VII. Herausforderungen des demografischen Wandels an das Alterssicherungssystem


Kaum ein Politikbereich ist in den Niederlanden so deutlich mit dem demografischen Wandel verbunden, wie die Soziale Sicherung.

Demografische und gesellschaftliche Veränderungsproszesse, zeigen sich im  Alterssicherungssystem in der Kombination aus Frühpensionierung, eines durchschnittlich höheren Zugangsalters zum Arbeitsmarkt und einer insgesamt längeren Lebenserwartung. Dies bedeutet, dass während eines nunmehr verhältnismäßig kurzen Zeitraums Vermögen für eine längere Rentenbezugsperiode aufgebaut werden muss.

Knappe Rente durch „doppelte Alterung“?

Auch hier greift die „doppelte Alterung“: Die Rente muss länger gezahlt werden, während das Geld hierfür bei weniger Beitragszahlern abgeschöpft werden kann. Hierdurch müssen die bei umlagefinanzierten Rentenregelungen (AOW) gestiegenen Kosten durch eine nunmehr relativ kleinere Gruppe am Arbeitsmarkt aufgebracht werden. Dies droht letztendlich das System auf Umlagebasis langfristig in Frage zu stellen.

Das Problem der Frühpensionen – die VUT

Im Gegensatz zu Deutschland haben die Niederlande nicht in dem Maße mit so drastischen Problemen in der Rentenversicherung zu rechnen. Dies liegt vorallem daran, dass das niederländische Rentensystem auf drei Säulen basiert, die (im Gegensatz zur immer noch eher vernachlässigten Privatvorsorge in Deutschland) auch entsprechend genutzt werden.

Die Niederlande haben ein ganz anderes, eigenes Problem, das sich mit zunehmendem Alter der Bevölkerung verstärken und die Kosten explodieren lassen könnte: Die VUT. Hierbei handelt es sich um die „Vrijwillige Vervroegde Uittreding“ – einer Frührentenregelung, die es den Niederländern über Jahrzehnte hinweg ermöglichte, früher aus dem Erwerbsprozess auszuscheiden.

„Jong voor Oud“ noch zeitgemäss?

Den Ursprung hatte diese Regelung Mitte der 1970er Jahre in der NKV-Gewerkschaftsinitiative „Jong voor Oud“ (Dt: Jung für Alt), nach der für jeden älteren Arbeitnehmer, der aus dem Berufsleben ausscheiden würde, ein Arbeitsplatz für einen Jüngeren entstehen würde. Der Hintergrund hierfür war die damalige hohe (Jugend)arbeitslosigkeit in Folge der Ölkrise von 1973. Hieraus entstand nach Pilotprojekten im Bildungs- und Bausektor vor allem aber nach entsprechenden Protesten und Streiks der Rotterdamer Hafenarbeiter von 1977 die VUT als kollektive Regelung. Rückblickend kann diese als beliebte, wie makroökonomisch kostspieliges Relikt dieser Jahre betrachtet werden, mit dem älteren Arbeitnehmern die Möglichkeit gegeben wurde, in Rente zu gehen. Diese, sicherlich von guter Absicht getragene und ursprünglich zeitlich begrenzte Vorruhestandsregelung  entwickelte sich aber schnell zu einer nahezu selbstverständlichen Methode des Frühruhestandes und damit zu einer finanziellen Belastung für die Allgemeinheit, da sie auch dann noch in Anspruch genommen wurde, als sich die Arbeitsmarktlage – insbesondere für Jüngere –  entschärft hatte.

Mit der VUT auf’s Abstellgleis – ein sozialverträgliches Angebot?

So wurde die VUT in der Vergangenheit durch eine Art „Gentlemen Agreement“ der Sozialpartner unter zunehmend veränderten arbeitsmarktlichen Bedingungen dahingehend zweckentfremdet, Arbeitnehmer auf (für die Sozialpartner) sozialverträgliche Weise aus dem Berufsleben ausscheiden zu lassen, wobei dieses kostspielige Problem noch durch das massenhafte Arbeitsunfähigkeits-Erklären von nicht mehr „benötigten“ Arbeitskräften und dem damit einhergehende Zustrom in Arbeitsunfähigkeitsrenten, den WAO-Renten, verschärft wurde. VUT-Regelungen werden sozialpartnerschaftlich auf Betriebs- und Branchenniveau ausgehandelt und unterscheiden sich daher hinsichtlich der Bedingungen, der Höhe der Leistung und des Pensionsanfallsalters. Allen VUT-Regelungen ist jedoch im Prinzip gemein, dass sie eine der AOW vorgelagerte, mehrjährige Frühpension – meist ab 60 Jahren – ermöglichen, dem Bezieher ein Einkommen von 80 Prozent des letzten Bruttoeinkommens ermöglichen und sich VUT-Ansprüche reduzieren bzw. wegfallen können, wenn zusätzliche Einkünfte aus Erwerbsarbeit erzielt werden.

Frührenten in den Niederlanden - ein „offer you cannot refuse“?

Die Beliebtheit der VUT war hoch, die Zugangshürden zu VUT-Maßnahmen bisher jedoch relativ niedrig. Erstgenanntes ist vor allem auf die Steuerbegünstigung der VUT-Beiträge der Arbeitnehmer zurückzuführen, wobei von einer doppelten Steuerbegünstigung gesprochen werden kann. So konnte zum einen der vom Lohn einbehaltene VUT-Beitrag steuerlich geltend gemacht werden und fand eine Besteuerung erst zum Zeitpunkt der Rentenauszahlung statt. Dieses wird mit dem Wort „omkeerregel“ (Dt: Umkehrungsregel) beschrieben. Zum anderen resultiert aus dem Vorruhestand gemäß VUT nicht selten ein weiterer Steuervorteil, indem VUT-Empfänger in für sie günstigere Steuerklassen fallen können. Die VUT wird in der Wissenschaft rückblickend treffend als „offer you cannot refuse“ betrachtet. Ein Angebot, das zum einen nicht ausgeschlagen werden kann, das im Lichte der vergrijzing jedoch äußert kostspielig, wenn nicht unbezahlbar zu werden drohte und schließlich das aus der VUT bedeuten sollte.


Autor: Boris Krause
Erstellt: Januar 2008