III. Aktuelle Frauenerwerbstätigkeit

Enger Zusammenhang zwischen dem Alter des Kindes und der aktiven Erwerbsbeteiligung der Mutter

Betrachtet man die Frauenerwerbstätigenquoten des Jahres 2005 in beiden Ländern je nach Altersgruppen, so zeigt sich sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden rund um das 30.‒35. Lebensjahr der Frauen ein kleiner Knick in der Kurve. Das bedeutet, dass viele Frauen in diesem Alter (vorläufig) aus dem Beruf aussteigen beziehungsweise kürzer treten. Die Kurve der Männer bleibt in diesen Altersgruppen hingegen knickfrei, wie ein Querschnitt durch ein Hochplateau. Deutlicher sichtbar war dieser Knick in der weiblichen Erwerbsquote noch im Jahr 1995. Die niederländische Genderforscherin Jeanne de Bruijn erkannte in den 1990er Jahren in dieser Form der Kurve ein „M“: Die Frauen unterbrächen ihre Erwerbstätigkeit, um sich um ihre Kinder zu kümmern und kehrten danach meist in den Beruf zurück.

Erwerbstätigkeit nach Altergruppen, Deutschland 2005

Quelle: International Labour Organisation
Quelle: International Labour Organisation
© A. Fliegner

Der jeweilige Typus des Wohlfahrtsstaates eines Landes, so De Bruijns These, hätte direkten Einfluss darauf, wie die dort lebenden Frauen Familien- und Hausarbeit sowie Berufsarbeit organisierten und arrangierten. An der Erwerbstätigenquote nach Altersgruppe ließe sich dies gut ablesen. Neben M-förmigen Kurven fand sie in anderen Ländern plateauförmige Kurven, die den Erwerbstätigenquoten der Männer ähnelten (u.a. Schweden, Dänemark), Kurven mit einem leichten linksseitigen Höhepunkt (u.a. Portugal, Italien) und Kurven mit starkem linksseitigem Höhepunkt (u.a. Irland, Spanien). [6] In Ländern mit einer linken Spitze würde die Versorgung der Kinder als auch die der Alten hauptsächlich privat geregelt. Das „M“ in der Frauenerwerbstätigkeit erklärte De Bruijn damit, dass in diesen Wohlfahrtstaaten die Kinder hauptsächlich privat betreut würden, die Alten jedoch staatlich versorgt würden. Aus plateauförmigen Erwerbsquoten schloss sie, dass die staatlichen Versorgungseinrichtungen für Kinder und Alte gut ausgebaut sind.

Erwerbstätigkeit nach Altergruppen, Niederlande 2005

Quelle: International Labour Organisation
Quelle: International Labour Organisation
© A. Fliegner

Große innerdeutsche Unterschiede im weiblichen Erwerbsverhalten

Die Bundesrepublik Deutschland und die Niederlande rechnete De Bruijn zu den M-Form-Ländern. Die DDR galt als Land mit plateauförmiger Kurve. Dort waren schließlich nahezu alle Frauen erwerbstätig und die Kinderbetreuung durch staatliche Institutionen die Regel. Noch 2004 sah man die unterschiedliche Vergangenheit beider Landesteile anhand großer Unterschiede in der ost- und westdeutschen Frauenerwerbsquote: Ostdeutsche Frauen sind deutlich erwerbsorientierter als ihre westdeutschen Geschlechtsgenossinnen. Der Gender Datenreport des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Familienreport 2005 der Konrad Adenauer Stiftung (KAS) liefern dazu die folgenden Zahlen: Ist das jüngste Kind unter drei Jahren, so sind im Westen 29 Prozent der Mütter erwerbstätig, im Osten sind es 44 Prozent. Interessanterweise liegt die Vollzeitbeschäftigung bei ostdeutschen Müttern mit 23 Prozent in dieser Lebensphase mehr als doppelt so hoch wie bei ihren westdeutschen Nachbarinnen (9 Prozent).

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Ergebnis einer Umfrage des International Social Survey Programmes (ISSP)aus dem Jahr 2002 mit dem Titel Family and Changing Gender Roles. Gefragt, inwieweit sie der These „Hausfrau zu sein ist genauso erfüllend wie gegen Bezahlung zu arbeiten“ zustimmen, kreuzten in Westdeutschland 47 Prozent aller Befragten „stimme gar nicht/eher nicht zu“ an. In Ostdeutschland lehnten sogar 63 Prozent der Befragten die These ab. Ostdeutsche empfinden also ein Hausfrauendasein als weniger erfüllend als eine Erwerbsarbeit. In den Niederlanden stimmten übrigens nur 43 Prozent der Befragten dieser These nicht zu.

