Auswanderung aus den Niederlanden

Hohe Bevölkerungsdichte, steigende Kriminalität, schlechtes Wetter. Es gibt einige Gründe, die Niederlande zu verlassen. Und darum wollen immer mehr Niederländer weg aus ihrer Heimat. Nach nur etwa 82.000 im Jahr 1995 waren es 2009 immerhin rund 112.000.

Irene de Groot will nach Australien. Genauer gesagt nach Millicent, einer 5.000-Einwohner-Stadt im Südosten Australiens, etwa sechs Autostunden westlich von Melbourne. In Millicent war sie vor ein paar Jahren schon mal. Drei Wochen lang hat sie auf einer Farm gearbeitet, Kühe gemolken, Schafe geschoren, Pferde gepflegt. Das hat ihr so gut gefallen, dass sie diesen Sommer wieder hin will. Nur: Dieses Mal vielleicht für immer: „Zur Zeit arbeite ich als Floristin“, sagt die 28-jährige aus Hoogwoud, einer Kleinstadt etwa 50 Kilometer nördlich von Amsterdam. „Aber ich will lieber wieder mit Tieren arbeiten. Da findet man in Holland nur schwer einen Job. Und als mich die Australier gefragt haben, ob ich fest auf der Farm arbeiten möchte, da hab ich Ja gesagt.“

Informationsmöglichkeit Auswanderungsmesse

Ende Juni ist es so weit. Dann wird Irene ihre Koffer packen, sich von ihrer Familie verabschieden und die etwa 17.000 Kilometer nach „Down Under“ fliegen. Bis dahin ist noch eine Menge zu erledigen. Denn Irene muss nicht nur Wohnung und Floristenjob in Hoogwoud kündigen. Bevor sie in Australien landet, braucht sie unter anderem auch ein Visum. Und darum steht Irene seit zehn Minuten in der Warteschlange der australischen Einwanderungsbehörde – Stand 150 auf der Emigratie Beurs, einer der größten Auswanderungsmessen Europas. Die Messe findet jährlich, jeweils im Frühjahr, im Messezentrum Houten bei Utrecht statt.

Etwa 6.000 potentielle Emigranten waren im März 2006 zur Auswanderungsmesse gekommen. Zwei Tage lang konnten sie sich dort über all das schlau machen, was man als Emigrant so wissen muss. Botschaften informierten über Einreisebestimmungen, Sprachschulen über Kurse und Arbeitsvermittler über Jobs. In drei abgetrennten Sälen gab es Vorlesungen, Filme, Diavorträge und Workshops. Und natürlich eine Cafeteria, in der man sich mit Gleichgesinnten über das beste Auswanderungsland streiten konnte.

Frans van Houten, Organisator der Auswanderungsmesse, ist zufrieden: „Wir haben ganz klein angefangen vor neun Jahren“, sagt er. „damals gab es nur 30 Aussteller und 400 Besucher. Nun sind es 125 Aussteller und etwa 6.000 Besucher.“ Woran liegt das? „2006 ist das ‚Europäische Jahr der Arbeitnehmermobilität’“, sagt Frans van Houten. „Darum wird jetzt viel mehr Werbung für Auswanderungsmöglichkeiten gemacht.“

Um Emigranten geworben wird auch bei EURES, dem European Employment Service. Auf der Homepage der europäischen Arbeitsagentur werden zur Zeit 700.000 Stellen angeboten. „Viele davon in England und Irland“, sagt Karin Staal von EURES in Amsterdam. „Dort suchen sie unter anderem Krankenhauspersonal.“ Nur: Leider wollen die meisten ihrer Kunden gar nicht auf die britischen Inseln. Sondern viel lieber nach Spanien oder Skandinavien. Karin Staal: „In Spanien kann man was in der Tourismusbranche finden. Ist aber schwierig, wegen der hohen Arbeitslosigkeit dort. In Skandinavien dagegen gibt es mehr Jobs für Ausländer.“

Eine gute Nachricht für Willem Vuyk. Der 43-jährige Hotelier aus Almere steht vor dem EURES-Infostand – und würde gerne nach Südschweden auswandern. „Ob ich da Chancen habe, weiß ich nicht so genau,“ sagt er. „Auf jeden Fall will ich weg aus den Niederlanden. Krankenversicherung, Steuern, alles ist teurer geworden in den letzten Jahren.“ Ob das Leben in Schweden tatsächlich besser und billiger ist als hier, das will Willem am EURES-Stand herausfinden. Und im Sommer - bei einem gemeinsamen Urlaub mit Frau und Kind.

