II. Medizinische Abläufe und Spenderzahlen

Organe zu entnehmen und zu verpflanzen, ist keine alltägliche medizinische Aufgabe, sondern eine Angelegenheit für Spezialisten. In den Niederlanden ist es in allen acht universitären Krankenhäusern möglich, entweder alle oder aber nur bestimmte Organe zu transplantieren. Neben diesen Universitätskliniken gelten aber auch alle anderen Krankenhäuser mit Intensivstationen im Land als donorziekenhuizen, in denen eine Organentnahme bei verstorbenen Patienten möglich ist. Diese Aufgabe übernimmt in der Regel nicht das Personal vor Ort, sondern die Mitglieder von „Selbstständigen Entnahme-Teams“ (Zelfstandig Uitname Teams, ZUT). Diese Teams gibt es an drei Standorten in den Niederlanden. Ein ZUT ist rund um die Uhr erreichbar und einsatzbereit, besteht aus zwei spezialisierten Chirurgen, einem Anästhesisten und drei medizinischen Assistenten. Die Teams fahren in komplett ausgestatteten Bussen zu den Einsatzkrankenhäusern, wo sie die Entnahme von Bauchorganen durchführen können. Das komplette Verfahren wird wiederum begleitet und organisiert von speziellen Koordinatoren, die in einem landesweiten Netzwerk zusammengeschlossen sind. Um Herz oder Lunge zu entnehmen, wird dagegen der Chirurg einflogen, der das Organ später beim Empfänger transplantiert.

Die Entnahme ist einerseits möglich, wenn bei einem Spender der Hirntod festgestellt wurde (sogenannte Donation after Brain Death, DBD): In diesem Fall funktioniert das Hirn nicht mehr, Atmung und Herzschlag können aber mit Hilfe von Maschinen noch aufrechterhalten werden. Möglich ist die Entnahme der meisten Organe zwar auch, wenn das Herz ebenfalls zu schlagen aufgehört hat (Donation after Circulatory Death, DCD). Der Schritt muss dann aber innerhalb von zwei Stunden erfolgen. Ein Herz erst nach dem DCD zu entnehmen, ist in den Niederlanden zudem noch nicht möglich – im Gegensatz zum Beispiel zu Großbritannien und Australien. Die Niederländische Transplantationsstiftung (Nederlandse Transplantie Stichting, NTS) erwartet jedoch, dass diese Prozedur auch in niederländischen Krankenhäusern in Zukunft zu realisieren sein wird.

Die wichtigste Bedingung für eine Organentnahme: Die Mediziner müssen mit Hilfe des Spenderregisters klären, ob der Patient diesem Eingriff überhaupt zugestimmt hat. Bisher herrscht darüber in vielen Fällen noch Unklarheit. Schwierige Situationen sind unausweichlich, wenn Hinterbliebene in einem Moment großer Trauer auch noch über die Organspende entscheiden müssen. „Wenn Angehörige mit der Frage konfrontiert werden und der Verstorbene seine Entscheidung nicht festgelegt hat, sagen sie häufig Nein. Dadurch gehen viele potenzielle Spender verloren“, sagt Jeantine Reiger, Sprecherin der NTS.[1] Die Aufklärung über die Organspende ist daher eine zentrale Aufgabe der Stiftung.

Mehr Transplantationen – aber noch nicht genug

Für das Jahr 2018 meldete die NTS eine leichte Zunahme bei der Gesamtzahl von Organtransplantationen: Sie stieg von 1270 im Jahr 2017 auf 1339 im Jahr 2018.[2] Der Großteil davon ging auf Spenden von Lebenden zurück. So ist es zum Beispiel möglich, dass Patienten eine Niere eines Verwandten erhalten. Bei anderen Organen sind Mediziner dagegen auf Spenden von Toten angewiesen. Die Zahl der Verstorbenen, von denen Organe entnommen wurden, stieg zwischen 2017 und 2018 ebenfalls – und zwar um 12 Prozent von 244 auf 273.[3] Diese Zahl sei höher denn je und ermöglichte insgesamt 815 Transplantationen, teilte die NTS mit. Einen Grund zur Entwarnung sieht die Stiftung in diesen Zahlen aber nicht: Immer noch sei die Zahl der Organspender zu gering. 1195 Patienten standen 2018 auf der Warteliste für ein neues Organ, das sind 80 mehr als im Vorjahr. Besonders angespannt ist die Situation bei Patienten, die ein neues Herz oder eine Lunge benötigen. Die NTS schätzt, dass pro Jahr im Schnitt 150 Menschen sterben, während sie auf eine Spende warten. Hinzu kommen 683 Menschen, die eine Gewebespende benötigen – in den meisten Fällen geht es hier um Hornhäute im Auge.

