VI. Ausblick: Mehr Diskussionen, mehr Vorbehalte?

Um die Zahl der gespendeten Organe zu erhöhen und die Wartelisten zu verkürzen, gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Die gesetzliche Neuregelung ist nur einer davon. Nach der Entnahme eines Spenderorgans muss es zum Beispiel innerhalb weniger Stunden transplantiert werden. Die länderübergreifende Organisation Eurotransplant hat sich daher zum Ziel gesetzt, dass das Organ schnell zum passenden Empfänger kommt. Die Transplantationsstiftung NTS arbeitet zudem daran, die sogenannte Maschinenperfusion auszuweiten. Dabei werden Organe mit Flüssigkeiten, Nährstoffen oder auch Sauerstoff gespült – was die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Transplantation und die Lebensdauer der entnommenen Organe Studien zufolge erhöht. Das Verfahren ermöglicht es zudem, Leber oder Lungen darauf zu testen, ob sie für eine Transplantation geeignet sind. Seit 2018 ist die Maschinenperfusion bei der Transplantation von Nieren in den Niederlanden Standard.

Zahl der Registrierten steigt

Den Befürwortern der Reform ging es wiederum vor allem darum, die öffentliche Debatte über das Thema anzuregen. Jeder Einwohner der Niederlande soll sich in das Spenderregister eintragen – egal ob er der Organentnahme nun zustimmt, sie verweigert oder die Entscheidung anderen Personen überlässt. In der Tat denken offenbar immer mehr Menschen über diese Frage nach. Im Mai 2019 meldete das zentrale Statistikamt (Centraal Bureau vor de Statistiek, CBS), dass 6,4 Millionen Einwohner ihre Entscheidung ins donorregister haben eintragen lassen – das waren rund 57.000 mehr als im April 2018.[1]

Allerdings lässt sich aus den Zahlen der Statistikbehörde herauslesen, dass auch der Anteil der Nein-Sager geringfügig steigt. Von allen im Mai 2019 Registrierten stimmen 45,8 Prozent der Organspende nach ihrem Tod uneingeschränkt zu. Hinzu kommen 12,3 Prozent, die zustimmen, aber bestimmte Organe oder Gewebe davon ausnahmen. 11,4 Prozent überlassen die Entscheidung den Hinterbliebenen oder einer anderen Person. Der Anteil der Registrierten, die der Organspende generell nicht zustimmen, beträgt 30,6 Prozent. Damit ist diese Gruppe etwas größer geworden – 2016 betrug ihr Anteil noch 26,5 Prozent. Nimmt man die beiden Gruppen, die uneingeschränkte oder eingeschränkte Zustimmung geben, zusammen, so ist ihr Anteil zwischen 2016 und 2019 von 61,4 Prozent auf 58,1 Prozent gesunken. Da in dieser Zeit aber die Gesamtzahl der Registrierten zugenommen hat, ist auch die absolute Zahl der potenziellen Organspender zumindest leicht von 3,6 auf 3,7 Millionen gestiegen.

Verstärkte Aufklärung vor allem für nichtwestliche Einwanderer

Unterschiede lassen sich zwischen den einzelnen Regionen und Religionen, in geringerem Maße auch zwischen den Geschlechtern beobachten. Von den Frauen haben 45 Prozent, von den Männern 39 Prozent ihre Entscheidung im Register eintragen lassen. Vor allem unter nichtwestlichen Einwanderern wachsen offenbar die Vorbehalte: Das CBS meldete im August 2018, dass die Zahl der marokkanisch-stämmigen Einwohner, die der Organspende nicht zustimmen, zwischen 2014 und 2018 von 38.000 auf 82.000 gestiegen sei. Bei den Türkischstämmigen stieg sie von 26.000 auf 54.000.[2] Das CBS berechnet auch, wie groß der Anteil jener Bewohner, die sich als uneingeschränkte Spender ins Register eintragen lassen, an der gesamten Einwohnerzahl der einzelnen Gemeinden ist. Mit mehr als 30 Prozent erreichen vor allem Gemeinden in Noord-Brabant oder dem Norden von Noord-Holland sowie die Städte Utrecht und Nijmegen hohe Werte. Deutlich niedriger sind die Werte in Teilen des streng-calvinistischen Bibelgürtels – in der Gemeinde Urk liegt der Anteil zum Beispiel nur bei neun Prozent. Doch auch in Rotterdam sind nur 17 Prozent aller Bewohner zur Organspende bereit.

Schon 2015 hat die Transplantationsstiftung NTS den sogenannten DonorDialoog gestartet. „Zahlen des CBS hatten gezeigt, dass die Unterschiede hinsichtlich der Bereitschaft zur Organentnahme enorm waren“, erklärt Sprecherin Jeantine Reiger. Vor allem nichtwestliche Einwanderer seien seltener als andere Bevölkerungsgruppen bereit, sich als potenzielle Spender eintragen zu lassen. Die NTS startete darum eine Aufklärungskampagne, bei der Einwanderer von Menschen der gleichen Herkunft angesprochen werden. Lokale Vereine und Verbände erklären zum Beispiel in sozialen Netzwerken aber auch bei öffentlichen Informationsveranstaltungen, warum es wichtig ist, eine persönliche Entscheidung über den Umgang mit der Organspende zu treffen. Der DonorDialoog startete in Rotterdam, findet inzwischen aber auch in Amsterdam, Utrecht und Den Haag statt. Er soll vor allem Gespräche anstoßen. In vielen Fällen sei das bereits gelungen, sagt Jeantine Reiger. So wurden in 130 Moscheen gleichzeitig Predigten zu dem Thema gehalten. Zuvor hatten Gläubige die Imame vermehrt auf das Thema angesprochen. Der Dialog sei also in Gang gekommen, sagt Reiger. „Aber er bleibt eine Geduldsarbeit.“


[1] Für diese und die folgenden Zahlen: Centraal Bureau voor de Statistiek: 42 procent regeristreerd in Donorregister https://www.cbs.nl/nl-nl/nieuws/2019/21/42-procent-geregistreerd-in-donorregister
[2] Centraal Bureau voor de Statistiek: 6,3 miljoen personen in donorregister https://www.cbs.nl/nl-nl/nieuws/2018/32/6-3-miljoen-personen-in-donorregister

Autor: Fabian Busch
Erstellt: 2019