Frauenerwerbsquote nach Altersgruppen. Ost- und Westdeutschland 1991 und 2004

Quelle: Klaus Schroeder: Die veränderte Republik. Deutschland nach der Wiedervereinigung, München 2006, S. 704, Tab. A4
Quelle: Klaus Schroeder: Die veränderte Republik. Deutschland nach der Wiedervereinigung, München 2006, S. 704, Tab. A4
© A. Fliegner

Mütter arbeiten häufig in Teilzeit

Dass die mittlere Spitze des von De Bruijns gefundenen „M“s in der Erwerbskurve der Frauen nicht mehr so stark nach unten zeigt wie früher, lässt den Rückschluss zu, dass (junge) Mütter inzwischen weniger häufig aus ihrem Beruf komplett aussteigen. Doch komplett verflüchtigt hat sich der Knick in der weiblichen Erwerbskurve auch nicht. Man findet ihn wieder, wenn man den Anteil der Vollzeiterwerbstätigen an der totalen Berufsbevölkerung nach Geschlecht und Altersgruppe abbildet. In der intensiven Familienphase arbeiten also viele Mütter in Teilzeit.

Für das Jahr 2003 gab Eurostat folgende Beschäftigungsquoten von Müttern aus: Niederlande rund 70 Prozent, davon 55 Prozent in Teilzeit beschäftigt; Deutschland 61 Prozent, davon 35 Prozent in Teilzeit. [7] Niederländische Mütter sind also häufiger erwerbstätig als deutsche Mütter, doch wesentlich seltener in Vollzeit. Während in Deutschland rund 42 Prozent aller angestellten Mütter in Vollzeit arbeiteten, waren es in den Niederlanden nur 19 Prozent. [8]

Anteil der Vollzeiterwerbstätigen an der totalen Berufsbevölkerung

Nach Geschlecht und Altergruppe 2008. Quelle: OECD Labour Force Statistics
Nach Geschlecht und Altergruppe 2008. Quelle: OECD Labour Force Statistics
© A. Fliegner

Vor allem Mütter mit Partnern arbeiten gerne in Teilzeitjobs. „Das Vollzeit-Teilzeit-Modell [ist] bei Paaren mit jungen Kindern der Favorit,“ [9] vermeldeten das Sociaal Cultureel Planbureau (SCP) und Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS) im Emancipatiemonitor 2008 für die Niederlande.

Der Ländervergleich macht hier einen großen Unterschied deutlich: Während von den niederländischen Paarhaushalten mit Kindern unter fünf Jahren in 46 Prozent der Fälle der Mann Vollzeit, die Frau Teilzeit arbeitet, sind es nur 23 Prozent auf deutscher Seite. Dort leben 44 Prozent der Paare mit kleinen Kindern das ‚klassische‘ Arrangement: Er arbeitet Vollzeit, sie ist nicht erwerbstätig. [10]

Alleinerziehende Mütter

Alleinstehende niederländische Mütter weisen insgesamt eine geringere Arbeitsmarktpartizipation auf als Mütter mit Partner. Jedoch haben die Alleinerziehenden, die erwerbstätig sind, häufiger als verheiratete Frauen Vollzeitstellen (21 Prozent gegenüber 12 Prozent), bzw. Teilzeitstellen mit 28‒34 Arbeitsstunden/Woche (28 Prozent gegenüber 16 Prozent). [11]

