VI. Wie ist das Rentensystem in NL organisiert?

Die Sozialpolitik in Deutschland und den Niederlanden hat sich ähnlich entwickelt. Es gibt aber Unterschiede: Niederländer finanzieren ihre Rente wesentlich mehr als Deutsche über Kapitalanlagen. Nur für ihre einheitliche Grundrente besteht eine Art Generationenvertrag wie in Deutschland, bei dem die jungen arbeitenden Menschen mit ihren Beiträgen den Ruhestand ihrer älteren Mitbürger finanzieren. Beide Länder erwarten Probleme mit diesem Rentensystem, weil nicht genügend junge Menschen "nachwachsen". Doch auch das Kapitalsparen für die Altersversorgung ist nicht absolut sicher. Nachlassende Konjunktur und extreme Schwankungen an der Börse machen den niederländischen Pensionsfonds zu schaffen.

Das niederländische Alterssicherungssystem ist im Prinzip universalistisch und lässt sich als Drei-Säulen- oder „Cappucino-Modell“ charakterisieren.

Die erste und zugleich die Basissäule bildet die allgemeine Altersrente AOW (Algemene Ouderdomswet), welche auf Umlagefinanzierung basiert. Diese basiert auf dem Umlageprinzip, d.h. die Rentenauszahlungen der jetzigen Rentner wird über die Rentenbeiträge der heutigen Beitragszahler finanziert. Die Zweite Säule umfasst betriebliche Altersrenten (Arbeitnehmerversicherungen), welche als Ergänzung zur AOW verstanden werden können und basiert auf dem Kapitaldeckungsverfahren. Die Dritte Säule stellt die kapitalgedeckte Privatvorsorge dar. Hierbei handelt es sich um freiwillige, teils steuerlich begünstigte Sparmaßnahmen, welche in der Regel direkt bei Versicherungsgesellschaften abgeschlossen werden.

Kurze Geschichte des niederländische Rentensystems

Der niederländische Sozialstaat arbeitet heute mit folgenden Elementen:

  1. über Steuern finanzierte Volksversicherung (Alters-Grundrente, Arbeitsunfähigkeitsrente, Krankenversicherung)
  2. beitragsfinanzierte Arbeitnehmerversicherung (Arbeitslosigkeit, Krankengeld)
  3. betriebliche Zusatzrentenstaatliche Sozialleistungen (Kindergeld, Sozialhilfe)
  4. private Versicherungen


1947 verabschiedet das Parlament in Den Haag die erste Rentenregelung, die "Noodvoorziening voor ouden van dagen". Sozialminister Willem Drees hatte den Gesetzentwurf erarbeitet. Er war dafür unter älteren Wählern als "vadertje Drees" sehr beliebt, der Volksmund wandelte den Begriff für "Unterstützung beziehen" ab: Nun hieß es "van Drees trekken" anstelle von "van de steun trekken".

Diese Pensionsregelung bildete die Grundlage für das seit dem 1. Januar 1957 geltende allgemeine Rentengesetz (Algemeene Ouderdoms Wet -AOW). Davon profitierten auch jene Niederländer, die in den davor liegenden Arbeitsjahren natürlich keine Beiträge geleistet hatten, für sie war diese Rentenregelung quasi ein Geschenk des Staates. Heute ist sie bei relativ niedrigen Verwaltungskosten die Grundlage der allgemeinen Altersversorgung.

Stefanie Tyroller

Die Niederlande zeichnen sich somit – insbesondere im Vergleich mit anderen kontinentaleuropäischen Ländern – durch einen Mix von Umlagefinanzierung und kollektiven Sparregimen einerseits, sowie individueller und kollektiver Verantwortlichkeit andererseits aus. Ferner ist für das niederländische Alterssicherungssystem charakteristisch, dass es keine berufsständischen Sondersysteme gibt und die Niederlande zu den wenigen Ländern Kontinentaleuropas gehören, in der die Rentenversorgung der Beamten nicht aus Steuern finanziert wird.

Im Zuständigkeitsbereich der Alterssicherung des niederländischen Staates liegt rechtlich gesehen nur die AOW, welche daher das einzige gesetzliche Rentenversicherungssystem der Niederlande ist und im Gesamtsystem der Sozialen Sicherung zu den Volksversicherungen zählt.

