II. Der Wandel im Überblick – Bevölkerungsentwicklung

Grundsätzlich wird die demografische Entwicklung durch drei Komponenten bestimmt.

  1. Erstens der Fertilität (dem Geburtenverhalten)
  2. Mortalität (der Sterblichkeit)
  3. Migration (Wanderungsverhalten).

Um die erste Komponente für die Niederlande zu betrachten ist nachfolgend die Bruttogeburtenziffer, als auch die Geburtenrate pro Frau aufgeführt. Die Bruttogeburtenziffer (Geburten oder Todesfälle) entspricht der Anzahl der Lebendgeburten bzw. Todesfälle im Mittel der Bevölkerung für ein bestimmtes Jahr. Dieses ist eines der einfachsten Indikatoren, um Veränderungen des Bevölkerungsumfangs auszublenden.

Die Geburtenrate geht in den Niederlanden seit Jahren zurück

Bis 1890 “schwingt” die Bruttogeburtenziffer um einen Wert von 35 und sinkt danach auf einen Wert von 20 zu Beginn des zweiten Weltkriegs. Das Geburtenhoch der Nachkriegszeit wird 1946 mit einem Wert knapp über 30 erreicht. Der Rückgangsprozess vor dem Weltkrieg wird nach 1965 fortgesetzt, um sich seit 1975 auf einem stagnierenden Niveau zu halten. Dieser Faktor blendet jedoch die Altersstruktur der Bevölkerung aus. Wird diese anhand der durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau betrachtet, sind seit dem Zweiten Weltkrieg deutliche Veränderungen zu betrachten.

Bekamen Frauen des Jahrgangs 1875 noch durchschnittlich vier Kinder, ging diese Zahl für Frauen des Jahrgangs 1900 auf 2,9 zurück um 1945 mit einem Wert von 2,0 unter das Reproduktionsniveau (2,1) zu fallen. Für den Jahrgang 1960 ist eine Zahl von 1,8 zu erwarten, die nunmehr deutlich unter dem Bestandhaltungsniveau liegt.

Durch die Betrachtung der Durchschnittlichen Anzahl der Geburten pro Frau pro Kalenderjahr, lässt sich überdies – ähnlich wie in anderen europäischen Ländern –  in den Niederlanden deutlich die Phase des „Babybooms“ und des „Pillenknicks“ beobachten. So liegt die Anzahl der Geburten nach dieser Betrachtung bei 4 Kindern pro Frau und damit ein Kind über der durchschnittlichen Geburtenzahl der Frauen der Jahrgänge 1915-1925. Weiter ist deutlich der „Pillenknick“ zu betrachten, der in den Niederlanden Mitte der 1970er Jahre einsetzte.

Liberale Gesetzesänderungen hinsichtlich des Schwangerschaftsabbruchs und die Legalisierung von Antikonzeptiva führten zum „Pillenknick“, mit dem Effekt, dass die Geburtenziffern in den Niederlanden bis auf ein stagnierendes Niveau sanken.

Wissenschaftliche Dokumentation: Überalterung in den Niederlanden

Der Wetenschappelijk Raad voor het Regeringsbeleid (WRR) hat 1999 einen ausführlichen Bericht zur Frage der Überalterung und der Veränderungen im Lebenslauf der jüngeren Generationen erarbeitet. Aufgabe des Rates ist, der niederländischen Regierung wissenschaftliche Informationen über grundlegende Gesellschaftliche Entwicklungen zur Verfügung zu stellen. Der Bericht kann auf der Homepage des WRR als PDF- Dokument herunter geladen werden.
WRR-Bericht Generatiebewust beleid 1999

Die Problematik besteht nun zum einen darin, dass es sich aus historischer Perspektive um eine neue Kinderlosigkeit handelt – das heißt einer die diesmal nicht durch Kriege, Hungersnöte, oder Seuchen etc. geprägt ist. Es kann daher als eine durch die sozialen Umstände zwar verursachte, aber auf individuellen Entscheidungen zurückzuführende Kinderlosigkeit bezeichnet werden. Insbesondere die Emanzipation, Verschiebungen auf den  Koordinatenachsen des Wertesystems, der Anstieg der Erwerbsbeteiligung von Frauen und damit zusammenhängende Hinausschieben der ersten Geburt (aktuell liegt das Durchschnittsalter hier bei 29 Jahren gegenüber 24 Jahren um 1970) lassen sich als weitere, neue Ursachen des demografischen Wandels (hier: in Form des Geburtenrückgangs) identifizieren. Aber auch externe Faktoren wie etwa wenig und teurer Wohnraum und andere individuelle Entscheidungen in Bezug auf das Bildungs-, Erwerbs- und Familienleben zählen hierzu.

Flankiert bzw. verschärft wird diese Tatsache durch die zweite Komponente (Mortalität), in Form einer anhaltenden Verlängerung der Lebenserwartung, wie sie in der nachfolgenden Abbildung dargestellt ist.

Diese ist primär durch den medizinischen Fortschritt bedingt. Das hat zur Folge, dass Männer in den Niederlanden heute ein Durchschnittslebensalter von knapp 77 Jahren erreichen, Frauen werden im Schnitt 81 Jahre alt. Abgesehen von der Streitfrage, welche Durchschnittslebensalter zukünftig genau erreicht werden, ist es für die Wissenschaft nahezu Konsens, dass die Lebenserwartung in den kommenden Jahrzehnten in den Niederlanden noch zunehmen wird, wobei das Sterbealter von individuellen, sozioökonomischen Rahmenbedingungen (wie Einkommenslage, Bildungsniveau, Wohnsituation, Lebensstil) abhängig bleiben wird.


Autor: Boris Krause
Erstellt: Januar 2008