Der Niederländer sei „nicht sehr großzügig, wenn es um das Schenken seiner Organe geht“, schrieb die „Volkskrant“, als das Land im Frühjahr 2018 über eine Neuregelung diskutierte. Im Jahr 2018 kamen im Land 273 Verstorbene, denen Organe entnommen wurden, auf 17,2 Millionen Einwohner. Die Zahl der postmortalen Spender pro Million Einwohner lag damit bei 15,9. Unter den acht Mitgliedsstaaten von Eurotransplant belegten die Niederlande 2018 damit einen Platz im unteren Mittelfeld – niedrigere Werte verzeichneten nur Luxemburg mit einer Quote von 11,6 und Deutschland mit 11,3.[4] Eurotransplant ist ein Verbund von Kliniken, Transplantationszentren und Laboren, die Organtransplantationen durchführen und sich gegenseitig Organe vermitteln können. Die acht Mitgliedsstaaten sind Deutschland, die Benelux-Länder, Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn. Als weltweiter Vorreiter bei der Organspende gilt Spanien, das nicht Mitglied von Eurotransplant ist und daher in der Aufstellung nicht auftaucht. 2016 brachte es das Land auf 43,4 postmortale Spender pro Million Einwohner.[5]

Postmortale Organspender pro Million Einwohner in den Mitgliedsländern von Eurotransplant (2018)
Postmortale Organspender pro Million Einwohner in den Mitgliedsländern von Eurotransplant (2018), Darstellung: Fabian Busch, Quelle: Eurotransplant https://www.eurotransplant.org/cms/mediaobject.php?file=ET_Jaarverslag_20186.pdf
© Fabian Busch

Die Befürworter der verabschiedeten Reform bringen die relativ niedrigen Spenderzahlen mit der bisher geltenden Regelung in den Niederlanden in Verbindung: Seit 1998 sieht das Organspende-Gesetz vor, dass jeder Bürger, der zwölf Jahre oder älter ist, sich als Spender für den Fall seines Todes registrieren lassen kann. Anfang 2019 waren 6,4 Millionen Menschen – das sind 42 Prozent der potenziellen Spender – ins zentrale donorregister eingetragen. Davon stimmten rund 58 Prozent einer Organentnahme nach ihrem Tod vollständig oder eingeschränkt zu. Natürlich können Bürger dort auch vermerken lassen, dass sie der Organspende nicht zustimmen. Für den Fall, dass jemand nicht ins Register eingetragen ist, müssen bisher die Angehörigen nach seinem Tod entscheiden, ob es zu einer Spende kommt.

Die Mehrheit der EU-Staaten ist bereits zur sogenannten Widerspruchsregelung übergegangen. Das Prinzip wird in den Niederlanden mit der Redewendung Wie zwijgt, stemt toe (Wer schweigt, stimmt zu) beschrieben: Eine Organspende nach dem Tod einer Person ist grundsätzlich möglich, sofern diese Person ihr bei Lebzeiten nicht widersprochen hat. Spanien und Frankreich haben eine solche Regelung schon in den 1970er Jahren eingeführt, Belgien und Österreich folgten in den 80ern, Schweden und Italien in den 90ern. Die Niederlande werden nun nachziehen.


[1] Persönliches Gespräch am 13. August 2019
[2] Nederlandse Transplantie Stichting: Cijfers over donatie en transplantie https://www.transplantatiestichting.nl/cijfers-over-donatie-en-transplantatie%20
[3] Nederlandse Transplantie Stichting: Jaarverslag 2018 https://www.transplantatiestichting.nl/bestel-en-download/nts-jaarverslag-2018
[4] Eurotransplant: Statistical Report 2018 https://www.eurotransplant.org/cms/mediaobject.php?file=ET_Jaarverslag_20186.pdf
[5] The Local.es: How Spain became the world leader in organ transplants, 15. September 2017 https://www.thelocal.es/20170915/how-spain-became-world-leader-at-organ-transplants

Autor: Fabian Busch
Erstellt: 2019