Die erste Säule: Das Allgemeine Altersrentengesetz (AOW)

Die gesetzliche Rentenversicherung bildet in den Niederlanden die erste Säule im Drei-Säulen-Modell der Alterssicherung und ist als obligatorische Mindestsicherung zu verstehen, die das soziale Minimum abdeckt und sich von der Höhe am Mindestlohn orientiert.

Die Versicherung basiert auf dem Wohnsitzprinzip, unabhängig von der Nationalität des Versicherten, d.h. alle Einwohner der Niederlande zwischen 15 und 65 Jahren sind im Prinzip AOW-berechtigt. Finanziert wird die AOW im Umlageverfahren durch Arbeitnehmerbeiträge, wobei die Höhe der Beiträge progressiv an die Höhe des Einkommens gekoppelt ist. Erwerbslose und in den Niederlanden lebende Personen, bei denen das Einkommen unterhalb eines steuerlichen Grundfreibetrages liegt, werden beitragslos mitversichert. Charakteristisch ist ferner, dass (ausgenommen von möglichen AOW-Zuschlägen) andererseits kein Zusammenhang zwischen den eingezahlten Beiträgen und der Höhe der ausgezahlten AOW Renten besteht.

Einzig der Haushaltsstatus (alleinlebend oder Paar) beeinflusst die Höhe der AOW. So können AOW-Empfänger mit einem Ehepartner, der jünger als 65 Jahre alt ist, einen Partnerzuschlag erhalten. Ansonsten verringert sich die AOW durch Nebeneinkünfte oder vorhandenes Vermögen nicht. Somit erhalten selbst hohe Einkommensgruppen den vollen AOW-Betrag. Bei der AOW handelt es sich um ein „flat-benefit“-System, in dem AOW-Versicherte pro Jahr Anspruch auf 2% der Rentenleistung erwerben und somit nach 65 Jahren Anspruch auf 100% Rentenleistung haben. Ausnahmen bilden Lücken im Versicherungsverlauf oder Arbeitsaufenthalte außerhalb der Niederlande, wodurch sich folglich die Anspruchsberechtigung auf die vollen AOW-Rentenbezüge pro Jahr um 2 % verringert. AOW-Leistungen zählen nach wie vor zu den wichtigsten Einkommensquellen der über 65-jährigen.

Rentenbruch: Pensioenbreuk

Da ein wichtiger Teil der Rente über das betriebliche Kapitalsparen aufgebaut wird, macht das Phänomen des so genannten Rentenbruchs vielen Niederländern zu schaffen. Wer bis Anfang der neunziger Jahre den Arbeitgeber wechselte, konnte seine angesammelten Rentenansprüche aus dem Pensionsfonds des Betriebes meist nicht mitnehmen und musste in dem Fonds des neuen Betriebes neu anfangen zu sparen. Berechnungsfaktoren für den später auszuzahlenden Rentebetrag wie Dienstalter und Einkommenshöhe im ehemaligen Betrieb gingen damit verloren. Dadurch haben Teilzeitkräfte, Arbeiter in flexiblen Beschäftigungsverhältnissen und die in den Niederlanden weit verbreiteten Zeitarbeiter oft Probleme, genügend Rentenansprüche zu erwerben. Seit 1994 garantiert ein Gesetz die Mitnahme dieser einzelnen Rentenberechnungswerte. Wer in den Jahren davor seinen Betrieb wechselte, muss allerdings bei seinen Erträgen aus der Betriebsrente mit Einbußen rechen.

Aufgrund des umlagefinanzierten Charakters sieht sich die gesetzliche Rentenversicherung auch in den Niederlanden zunehmend durch den demografischen Wandel beeinflusst, wodurch sich seitens der Politik verstärkt das Bestreben offenbarte, die Regelaltersgrenze der AOW zu erhöhen. Bis Dato führte dies jedoch nicht zu einer Erhöhung des offiziellen Rentenzugangsalters und kann die AOW daher nach wie vor als ein „mijnveld voor politici“ (Dt. Minenfeld für Politiker) bezeichnet werden.