In Deutschland sind Alleinerziehende im Vergleich zu Müttern mit Partner ebenfalls öfter erwerbslos, gleichzeitig doppelt so oft wie Mütter mit Partner vollzeitbeschäftigt. Es zeigt sich auch hier ein großer Unterschied zwischen Ost und West. Während alleinerziehende westdeutsche Mütter von Kindern unter 18 Jahren zu 29 Prozent voll erwerbstätig sind, ist es die verheiratete Vergleichsgruppe nur zu 15 Prozent. In Ostdeutschland hingegen sind diese Unterschiede zwischen alleinerziehenden und verheirateten Müttern nicht vorhanden. Im Gegenteil: Ostdeutsche alleinerziehende Mütter von Kindern unter 18 Jahren sind zu 49 Prozent, ihre verheirateten Geschlechtsgenossinnen zu 53 Prozent voll erwerbstätig. [12] Ebenfalls zweigeteilt zeigt sich die Bundesrepublik bei der Frage nach den Gründen, aus denen eine Teilzeitbeschäftigung aufgenommen wird. Während westdeutsche Frauen zu 63 Prozent persönliche und familiäre Verpflichtungen nennen, tun das nur 20 Prozent der ostdeutschen Frauen. Ihr Hauptgrund für die Aufnahme von Teilzeitbeschäftigung ist schlicht der, dass eine Vollzeitstelle nicht zu finden war (57 Prozent). [13]

Frauen mit höherer Bildung auch als Mütter erwerbsorientierter

Großen Einfluss auf die Erwerbsorientierung der einzelnen Mutter hat ihre Bildungsbiografie. Internationale Zahlen zur Erwerbsbeteiligung von Müttern in Paarhaushalten mit Kindern unter fünf Jahren weisen für niederländische Mütter mit Hochschulabschluss eine Erwerbsbeteiligung von 84 Prozent, für niederländische Mütter mit elementarer Schulbildung von 49 Prozent auf. Deutsche Mütter mit akademischer Bildung sind zu 56 Prozent erwerbstätig, Mütter mit elementarer Schulbildung zu 24 Prozent. [14] Der innerdeutsche Vergleich zeigt zwar denselben Zusammenhang zwischen Ausbildungsniveau und Erwerbsbeteiligung, macht gleichzeitig aber deutlich, dass ostdeutsche Mütter mit geringerer Bildung erwerbsorientierter sind als westdeutsche Mütter auf demselben Bildungsniveau. [15]

Führungsposten meist in männlicher Hand

Wie gesehen, hat die Zahl der erwerbstätigen Frauen in beiden Ländern in den letzten Jahrzehnten zugenommen, doch die Führungspositionen in Unternehmen und Behörden sind immer noch überwiegend in männlicher Hand. [16]

Der Frauenanteil an Stellen im Management lag 2004 für Deutschland insgesamt bei 28 Prozent, in den Niederlanden bei 25 Prozent. [17] Nach Sektoren unterschieden, wird deutlich, dass der Frauenanteil an Führungspersonen in der Industrie am geringsten ist. Im Dienstleistungssektor sind sie am stärksten zur Spitze vorgedrungen.


[6] Bruijn, J. de: Zorgloos de toekomst tegemoet: wie zorgt voor wie?, in: Nederlandse Gezinsraad (NGR)(Hrsg.): Alleen of samen? Individuen gezin in de toekomst, Den Haag 1997, S. 82‒97.
[7] Die Beschäftigungsquote bezieht sich auf Personen in Angestelltenverhältnissen und schließt Selbständige oder abhängig Erwerbstätige aus.
[8] Eichhorst et al.: Vereinbarkeit von Familie und Beruf im internationalen Vergleich, S. 38.
[9] SCP/CBS (Hrsg.): Emancipatiemonitor 2008, S. 92.
[10] Eichhorst et al.: Vereinbarkeit von Familie und Beruf im internationalen Vergleich, S. 35.
[11] SCP/CBS: Emancipatiemonitor 2008, S. 92.
[12] Vgl. Engelbrech, G./Jungkunst, M.: Alleinerziehende Frauen haben besondere Beschäftigungsprobleme, in: IAB Kurzberichte Nr. 2 (2001), S. 1‒4, hier: Abb. 3a und 3b, S. 4.
[13] BMFSFJ: Gender Datenreport 2005, S. 124.
[14] Vgl. Eichhorst et. al.: Vereinbarkeit von Familie und Beruf im internationalen Vergleich, S. 34.
[15] Vgl. Geisler, E.: Müttererwerbstätigkeit in Ost- und West-Deutschland. Eine Analyse der Daten des Scientific Use File des Mikrozensus, Magisterarbeit Universität Rostock 2004, S. 101, online.
[16] BMFSFJ: Gender Datenreport 2005, S. 140.
[17] Holst, E.: Women in Managerial Positions in Europe: Focus on Germany, in: DIW Berlin Discussion Papers 557, Berlin März 2006, S. 8 und S. 15.

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt:
Oktober 2010