„Wer schweigt, stimmt zu“ – die Reform der Organspende in den Niederlanden

I. Einleitung

Die Entscheidung fiel denkbar knapp aus: Am 13. September 2016 beschloss die Zweite Kammer des niederländischen Parlaments eine Reform der Organspende: 75 der 150 Abgeordneten stimmten dafür, 74 dagegen, ein Parlamentarier fehlte bei der Abstimmung. Am 13. Februar 2018 folgte ein ähnlich knappes Votum in der Ersten Kammer. Das NRC Handelsblad schrieb zuvor von „einer der spannendsten und fundamentalsten Debatten seit Jahren“[1].

Am 1. Juli 2020 tritt die Neuregelung in Kraft. Kurz gefasst bedeutet sie: Die Niederlande wechseln von einer Zustimmungs- zu einer Widerspruchsregelung. Wer innerhalb mehrerer Wochen nicht auf die Bitte reagiert, seine persönliche Entscheidung über eine Organ- und Gewebespende im staatlichen Spenderregister festzuhalten, gilt künftig als potenzieller Spender. Nach dem Tod können Ärzte somit Organe und Gewebe aus dem Körper dieser Person entnehmen. Sie sollen Menschen zugute kommen, die zum Beispiel auf ein Spenderherz, eine -niere oder eine neue Hornhaut warten.

Die Diskussion wurde in den Niederlanden emotional geführt. Schließlich geht es um eine Frage von Leben und Tod, von der jeder Menschen betroffen sein kann. Auch aus Deutschland richteten sich Blicke auf das Nachbarland. Denn die Widerspruchsregelung ist auch hierzulande im Gespräch, seit eine Gruppe von Politikern um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und den Gesundheitsexperten Karl Lauterbach (SPD) eine entsprechende Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht hat. „Ich wünsche mir ähnlich mutige Politiker im Bundestag wie in Holland“, zitierte die Ärzte-Zeitung im Frühjahr 2018 den Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft, Christian Hugo.[2] Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge standen 2018 in Deutschland rund 9.500 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Im gleichen Jahr wurden aber nur 955 postmortale Organspenden verzeichnet.[3] Die Widerspruchsregelung – so erwarten es die Befürworter – soll dazu beitragen, die Zahl der gespendeten Organe zu erhöhen. Nicht nur deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf die neue Regelung in den Niederlanden.


[1] NRC Handelsblad 28. Januar 2018: 'Nepnieuws' over hersendood vervuilt donordebat https://www.nrc.nl/nieuws/2018/01/28/vechten-tegen-de-vervuiling-van-het-donordebat-a1590120.
[2] Ärzte-Zeitung online 6. März 2018: Niederlande als Vorbild bei Organspende? https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/organspende/article/958538/widerspruchsloesung-niederlande-vorbild-organspende.html.
[3] Organspende-info.de: Statistiken zur Organspende für Deutschland und Europa https://www.organspende-info.de/zahlen-und-fakten/statistiken.html.

Autor: Fabian Busch
Erstellt: 2019