Stattdessen wird bereits seit dem Jahr 2000 von staatlicher Seite versucht, die gesetzliche Rentenversicherung mit Hilfe eines AOW-Sparfonds mit frischem Kapital zu versorgen. Hierbei handelt es sich, verkürzt ausgedrückt, um einen Teil der Bruttostaatsschuld, welcher für die Stützung der AOW reserviert wird und dessen Fondsvermögen ab dem Jahre 2020 für die Finanzierung der Rentenausgaben genutzt werden soll.

Die Zweite Säule: Betriebliche Rentenvorsorge

Die zweite Säule der niederländischen Alterssicherung bilden die betrieblichen Rentenregelungen für Arbeitnehmer. Hierbei handelt es sich um Betriebsrenten, die, da sie als eine Form des Lohns betrachtet werden, durch die Sozialpartner ausgehandelt werden. Betriebliche Altersrenten werden gemäß dem Gesetz „Pensioen- en Sparfondswet (PSW)“ entweder durch branchenweite Rentenfonds, betriebliche Rentenfonds oder durch den Abschluss von Versicherungsvereinbarungen mit einer Versicherungsgesellschaft in Form einer Direktversicherung getroffen. Die Rolle des Staates reduziert sich in der zweiten Säule auf das Garantieren der durch die Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinbarten Regelungen der Rentenvereinbarungen. Dieses ist im Pensioen- en spaarfondswet (PSW) geregelt.

Zwischen erster und zweiter Säule besteht ein enger Zusammenhang, da durch die Kombination von AOW und Betriebsrente erreicht werden soll, in ausreichendem Maße den Lebensstandard aufrecht erhalten zu können. Die betrieblichen Rentenregelungen werden daher auch „aanvullende pensioensregelingen“ (dt: ergänzende Rentenregelungen) genannt. Konkret bedeutet dies, dass zusammen mit der AOW ein Gesamtrenteneinkommen (exklusive etwaiger Einkommen aus der Dritten Säule) von 70 Prozent des letzten Einkommens erzielt werden soll. Dieses im Jahre 1969 initiierte Leistungsniveau ist allerdings nicht gesetzlich fixiert und daher nur als Richtwert anzusehen.

Vorruhestand: vervroegde uittreding (VUT)

Seit den 70er Jahren arbeiten in den Niederlanden immer weniger Menschen bis zum Alter von 65 Jahren. Das gesetzliche Regelpensionsalter sank dadurch von 65 Jahren de facto auf etwa 60 Jahre. Die bekannteste Möglichkeit ist der Vorruhestand, dessen Leistungen bisher über die Lohnnebenkosten finanziert werden. Frührente und Altersteilzeit sind weitere Alternativen. Es gibt zahlreiche verschiedene Regelungen für Vorruhestand, Frührente und Altersteilzeit. Sie sind in den Tarifverträgen festgelegt. Den Unternehmen sind diese Regelungen in den letzten Jahren zu teuer geworden. Derzeit stehen verschiedene so genannte flexible Frührenten-Systeme (flexible pensioen) zur Diskussion. Sie basieren auf individuellem Kapital sparen anstelle von solidarischen Fonds. Der größte niederländische Gewerkschaftsdachverband Federatie Nederlandse Vakbeweging (FNV) erwartet, dass es 2010 keine der herkömmlichen Vorruhestands-Regelungen (VUT) mehr gibt.

Da die AOW lediglich als Grundsicherung angelegt ist und durch dem meist obligatorischen Charakter der Betriebsrenten, weist die zweite Säule in den Niederlanden ein hohes Partizipationsniveau auf. In 2006 haben rund 91 Prozent der Arbeitnehmer zusätzliche Rentenansprüche über Betriebsrenten aufgebaut. Bemerkenswert hieran ist, dass dieses hohe Beteiligungsniveau trotz Fehlens einer grundsätzlichen gesetzlichen Verpflichtung für Arbeitgeber, ihrer Belegschaft Rentenzusagen zu erteilen, erzielt wurde. Dieses wird in den Niederlanden vielmehr dadurch erreicht, da per Gesetz vorgegeben ist, dass per Tarifvertrag abgeschlossene Altersvorsorgeregelungen in entsprechendem Unternehmen gleichsam für alle Beschäftigten gelten. Zum anderen kann auf Initiative von Arbeitgeber- oder Arbeitnehmervertretern der Minister für soziale Angelegenheiten von der Möglichkeit gebrauch machen, Unternehmen zur Teilnahme an einem branchenweiten Rentenfonds zu verpflichten – so beispielsweise geschehen im Bau- und Metallsektor. Die in der zweiten Säule aufgebauten Rentenansprüche sind bei einem Wechsel des Arbeitgebers vollständig übertragbar.

