Recht und Justiz - Personen A-Z



Johan Rudolf Thorbecke

*Zwolle, 14. Januar 1798 - †Den Haag, 4. Juni 1872 - Politiker und Staatstheoretiker

Johan Rudolf Thorbecke
J.H. Thorbecke, Quelle: NA (138-0158)

Der liberale Politiker und Gelehrte Johan Rudolf Thorbecke gilt als Vater der niederländischen parlamentarischen Demokratie. Diesen Namen verdiente er sich durch seine entscheidende Arbeit am niederländischen Grundgesetz, das 1848 verabschiedet wurde.

Thorbecke wächst in einer deutsch-niederländischen Familie auf, die sich vor allem aus Tabakhändlern zusammensetzt. Sein Vater hatte sich in Zwolle niedergelassen, hatte dort aber wenig Erfolg. Einige Jahre nach der Geburt Johan Thorbeckes am 14. Januar 1798 macht sein Vater Bankrott und findet zunächst keine andere Arbeit. Die Familie lebt daher in ärmlichen Verhältnissen und kann nur mithilfe der finanziellen Unterstützung deutscher Familienmitglieder über die Runden kommen. Trotz dieser Probleme wird Johan Thorbecke von seinem Vater immer gefördert. Da er an der Schule in Zwolle ein herausragender Schüler ist, darf er seine Studien in Amsterdam fortsetzen. Schließlich studiert er in Leiden Jura und Altphilologie. An der Leidener Universität promoviert er 1820 im Alter von 22 Jahren in den Klassischen Sprachen.

Thorbecke hat auch im Studium an der Universität herausragende Leistungen erbracht. Daher bietet man ihm die Gelegenheit, eine Studienreise nach Deutschland zu unternehmen. In der Zeit, die er an den Universitäten in Giessen und Göttingen verbringt, macht er mit dem Liberalismus Bekanntschaft. 1825 lässt er sich in Gent als Professor der politischen Wissenschaften nieder. Als in Belgien aber 1830 der Aufstand gegen die niederländische Herrschaft ausbricht, muss Thorbecke Gent verlassen. Er folgt einem Ruf nach Leiden, wo er eine Professorenstelle für Diplomatie und Geschichte an der juristischen Fakultät antritt. Ab 1840 beginnt er außerdem, sich politisch zu engagieren.

Thorbecke, der von vielen Studenten wegen seiner Strenge gefürchtet wird, befasst sich in dieser neuen Funktion unter anderem auch mit dem Grundgesetz. Im Rahmen dieser Beschäftigung verfasst er das Buch 'Aantekening op de Grondwet', in welchem er darlegt, dass in der Gesetzgebung der Volksvertretung die wichtigste Rolle zukommen sollte. In den Niederlanden ist die Situation zu dieser Zeit vollkommen anders: der König und seine Minister sind diejenigen, die an erster Stelle für Gesetzgebung verantwortlich sind. Thorbeckes Buch sorgt in den Niederlanden deshalb für lebhafte Diskussionen.

Als 1848 in Frankreich, Deutschland und Belgien Aufstände ausbrechen, sieht der niederländische König Wilhelm II. sich zu raschen Veränderungen gedrängt, um mögliche Unruhen im eigenen Land von vornherein zu unterbinden. Er kündigt eine Änderung des Grundgesetzes an und beruft eine Kommission ein, die diese Veränderung vorbereiten soll. In der Kommission bekommt auch Thorbecke einen Sitz. Am 11. April 1848 präsentiert die Kommission ihre Vorschläge. Die wichtigsten sind eine direkt von der Bevölkerung gewählte Volksvertretung, der die Minister Verantwortung schulden, Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit. Das neue Grundgesetz wird angenommen und tritt am 3. November 1848 in Kraft.

Die neue Ordnung wird aber nicht von allen gleich anerkannt. Als 1853 protestantische Gruppen heftig gegen die Wiederherstellung der bischöflichen Ordnung protestieren, zeigt der neue König, Wilhelm III., laut Thorbecke zu viel Sympathie für diesen Protest, obwohl der König laut Grundgesetz keine Religion begünstigen sollte. Thorbecke nimmt diesen Vorfall zum Anlass von seinem Ministeramt, das er nach den ersten direkten Wahlen 1849 erhalten hatte, zurückzutreten; die Regierung, die er 1849 selbst gebildet hatte, wird infolgedessen aufgelöst. Thorbeckes Regierung hatte zuvor bereits ein neues Wahlgesetz verabschiedet. Von 1862 bis 1866 ist er noch einmal an der Regierung beteiligt. Außerdem bildet er 1872 eine Regierung, in der er selbst aber keinen Posten übernimmt. Kurz nach dieser Regierungsbildung stirbt Thorbecke an den Folgen einer Grippe.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Dezember 2006


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Recht und Justiz finden Sie unter Bibliographie

Drentje, Jan: Thorbecke. Een filosoof in de politiek, Amsterdam 2004.

Hooykaas, Gerard J. (Hrsg.): Thorbecke. Een leven in brieven, Amsterdam 2005.

Velde, Henk te: Stijlen van leiderschap. Persoon en politiek van Thorbecke tot Den Uyl, Amsterdam 2002.

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