Kassengesellschaft - Die Gesundheitsreform und die Deutschen

Vor dem niederländischen Arzt sind alle gleich. Auch deutsche Pendler müssen sich versichern. Diesen lästigen Aufwand hätte sich Arnold Janssen gerne erspart. Notgedrungen musste der Lehrer aus Emmerich sich eine neue Krankenkasse suchen. Arnold Janssen arbeitet für das Canisius College in Nimwegen und wurde zum 1. Januar 2006 zwangsverpflichtet, einer holländischen Krankenversicherung beizutreten. Janssen, der bislang in Deutschland privat versichert war, bekommt als Grenzpendler die Umstellung des niederländischen Gesundheitswesens persönlich zu spüren.

Zum 1. Januar 2006 wurde für gut 20.000 deutsche Grenzpendler vieles anders. Der holländische Staat krempelte sein Gesundheitswesen komplett um: Das System von Kassen- und Privatpatienten wurde aufgehoben - es gibt nur noch Kassenpatienten. „Für mich wird die Versicherung zwar etwas billiger, aber ich werde auch weniger Leistungen erhalten“, sagte Arnold Janssen vor der Umstellung. Denn er wurde niederländischer Kassenpatient und bekommt entsprechend nur Leistungen, die im niederländischen Basispaket enthalten sind. Hierzu zählen Hausarzt- und Krankenhausbesuche sowie Medikamente. Aufwändiger Zahnersatz muss extra versichert werden. Auch der Gang zu Spezialisten (Orthopäden etc.) muss eigens abgesichert sein.

Der Einschnitt ist radikal. „Dies ist der größte Eingriff seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges“, sagt Bert Kok von der niederländischen Krankenversicherung VGZ, einem der größten Versicherer des Landes. Kok tourte wochenlang durch Belgien und Deutschland, um tausenden Grenzpendlern zu erklären, was sich für sie ändern wird. Grundsatz der Reform ist, dass jeder, der in den Niederlanden arbeitet, eine Pflichtversicherung abschließt. „Wir wollen, dass alle in das Gesundheitssystem einbezahlen“, sagt Bert Kok.

In den Niederlanden sind die Gesundheitskosten in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegen. 1996 verursachte das Gesundheitssystem Kosten in Höhe von umgerechnet 27,3 Milliarden Euro. Im kommenden Jahr werden 44 Milliarden Euro benötigt, um das System aufrecht zu erhalten. „Der Einschnitt war nötig“, sagt Kok.

Wer in den Niederlanden wohnt, wurde mit Informationen über das neue Gesundheitssystem überhäuft. „Jeden Tag standen die Zeitungen voll“, erzählt Kok. Viele Niederländer waren verwirrt: „Wir haben gemerkt, dass unsere Versicherten am liebsten alles beim Alten belassen wollten“, so Kok. Längst hat ein scharfer Wettbewerb zwischen den Krankenkassen begonnen. Wer bietet die beste Grundpauschale zum günstigsten Preis? Verwirrend auch das System von Steuerrückerstattungen für Geringverdiener, Rentner oder Arbeitslose. Sozial Schwache werden vom Fiskus entlastet. Entlastet werden auch Versicherte, die nicht zum Arzt gehen. Mittels eines Bonussystems erhalten sie maximal 250 Euro von ihrer Versicherung erstattet.

Die Informationspolitik in Deutschland war dürftig. Der Emmericher Arnold Janssen wusste zwar, dass auf ihn eine Veränderung zukommt, sein Bemühen an Informationen zu kommen, schlug aber fehl: „Ich habe mehrfach versucht, mich bei der VGZ zu informieren, habe aber nie eine Antwort bekommen“, ärgert er sich.

Deutsche Grenzpendler, die künftig in Holland ihre Beiträge zahlen, können weiterhin von einer deutschen Krankenkasse betreut werden. Der Patient kann nach wie vor in Deutschland zu einem Arzt gehen und sich hier im Krankenhaus behandeln lassen. Abgerechnet wird mit der niederländischen Kasse. Hierzu benötigt man das so genannte Formular E106. Es ist bei der Krankenkasse erhältlich.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2008