Dass diese Maßnahme genutzt wird und durchaus wirksam ist, zeigen aktuelle Zahlen der Vereniging voor Bedrijfstakpensioenfondsen, einer Vereinigung der Rentenversicherungen eines Wirtschaftszweiges. Demnach bauen 75 Prozent der Niederländer, die zusätzliche Rentenansprüche aufbauen, diese bei Rentenfonds der jeweiligen Wirtschaftszweige auf. Dennoch besitzen oftmals kurzzeitig oder nie am Erwerbsleben beteiligte Personen (des Öfteren Frauen und Langzeitarbeitslose), kaum bzw. gar keine Rentenansprüche aus Betriebsrenten.

Die Dritte Säule:  Die Private Vorsorge

Neben AOW und Betriebsrentenregelungen stützt sich das niederländische Alterssicherungssystem noch auf eine dritte, kapitalgedeckte Säule, welche allen Personen offen steht. Die in der dritten Säule vorgenommene Privatvorsorge erfolgt entweder über eine Renten- oder eine Lebensversicherung.

Wer hat den niederländischen Rentensparstrumpf in der Hand?

Die Spitzen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen haben in den Niederlanden entscheidenden Einfluss auf die Rentenerträge, da sie gemeinsam die betrieblichen Pensionsfonds verwalten - Ende 2002 ein Vermögen von rund 400 Milliarden Euro. Die klassischen Gegner bei Tarifverhandlungen treten der Politik gegenüber gemeinsam als mächtige Pensionslobby auf und bestimmen so in Rentenfragen den politischen Kurs mit. Jedes Jahr legen die Vorstände der Pensionsfonds aufs Neue fest, wie viel Beiträge die Arbeitnehmer zahlen müssen und wie viel die Rentner ausgezahlt bekommen. Deren Rentenzahlungen werden dabei an die Preisentwicklung angepasst (indexatie). Die Pensionsfonds arbeiten mit ihrem Kapital auf den freien Finanzmärkten, um Erträge zu erwirtschaften. Während des Börsenbooms der neunziger Jahre ging das gut, Rentner bekamen angenehme Rentenanpassungen und die Beiträge waren stabil. Angesichts der aktuellen Konjunktur- und Börsenflaute wird nun darüber gestritten, welche Teilnehmer die finanziellen Einbußen ausbaden sollen - die Beitragseinzahler oder die Rentner. In den Niederlanden stehen die Vorstände der Pensionsfonds unter strenger Aufsicht. Dennoch können Arbeitnehmer einen Teil ihrer Pensionsansprüche verlieren. Die bekanntesten Beispiele sind der Autohersteller DAF und der Flugzeugbauer Fokker. Beide Unternehmen gingen Anfang der 90er Jahre in Konkurs und konnten noch ausstehende Arbeitgeber-Beiträge nicht mehr an die Fonds zahlen. Teilweise stehen die Forderungen noch heute aus. Die bei den Arbeitgebern bisweilen übliche Praxis Beiträge erst nachträglich an die Fonds zu überweisen wurde darauf hin verboten.

Die dritte Säule des niederländischen Alterssicherungssystems nimmt zwar im Gegensatz zu den Alterssicherungsmaßnahmen der ersten und zweiten Säule eine noch eher marginale Rolle ein, gewinnt allerdings im Kontext aktueller und zukünftiger demografischer Entwicklungen, aber auch durch Veränderungen in der Bemessungsgrundlage der AOW zunehmend an Bedeutung. So würde ein heute zuschlagsberechtigtes Paar pro Jahr durch den in 2015 einsetzenden Wegfall des Partnerzuschlages Einkommenseinbußen in Höhe von 698,62 EUR pro Monat oder 8383,56 EUR pro Jahr hinnehmen müssen. Aus diesem Grunde können Personen, die angeben können, zum Zeitpunkt der Pensionierung von Rentenlücken betroffen zu sein, ihre private Altersvorsorge daher steuergünstig betreiben.


Autoren: Boris Krause und Anneke Wardenbach

Erstellt: Januar 2008