6. Verschwörungsideologien auf dem Vormarsch

Zentral für die Zunahme an verschwörungsideologischen Deutungen ist aber nicht in erster Linie die organisierte Rechte, sondern eine kaum organisierte und krude zusammengesetzte Querfrontbewegung,[63] die sich unter dem Namen Viruswaanzin im Frühjahr gegründet hatte und im Sommer zusehends an Dynamik gewann. Die Köpfe hinter der Bewegung waren der Rechtsanwalt Jeroen Pols und der ehemalig promovierende Biopharmazeut Willem Engel. Sie organisierten sich im Wesentlichen über soziale Medien. Die Bewegung zeichnet sich durch einen Mangel an organisatorischer Struktur aus, weshalb sie auch keine Form der transparenten internen demokratischen Entscheidungsfindung hat. Die beiden Gründer der Bewegung stehen so als unumstrittene Führungspersönlichkeiten im Zentrum der öffentlichen Auftritte.


Pols, der sich in der Bewegung hauptsächlich um Klagen gegen die Regierungsmaßnahmen kümmert, hat sich beruflich auf Eigentumsrecht spezialisiert und vertritt libertäre Positionen, mit denen er private ökonomische Interessen gegen einen von ihm als totalitär wahrgenommenen Staat stark macht. Seit Jahren klagt er bereits gegen die Provinz Brabant über die Schließung des von seinem Vater gekauften Campingplatzes Fort Oranje, der auch zahlreiche Immobilien in Rotterdam besessen hatte und dort für seine zwielichtigen Geschäftspraktiken bekannt war.[64] Der Campingplatz war von den Behörden geschlossen worden, weil er zunehmend zu einem Umschlagplatz für kriminelle Aktivitäten geworden war.[65] Engel, der seine wissenschaftliche Karriere abgebrochen hatte, um Tanzlehrer zu werden, ist vor allem für die öffentliche Kommunikation der Bewegung zuständig. Diese zeichnet sich neben dem Bemühen um eine wissenschaftliche Aura vor allem durch eine Nähe zu esoterischen und verschwörungsideologischen Welterklärungen aus.[66]


Auch wenn die Initiative kaum ernsthafte politische oder juristische Erfolge erzielte, erhielt sie doch ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Sie unterhält einen Telegram Kanal mit über 10.000 Mitgliedern. Zudem zählt ihre Facebookseite mehr als 50.000 Abonnent:innen. Postings auf der Seite erhalten oftmals zwischen 300 und 600 Likes, sodass von einer großen Reichweite gesprochen werden kann, auch wenn keine belastbaren Zahlen über Anhänger:innen der Bewegung vorhanden sind.[67] Für die anfängliche Popularität der Bewegung spielte das neurechte verschwörungsideologische Internetportal Café Weltschmerz eine zentrale Rolle. Der Kanal des Senders verfügt inzwischen über 105.000 Abonnent:innen (Stand Januar 2021) und arbeitet punktuell auch mit der populären rechten Nachrichtenseite GeenStijl zusammen. Bei Café Weltschmerz erhielt Engel mit einem ausführlichen Interview am 29. Mai einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt, um seine Thesen zur Pandemie vorzustellen.[68]


Mit dem Abflachen der Kurve und den damit verbundenen teilweisen Lockerungen, begann auch eine zweite Phase dieser Bewegung, indem sie verstärkt auf Großdemonstrationen setzte. Hierbei entstand eine neue Gemengelage, die mit der Querdenkenbewegung in Deutschland vergleichbar ist. An den Aktionen von Viruswaarheid nahmen verschiedene politische Spektren Teil. Diese reichten von der extremen Rechten, über eher linksliberale esoterische Milieus, bis hin zu mittleren und Kleinunternehmer:innen, sowie Künstler:innen, die in der Bewegung eine strategische Partnerin zur Lockerung der Regierungsmaßnahmen sahen. Die argumentative Linie der Bewegung orientiert sich bis heute im Wesentlichen an einer Relativierung der Gefahr, die vom Virus ausgeht. Sie dramatisiert dabei die Folgen, die die Maßnahmen nach sich ziehen und erklärt diese damit, dass die Regierung – gelenkt von finsteren Mächten im Hintergrund – eine Diktatur errichten wolle und die Pandemie lediglich als Vorwand nutze, um die Bevölkerung unter ihre Kontrolle zu bringen.[69] Dabei bedient sie sich auch geschichtsrelativierender antisemitischer Symbolik.[70]


Besonders viel Aufsehen erregte die Bewegung am 21. Juni mit einer Demonstration auf dem Malieveld in Den Haag. Diese war zunächst von der Stadt verboten worden, weil sie erwartete, dass sich die Teilnehmer:innen nicht an die Auflagen halten würden. Als sich abzeichnete, dass dennoch tausende Demonstrant:innen nach Den Haag kommen würden, erlaubte die Polizei eine kurze Route. Während die Kundegebung auf dem Malieveld weitestgehend friedlich blieb, obwohl massenhaft gegen die Auflagen verstoßen wurde, änderte sich dies in der Innenstadt des Regierungssitzes. Unter den Teilnehmer:innen der Demonstration waren Hooligans und andere Akteur:innen der extremen Rechten, die die Auseinandersetzung mit der Polizei suchten.[71] Bei diesem Schulterschluss kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen und mehr als vierhundert Festnahmen.[72] Nach weiteren zurückhaltenderen Demonstrationen wechselte die Initiative ihren Namen und nannte sich fortan Viruswaarheid. Doch auch wenn sie auf der Straße zurückhaltender wurde, radikalisierte sich ihre Sprache zusehends. Mit Blick auf die Regierungspolitik zur Bewältigung der Pandemie spricht sie etwa von einem „Genozid“ und erklärt die Pandemie für eine gezielte Erfindung von Finanzinvestoren, die angeblich mit einem „Great Reset“ eine neue Weltordnung anstrebten.[73]