Immer mehr Auswanderer

Australien, Spanien, Schweden – wollen die Niederländer etwa alle auswandern? Jedenfalls werden es immer mehr. Während 2000 nur rund 79.000 Menschen das Land verließen, waren es 2009 immerhin etwa 112.000 – 2007 konnte sogar ein Spitzenwert von rund 123.000 erreicht werden. Bei der Zuwanderung gestaltet sich die Entwicklung ähnlich: 1995 kamen etwa 96.000 ins Land. 2009 waren es dann schon rund 146.000. Unter den 112.000 Emigranten sind natürlich auch zahlreiche „Allochthone“: Marokkaner, Türken oder Surinamer, die in ihr Heimatland zurückkehren. Oder Menschen, die nur für kurze Zeit im Ausland arbeiten oder studieren wollen. Viele von ihnen sind aber auch Niederländer, die ihrer Heimat für möglichst lange Zeit den Rücken kehren wollen.

Der Grund für die Emigrationsfreude der meisten Niederländer ist nicht etwa Arbeitslosigkeit – sondern fehlende Lebensqualität. Nach einer Umfrage auf der Emigratie Beurs wollen die meisten aus den folgenden drei Gründen auswandern: 1. Die hohe Bevölkerungsdichte, 2. Die Mentalität der Niederländer, 3. Die steigende Kriminalität. Ähnliche Erfahrungen hat auch Karin Staal von EURES in Amsterdam gemacht: „Nur wenige der Menschen, die hierhin kommen, sind arbeitslos. Die meisten wollen einfach woanders ein neues, besseres Leben beginnen.“

Spitzenreiter: Kanada, Australien, Frankreich

Nur: Wo ist das Leben besser, die Landschaft schöner, die Menschen sympathischer? Der Umfrage zufolge wollen die meisten Menschen nach Kanada (17,8%) auswandern. Mit knappem Abstand folgen Australien (17,2%) und Frankreich (16,1%). In der Realität sehen die Zahlen natürlich ganz anders aus. In 2003 zum Beispiel gingen 700 Niederländer nach Kanada und 900 nach Australien. Nach Deutschland hingegen zog es 6.200, nach Belgien sogar 7.200. Tja, wer gibt schon zu, dass er nach Belgien oder Deutschland emigrieren will...

Der typische Emigrant, auch das kam bei der Umfrage heraus, ist übrigens zwischen 35 und 44, hat ein gutes Einkommen und wandert nicht alleine aus. Ungefähr so ist das auch bei Clara Boot (46) und Anita van der Meulen (42) aus Amsterdam. Beide warten am Infostand der Südafrikanischen Botschaft. Und beide wollen am liebsten nach Kapstadt. Allerdings nicht für immer: „Wir lieben Amsterdam“, sagt Clara Boot. „Hier ist unsere Heimat, hier sind unsere Freunde. Aber ein paar Jahre Abenteuer, eine neue Erfahrung – das wäre nicht schlecht.“ Auf jeden Fall wollen sie sich selbstständig machen. „Clara ist Journalistin, ich Physiotherapeutin und Webdesignerin“, sagt Anita. „Da lässt sich schon was draus machen.“

Wann es losgehen soll, das wissen beide noch nicht. „Vielleicht in zwei Jahren“, sagt Clara. „Am besten im Herbst, wenn es hier wieder kalt wird, und in Kapstadt die Sonne knallt.“ Und Anita ergänzt: „Klar ist das Klima auch ein Grund, um auszuwandern. Aber irgendwie ist uns auch das Land ein bisschen zu klein geworden. Hier gibt es zu viele Menschen und zu wenig Natur.“

Genau das ist auch der Grund, warum Irene de Groot aus Hoogwoud den Rest ihres Lebens in Australien verbringen will. In einer kleinen Stadt. Aber dafür in einem großen Land, auf einer großen Farm mit einer Menge Pferden, Schafen und Kühen. Und anders als der durchschnittliche niederländische Emigrant wird Irene auch nicht ihre Familie mit nach Millicent nehmen. „Nein“, sagt sie. „Der einzige Familienangehörige, der mich nach Australien begleitet, ist mein Hund“.


Autor: Dominic McVey
Erstellt:
März 2006
Aktualisiert: August 2010