II. Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit und der Geburtenziffern

In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Erwerbszahlen von Frauen in den Niederlanden ziemlich niedrig. So zählten z.B. 1956 laut nationaler Volkszählung nur knapp 20 Prozent der Niederländerinnen zur erwerbstätigen Bevölkerung. Und auch die internationalen Statistiken bescheinigten den niederländischen Frauen noch Anfang der 1970er Jahre niedrige Erwerbsquoten. Während in Deutschland 1971 schon 47 Prozent der weiblichen Bevölkerung am Erwerbsleben teilnahmen, hatten die Niederlanden mit 30 Prozent die niedrigste Frauenerwerbsquote der OECD-Länder.

Erwerbstätigkeit nach Geschlecht (15-64 Jahre) 1971-2007

Quelle: OECD (Hrsg.): OECD Factbook 2009. Economic, Environmental and Social Statistics
Quelle: OECD (Hrsg.): OECD Factbook 2009. Economic, Environmental and Social Statistics
© A. Fliegner

Ebenfalls besonders – aber diesmal besonders hoch -  waren bis in die 1960er Jahre die Geburtenziffern in den Niederlanden: eine demographische Besonderheit. „In der Tat hat sich herausgestellt, dass die niederländischen Frauen, zumindest insofern sie verheiratet waren, stets mehr Kinder bekommen haben als ihre Geschlechtsgenossinnen im benachbarten Ausland.“ [1] Vor allem in katholischen und gereformeerden Familien waren um 1950 fünf Kinder keine Seltenheit. [2] Dadurch lag die durchschnittliche Geburtenziffer in den Niederlanden im Jahr 1950 bei etwas mehr als 3 Kindern pro Frau.

Die deutsche Durchschnittsfrau bekam 1950 hingegen nur knapp 2,2 Kinder. 1965, auf dem Höhepunkt des Nachkriegs-Babybooms, lag die Geburtenrate in Deutschland bei 2,5. Die Niederländerinnen bekamen derweil bis 1965 ca. 3 Kinder, dann aber ging die Geburtenziffer zurück. Mitte der 70er Jahre wurde die Geburtenrate von 2,1 Kindern – und somit das so genannte Bestandserhaltungsniveau – unterwandert und ist seitdem unter der magischen Zahl von 2,1 geblieben. [3] In Deutschland sank die Geburtenkurve bereits 1970 auf 2,0. Im Jahr 2005 bekam die durchschnittliche Niederländerin ca. 1,7 Kinder, die durchschnittliche Deutsche 1,4 Kinder.

Zusammengefasste Geburtenziffern der Kalenderjahre 1950-2005

Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland, Centraal Bureau voor de Statistiek
Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland, Centraal Bureau voor de Statistiek
© A. Fliegner

Eine drastische Änderung vollzog sich auch in der niederländischen Frauenerwerbsquote. Seit Mitte der 1980er Jahre haben die Niederländerinnen in puncto Erwerbsbeteiligung einen gewaltigen Sprung um fast 40 Prozent nach oben gemacht. Die deutsche Frauenerwerbsquote stieg im gleichen Zeitraum von einem höheren Ausgangswert aus eher gleichmäßig um ca. 17 Prozent an. Allein die Wiedervereinigung Deutschlands führte zu einem plötzlichen Sprung um ca. vier Prozentpunkte. Inzwischen weisen die niederländischen Frauen mit 68 Prozent eine leicht höhere Erwerbsquote auf als die deutschen Frauen mit 63 Prozent.

Entwicklung der Familienpolitik

Die frühe Familienpolitik der BRD und der Niederlande nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützte den Mann in seiner Rolle als Versorger und die Frau in ihrer Rolle als Ehe- und Hausfrau. Das Modell der Einverdienerehe, oder auch männlichen Versorgerehe, sieht eine grundlegende Trennung von Haushalt und Erwerbsarbeit vor. Die Erziehung und Betreuung von Kindern gilt als Aufgabe der Frau. Die Welt der Erwerbsarbeit und der Politik ist Aufgabe des Mannes. Dieses Modell wurde durch den Wohlfahrtsstaat der jungen Bundesrepublik

Deutschland Anfang der fünfziger Jahre massiv gefördert. Auch im niederländischen Wohlfahrtsstaat nach dem Zweiten Weltkrieg war der Mann als Familienernährer vorgesehen. Wie in Westdeutschland, so war auch in den Niederlanden zum Beispiel die Zustimmung des Ehemanns notwendig, wenn Frauen erwerbstätig sein wollten. „Der Ausnahmecharakter der Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen wurde dadurch betont, daß [niederländische] Frauen nach der Heirat eine Arbeitserlaubnis einholen mußten – […] –, wollten sie erwerbstätig werden.“ [4] Erst 1971 gab man in den Niederlanden beiden Partnern das Recht, berufstätig zu sein; in Westdeutschland sogar erst 1977.

In der sozialistischen DDR hingegen war die Erwerbstätigkeit von Frauen (auch von verheirateten Frauen und Müttern) aufgrund der marxistischen-leninistischen Lehre ideologisch gewünscht. Bereits 1965 gab es mit dem Familiengesetzbuch (FGB) eine gesetzliche Vorlage hinsichtlich des Gleichberechtigungsprinzips. Im Paragraph 10 des FGB hieß es: „Beide Ehegatten tragen ihren Anteil bei der Erziehung und der Pflege der Kinder und der Führung des Haushalts. Die Beziehungen der Ehegatten zueinander sind so zu gestalten, daß die Frau ihre berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit mit der Mutterschaft vereinbaren kann.“[5]

Inzwischen unterstützt die Familienpolitik in Deutschland und den Niederlanden Frauen sowohl in ihrer Mutterrolle als auch im Beruf. Man spricht von einem Trend zum so genannten Adult-Worker-Modell.


[1] Übersetzung A. Fliegner; Damsma, Dirk: Van Hoeksteen tot fundament, S. 215.
[2] Damsma, Dirk: Van Hoeksteen tot fundament, S. 216; Pfau-Effinger, Birgit: Kultur und Frauenerwerbstätigkeit in Europa, S. 156.
[3] Nederlands Interdisciplinair Demografisch Instituut (NIDI), Demografische Atlas, Geboorte.
[4] Pfau-Effinger, Birgit: Kultur und Frauenerwerbstätigkeit, Opladen 2000, S. 164.
[5] Koch, Petra/Knöbel, Hans Günther: Familienpolitik der DDR im Spannungsfeld zwischen Familie und Berufstätigkeit von Frauen. Pfaffenweiler 1988, S. 17.

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt:
Oktober 2010