Ab September gewann das Infektionsgeschehen wieder an Dynamik. Mit einem Inzidenzwert von 7,3 Infizierten pro 100.000 Einwohner:innen am 11. September wurde der Höchststand aus der ersten Welle wieder erreicht. Ab da ist wieder von einem unkontrollierten exponentiellen Verlauf zu sprechen.


[63] Vgl. hierzu im bundesrepublikanischen Kontext: Frank Schumann: Antidemokratische Demokratiekritik, online unter: https://www.idz-jena.de/wsddet/wsd3-7/ (zuletzt eingesehen am 27.01.2021).

[64] Algemeen Dagblad: ‚Ceees Engel? Die man was compleet maf‘, 25.02.2017, online unter: https://www.ad.nl/rotterdam/cees-engel-die-man-was-compleet-maf-br~a38b7ff9/ (zuletzt eignesehen am 13.01.2021).

[65] Omroep Brabant: Fort Oranje, 06.12.2017, online unter: https://www.omroepbrabant.nl/nieuws/2510890/fort-oranje-van-gezellige-familiecamping-tot-criminele-woonwijk-tijdlijn (zuletzt eingesehen am 13.01.2021). Einem Bericht der NWZ zufolge war Pols zumindest im Jahr 2018 noch Eigentümer zahlreicher Immobilien im Rotlichtviertel von Bremerhaven. Nordwestzeitung Online: Polizisten aus Ungarn unterwegs, 03.01.2018, online unter: https://www.nwzonline.de/blaulicht/bremerhaven-oldenburg-polizisten-aus-ungarn-unterwegs-illegale-ermittlungen-in-bremerhavens-rotlichtviertel_a_50,0,2206963431.html (zuletzt eingesehen am 13.01.2021).

[66] So verbreitet die Bewegung unter anderem die Theorie vom Great Reset. Vgl. zum verschwörungsideologischen Gehalt dieser Theorie den Hintergrundbericht in der NewYork Times: The baseless ‚Great Reset‘ conspiracy theory rises again, online unter: https://www.nytimes.com/live/2020/11/17/world/covid-19-coronavirus/the-baseless-great-reset-conspiracy-theory-rises-again (zuletzt eingesehen am 14.01.2021).

[67] Facebookseite Viruswaarheid, online unter: https://www.facebook.com/Viruswaarheid (zuletzt eingesehen am 14.01.2021).

[68] Café Weltschmerz: Een crisis in den wetenschap, lockdown is een schande, 29.05.2020, online unter: https://youtu.be/H-2in_Z66F8 (zuletzt eingesehen am 13.01.2021).

[69] Hart van Nederland: Viruswaarheid protesteert luid en duidelijk bij Tweede Kamer, 17.12.2020, online unter: https://www.hartvannederland.nl/nieuws/2020/lawaaiprotest-viruswaarheid-tegenover-tweede-kamer/ (zuletzt eingesehen am 14.01.2021).

[70] Algemeen Dagblad: Jodenster-uitspraak Willem Engel zet kwaad blied bij CIDI, 06.01.2021, online unter: https://www.ad.nl/binnenland/jodenster-uitspraak-willem-engel-zet-kwaad-bloed-bij-cidi-verschrikkelijke-belediging~aa8fca21/ (zuletzt eingesehen am 29.01.2021).

[71] Hart van Nederland: Hooligans maakten plannen om te rellen bij demonstratie in Den Haag, online unter: https://www.hartvannederland.nl/nieuws/2020/hooligans-maakten-plannen/ (zuletzt eingesehen am 14.01.2021).

[72] Volkskrant: Politie maakt einde aan onrustige demonstratie Malieveld, 21.06.2020, online unter: https://www.volkskrant.nl/nieuws-achtergrond/politie-maakt-einde-aan-onrustige-demonstratie-malieveld-verricht-zo-n-400-aanhoudingen~b091ac3b6/ (zuletzt eingesehen am 14.01.2021). NOS: Den Haag verbiedt opnieuw demonstratie Viruswaanzin, online unter: https://nos.nl/artikel/2338608-den-haag-verbiedt-opnieuw-demonstratie-viruswaanzin.html (zuletzt eingesehen am 14.01.2021).

[73] Een Vandaag: Coronascepticus Willem Engel blijft strijden tegen de maatregelen, 31.12.2020, online unter: https://eenvandaag.avrotros.nl/item/coronascepticus-willem-engel-blijft-strijden-tegen-de-maatregelen-het-is-genocide/ (zuletzt eingesehen am 14.01.2021).

Autor: Dr. Felix Sassmannshausen

Erstellt: Februar 2021