V. Limburg, das Florida der Niederlande?

Auch seine beiden Söhne sind inzwischen weggezogen. „Sie wären gerne hier geblieben“, sagt Harry Berben. Doch welche Jobs gibt es für einen Profi-Musiker oder einen studierten Ökonom in Heerlen? Nicht nur aus seinem persönlichen Umfeld kennt der 68-jährige das große Problem seiner Stadt, das die Niederländer „Entgrünung“ (Ontgroening) nennen. Als Seniorenratsvorsitzender der Gemeinde Heerlen beschäftigt er sich täglich mit dem Problem, dass die Jungen wegziehen und die Alten zurückbleiben. Gekoppelt mit einer niedrigen Geburtenrate und der Tatsache, dass die Alten immer älter werden, zeichnet sich ein düsteres Bild: Heerlen schrumpft und vergreist.

Doch dieses Szenario findet sich nicht nur in Heerlen. Die gesamte Provinz Limburg verliert Einwohner. Innerhalb von fünf Jahren sank die Bevölkerungszahl in der Provinz um fast 10.000 von 1,14 auf 1,13 Millionen Einwohner. Den Löwenanteil des Bevölkerungsverlustes hat neben Heerlen die Provinzhauptstadt Maastricht zu tragen. Prognosen sagen voraus, dass 2020 nur noch gut 1 Million Menschen in Limburg leben werden.

Ein Grund für den Bevölkerungsschwund: So wie Harry Berbens Söhne verlassen pro Jahr etwa 12.000 Menschen die Provinz in Richtung Norden. Auch wenn das zentrale niederländische Statistikamt keine Gründe für den Wegzug der Menschen erfasst, dürften die Gründe ähnlich sein wie bei den beiden Akademikern. Denn fast die Hälfte der Wegzügler lässt sich im benachbarten Nordbrabant nieder, wo mit Eindhoven und `s Hertogenbosch wichtige Industriezentren sitzen und die Arbeitslosenrate mit 5,4 Prozent unter dem landesweiten Durchschnitt von 6,5 Prozent liegt. In Limburg lag sie im vergangenen Jahr bei 7,3 Prozent.

Bevölkerungsschwund und geringe Geburtenrate

„Die Jungen ziehen weg, weil es hier keine Arbeit für sie gibt“, sagt denn auch Monika Leurs vom Pressebüro der Stadt Heerlen. Gut finden das die Stadträte natürlich nicht, und so schreiben sie wie auch ihre Kollegen in den Nachbarstädten in den kürzlich abgeschlossenen Koalitionsverträgen Konzepte fest, um den Trend zu stoppen. Arbeitsplätze sollen angesiedelt, die Städte kulturell und optisch anziehender gemacht werden. Doch das Unterfangen, in die abgelegene niederländische Provinz Industrie zu ziehen, bleibt schwierig. Und nur weil eine Stadt kulturell anziehend ist, kann sie keine neuen Bewohner locken.

Schwer ins Gewicht fällt beim Bevölkerungsschwund der Provinz die im Landesvergleich geringe Geburtenrate. Mit 1, 6 liegt sie an zweitletzter Stelle, nur noch von der nördlichsten Provinz Groningen unterschritten. Der geplante Ausbau der Kinder- Jugendeinrichtungen in Heerlen oder Schulneubauten und bessere Kinderbetreuung in Vaals sind Ansätze, dem Problem zu begegnen. Freilich hilft das in einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen im Familiengründungsalter sind, nicht wirklich entscheidend weiter.

Serviceleistungen für die Zukunft

Bleiben die Alten, die immer mehr und immer älter werden. Im Jahre 2020 sollen über 23 Prozent der limburgischen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein, so die Prognose. Die Provinz nimmt dabei eine Spitzenposition im Land ein. In Heerlen liegt der geschätzte Prozentsatz bei gut 22 Prozent. Das Grenzstädtchen Vaals ist mit geschätzten 28 Prozent von der Vergreisung besonders stark betroffen. Unter 30-Jährige stellen hier im Jahr 2020 nur noch 23,3 Prozent der Bevölkerung.

