildung seine Arbeit auf, das die Qualität professioneller Betreuungseinrichtungen sichern und verbessern soll, zum anderen begann zum selben Zeitpunkt das Aktionsprogramm Kindertagespflege, das bis August 2012 für den quantitativen und qualitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung durch Tagesmütter/-väter sorgen soll. [66]

In den Niederlanden wurde bereits 2005 das Barcelona-Ziel erreicht, das bis 2010 für mindestens 33 Prozent der Kinder unter 3 Jahren und für mindestens 90 Prozent der Kinder von 3 Jahren bis zum Schuleintrittsalter (NL: 5 Jahre, D: 6 Jahre) die Bereitstellung eines Betreuungsplatzes vorsieht. Deshalb konzentrierte man sich dort in den vergangenen Jahren vor allem darauf, die Qualität der familienexternen Betreuung zu verbessern. Das Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft (Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschappen) hat zu diesem Zweck 2007 eine mehrjährige nationale Untersuchung der pädagogischen Qualität der Kinderbetreuung für Null- bis Vierjährige veranlasst und hierfür das Nederlands Consortium Kinderopvang Onderzoek (NCKO) ins Leben gerufen. Nach den ersten, nicht ganz so glänzenden Ergebnissen der Langzeitqualitätsstudie wurde das Bureau Kwaliteit Kinderopvang (BKK) gegründet. Dessen Auftrag besteht darin, die pädagogische Aus- und Weiterbildung des professionellen Betreuungspersonals zu verbessern. [67]

Typische Formen von Kinderbetreuungseinrichtungen

Für Kinder von 0 bis 4 Jahre gibt es in den Niederlanden den kinderdagverblijf (Kindertagesstätte) oder gastouderopvang (Tageseltern). Auch der 24-uurs opvang für z.B. Eltern im Schichtdienst betreut Kleinkinder.

Für Kinder im Grundschulalter – ab 4 Jahren können niederländische Kinder in die basisschool gehen – gibt es den buitenschoolse opvang, der die Mittagsstunden und die Stunden vor Schulbeginn (8.30 Uhr) abdeckt sowie in den Schulferien Betreuung anbietet, und den naschoolse opvang, der die Kinder nach Unterrichtsende (ca. 15.00 Uhr) bis ca. 18 Uhr betreut.

In Deutschland werden Kinder von null bis drei Jahren in Kinderkrippen betreut, von 3 bis 6 Jahren in Kindergärten. Diese sind meistens nur vormittags geöffnet. Alternativ dazu gibt es auch Tageseltern oder Kindertagesstätten, die bis zum Nachmittag (ca. 16.30 Uhr) auf die Kinder aufpassen. Für schulpflichtige Kinder gibt es nach Unterrichtsschluss (ca. 12.00 Uhr) die Möglichkeit einen Hort zu besuchen.

Quelle:. Lindner, D.: Die Bedeutung der Kinderbetreuungseinrichtungen für die Frauenerwerbstätigkeit in den Niederlanden, Diplomarbeit Münster 2008, S. 19; Maywald/ Schön (Hrsg.): Krippen. Wie frühe Betreuung gelingt

Dass sowohl die deutsche als auch die niederländische Initiative zur Anhebung der Qualität von Kinderbetreuungseinrichtungen nötig ist, zeigen nationale Studien. Für Deutschland kam 2007 eine Untersuchung zu dem Schluss, dass die Qualität deutscher Krippen meist mittelmäßig ist. Von ca. 100 untersuchten Krippen wurden gut zwei Drittel als mittelmäßig eingestuft. Nur 2 Prozent wurden als gut bis ausgezeichnet eingeschätzt und ein knappes Drittel ist von unzureichender Qualität. [68] Eine Untersuchung 200 niederländischer Kinderbetreuungseinrichtungen des NCKO 2008 ergab insgesamt einen Skalenwert von 3,0. „Ein Skalenwert von 3 bedeutet ausreichend, gerade noch nicht mangelhaft.“ [69]

Kosten für die Kinderbetreuung

Die Kosten für Kinderbetreuung sind sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden einkommensabhängig. Eltern mit einem höheren Einkommen haben dementsprechend höhere monatliche Kosten als Eltern mit geringerem Lohn. [70] In den Niederlanden unterscheiden sich die Kosten für Eltern mit hohem und Eltern mit niedrigem Einkommen weitaus deutlicher als in Deutschland. Die Kosten für 40 Stunden Kinderbetreuung zweier Kinder im Alter von 2 und 3 Jahren in einer landestypischen Kinderbetreuungseinrichtung (siehe Infokasten) betragen in den Niederlanden für einen Alleinerziehenden mit einem Einkommen von 67 Prozent des Durchschnittslohns 3 Prozent des Einkommens. Für ein Paar, beide berufstätig, mit einem Familieneinkommen von 167 Prozent des Durchschnittsgehalts betragen sie 12 Prozent. In Deutschland liegen die Kosten im ersten Fall bei 7 Prozent, im zweiten Fall bei 8 Prozent des Einkommens. [71]


[59] Die Zahlen der Studie beziehen sich vor allem auf Kindertagesstätten, nicht Tageseltern. (Vgl. Plantenga/ Remery et al.: Reconciliation of work and private life, S. 34.); Nicht zu entnehmen ist den Zahlen leider, wieviele Stunden am Tag die Betreuung abdeckt: „Available childcare could therefore not be calculated in fulltime equivalent terms, as a result of which parttime facilities have been given the same weight as full-time facilities“ (Ebd. S.33)
[60] Die Betreuungsquote gibt die Anzahl der betreuten Kinder von 100 Kindern der jeweiligen Altersgruppe an.
[61] OECD Family Database: PF11. Enrolment in day-care and pre-schools.
[63] Plantenga/Remery et al.: Reconciliation of work and private life, Luxemburg 2005, S. 36.
[64] Barth, Felix: Krippenausbau kommt langsam voran, in: Süddeutsche Zeitung(SZ), 23.11.2009, S. 6.
[65] Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. 427 vom 11.11.2009: Jedes fünfte Kind unter drei Jahren in Kindertagesbetreuung.
[66] Aktionsprogramm Kindertagespflege, ein EFS-Programm des BMFSFJ. Das Forum frühkindliche Bildung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
[67] Vgl. Stichting BKK: Bureau Kwaliteit Kinderopvang.
[68] Vgl. Bensel/Haug-Schnabel: Alltag, Bildung und Förderung in der Krippe, S. 103.
[69] Übersetzung A.F.; NCKO (Hrsg.): Pedagogische kwaliteit van de opvang voor 0- tot 4-jarigen, S. 17.
[70] Vgl. Plantenga/Remery et al.: Reconciliation of work and private life, S. 39‒40.
[71] OECD Family Database: PF12. Childcare support.

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt:
Oktober 2010