Harry Berben beschäftigt sich seit 8 Jahren mit dieser Entwicklung. Er weiß, was zu tun ist: „Wir müssen die Stadtviertel so gestalten, dass die Menschen dort möglichst selbständig alt werden können.“ Statt ständig neue Einkaufs-Boulevards vor den Toren der Stadt zu errichten, müsse die Einkaufs- und Versorgungsstruktur wieder zurück in die Stadtviertel kehren. Wohnungen und Häuser müssen umgebaut werden, damit Menschen darin, auch mit Rollstuhl, alt werden können. Serviceleistungen, die von alten Menschen nur mehr schwer zu bewältigen sind, müssen von außen kommen. „Eine Waschmaschine bedienen kann jeder, aber bügeln wird im Alter zur Schwerstarbeit“, so Berben. Die Umbaumaßnahmen sowie das erweiterte Serviceangebot schaffe zudem Arbeit und Arbeitsplätze, so Berben.

Neue Arbeitsplätze durch Alte

Berben hat vor allem das Wohl der alten Menschen im Blick, die laut dem Gesetz „gesellschaftliche Unterstützung“ ab 2007 ohnehin möglichst in ihren eigenen vier Wänden und mit Hilfe der Nachbarschaft alt werden sollen, statt im Seniorenheim ihren Lebensabend zu verbringen. Manche Städte und Gemeinden in der Grenzregion sehen die zunehmende Vergreisung jedoch nicht nur als Aufgabe, sondern als große Chance.

„Die Versorgung alter Menschen wird neue Arbeitsplätze in der Altenpflege mit sich bringen, damit können wir junge Familien an die Stadt binden. Außerdem heißen wir gut verdienende Senioren in Maastricht herzlich willkommen. Sie können hier ihren Ruhstand genießen und ihr Geld ausgeben“, heißt es aus dem Maastrichter Rathaus.

Hier deutet sich eine Perspektive an, die zunehmend Anhänger in der Region findet. Als Alterssitz eigne sich die Provinz besonders gut, weil sie mit einer malerischen, für die Niederlande ungewöhnlichen Natur aufwarten kann, sagen Befürworter. Geringe Bevölkerungsdichte, schöne Wanderwege und hübsche Ausflugsziele werden als Pluspunkte gesehen. Die Vision, Limburg als Florida der Niederlande zu etablieren, ist zweifelsohne reizvoll. Die Hauptprobleme der Provinz wären mit einem Schlag beseitigt. Das Arbeitslosenproblem hätte sich angesichts des intensiven Personalbedarfs in altersgerechten Einrichtungen in Luft aufgelöst. Limburg würde als Zentrum gut betuchter, spendabler Senioren einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung erleben. Selbst das Bevölkerungswachstum würde plötzlich wieder nach oben zeigen.

Ähnliche Probleme in Nordrhein-Westfalen

Harry Berben lässt sich von solchen Visionen nicht blenden. Er arbeitet mit seinen Kollegen weiterhin an einer Stadtviertelstruktur, in der alle Altersgruppen ihre Heimat finden. Von reinen Seniorenstädten hält er nichts: „Nicht nur ein Kind braucht ein ganzes Dorf, um groß zu werden. Es bedarf auch eines ganzen Dorfes, um alt werden zu können“. Auch die Provinzregierung unterstützt das Konzept der Seniorenstädte á la Florida, das in einigen anderen Provinzen gerade getestet wird, nicht.

Limburg befindet sich in seiner Bevölkerungsentwicklung auf einem ähnlichen Weg wie Nordrhein-Westfalen. Dort fällt in kürzlich veröffentlichten Prognosen die Altersverteilung sogar noch etwas schärfer aus. Optimisten sehen darin vielleicht noch mehr Potential. Nicht nur Limburg, nein die ganze Euregio als zukünftiges Florida Europas? Realisten sehen darin wohl eher die Chance grenzüberschreitender Zusammenarbeit. So wie Harry Berben, der auch zu Seniorenräten aus dem Ruhrgebiet gute Kontakte pflegt.

Der Artikel ist am 23. Mai 2006 in der Aachener Zeitung erschienen.


Autorin: Stefanie Tyroller
Erstellt: Juni 2006