Recht und Justiz - Personen A-Z


Tobias Michael Carel Asser

*Amsterdam, 28. April 1838 - †Den Haag, 29. Juli 1913 - Jurist, Diplomat, Regierungsberater, Friedensnobelpreisträger

Tobias M.C. AsserTobias M.C. Asser (1911), Quelle: Wikimedia Commons

Tobias M.C. Asser wurde 1838 in Amsterdam geboren. Wie schon sein Vater und Großvater schlug er eine juristische Laufbahn ein. Er erhielt zunächst Privatunterricht und begann 1856 das Studium der Rechtswissenschaft am Athenaeum Illustre. Schon mit 22 Jahren promovierte er 1860 in Leiden über ‚Niederländisches Staatsrecht bezüglich seiner Auswirkungen auf die auswärtigen Beziehungen‘.

1860 begann Tobias Asser seine berufliche Laufbahn als Mitglied der Internationalen Kommission für die Abschaffung von Zöllen für die Rheinschifffahrt. Gleichzeitig arbeitete er in seiner Kanzlei als Fachanwalt für Versicherungsrecht. Ab 1862 lehrte er Zivilrecht am Athenaeum in Amsterdam, aus dem später die Universität von Amsterdam hervorging. Dort hatte er von 1876 bis 1893 den Lehrstuhl für Internationales Zivilrecht, Handelsrecht, Wirtschaftsrecht, Strafrecht und Strafprozessordnung inne. Er war bekannt für seine damals unübliche Methode, die Lehrveranstaltungen durch praktische Übungen zu ergänzen. Seine Studenten hielten Plädoyers und diskutierten mit Gastprofessoren über ausgewählte Fälle. Tobias Asser veröffentlichte während dieser Zeit zwei juristische Lehrbücher mit praktischen Beispielen. 1868 hatte Tobias Asser die Revue de droit international et de legislation comparée, eine Zeitschrift für vergleichendes und internationales Recht mit begründet.

1875 war Tobias Asser zum juristischen Berater im Außenministerium berufen worden und nahm in dieser Eigenschaft an der Kongokonferenz (1884 bis 1885) teil, in der über die Handelsfreiheit und die Aufteilung des Kontinents in Kolonien befunden wurde. 1885 war er der Vertreter der Niederlande bei der Suezkanalkonferenz, auf der die Neutralisierung des Kanals und die freie Durchfahrt für alle Staaten im Krieg und Frieden verhandelt wurden. Tobias Asser zeichnete sich durch seine pragmatische und kompromissbereite Art aus, mit der es ihm meistens gelang, einen Stillstand bei Verhandlungen zu beenden. Für ihn hatte das Machbare Vorrang vor dem Dogma. Von 1888 bis 1895 war er ständiger Vertreter der Niederlande bei der Kommission für die Rheinschifffahrt, 1893 wurde er Mitglied des Staatsrates und 1904 Minister ohne Ressort.

Auf die Veranlassung von Tobias Asser wurde 1893 von der niederländischen Regierung die erste Konferenz für internationales Zivilrecht nach Den Haag einberufen. Auf ihr und den Folgekonferenzen 1894, 1900 und 1904 wurden internationale Verträge über die Vereinheitlichung der Durchführung von Zivilprozessen und des Familienrechts ausgearbeitet. Tobias Asser war ein Verfechter der friedlichen Lösung von Konflikten, sowohl bei Streitigkeiten zwischen Staaten über Gebietsansprüche oder Organisationen über Urheberrechte als auch bei privaten Auseinandersetzungen über Sorgerechtsfragen. Aus diesem Grund vertrat er die Auffassung, dass das Zivilrecht durch internationale Verträge vereinheitlicht und harmonisiert werden sollte und er initiierte die Normierung des internationalen Zivilrechts durch einen Rechtskodex.

1873 rief Tobias Asser im belgischen Gent mit elf anderen namhaften Juristen das Institut für Internationales Recht (IDI) ins Leben. Das Institut war maßgeblich an der Vorbereitung der ersten Friedenskonferenz 1899 in Den Haag beteiligt und veröffentliche Regelwerke wie zum Beispiel ‚Die Regeln des Landkrieges‘, das Vorschriften zur Kriegsführung zusammenfasste und als Leitlinie für die Gesetzgebung in den Staaten gedacht war. Das Institut für Internationales Recht erhielt 1904 für seine Arbeit den Friedensnobelpreis.

Bei den Haager Friedenskonferenzen 1899 und 1907 vertrat Tobias Asser als Delegierter die Niederlande. Auf der Konferenz 1899, die eine internationale Rechtsordnung und Normen für die friedliche Lösung bei internationalen Konflikten ausarbeitete, wurde der Ständige Schiedsgerichtshof eingerichtet, der 1900 seine Arbeit aufnahm. Tobias Asser vermittelte im Auftrag des Schiedshofes bei den Konflikten zwischen den Vereinigten Staaten und Russland über die Besitzansprüche am Beringmeer. Seit 1913 ist der Ständige Schiedsgerichtshof im Friedenspalast in Den Haag beheimatet. Hier befindet sich auch seit 1923 die von Tobias Asser geplante Den Haager Akademie für internationales Recht mit ihrer umfangreichen Bibliothek von rechtswissenschaftlichen Werken, der ‚Asser Sammlung‘.

Tobias Asser verwandte einen großen Teil des Preisgeldes des Nobelpreises, den er 1911 – als einziger Niederländer bisher – erhielt, für die Einrichtung der Bibliothek. Der Preis wurde ihm gemeinsam mit dem Österreicher Alfred Hermann Fried, dem Herausgeber der Zeitschrift Die Friedenswarte verliehen. Tobias Asser, „a Practical Legal Statesman“[1], wurde für seine Verdienste um die Kodifizierung des Rechts, die Vorbereitung und Leitung der Haager Konferenzen und seine Initiative zur Errichtung des Ständigen Schiedsgerichtshofes geehrt.

Der Präsident des Nobelpreiskomitees, Jørgen Gunnarsson Løvland, stellte Tobias Asser und die Bedeutung seiner Arbeiten zum internationalen Zivilrecht auf eine Stufe mit dem großen Rechtsgelehrten des 17. Jahrhunderts Hugo de Groot, als er sagte: „As a pioneer in the field of international legal relations, he has earned a reputation as one of the leaders in modern jurisprudence. It is therefore only natural that his countrymen should see him as a successor to or reviver of The Netherlands‘pioneer work in international law in the seventeenth century.” War Hugo Grotius der Begründer des Völkerrechts, so war Tobias Asser der Vater des internationalen Zivilrechts, denn seine Arbeiten schufen mehr Rechtssicherheit in den internationalen Beziehungen.

Nach Cornelis van Vollenhoven ist die erneute Bedeutung der Niederlande auf dem internationalen Parkett auf dem Gebiet der Rechtsprechung auf Tobias Asser zurückzuführen. Asser begründete den Anspruch der Niederlande als neutraler Staat Schiedsrichter bei Konflikten zwischen Staaten oder Organisationen zu sein – seit 1899 ist Den Haag Schauplatz internationaler Rechtsprechung. Tobias Asser erhielt zahlreiche Orden, darunter den Orden von Oranje-Nassau, wurde zum Mitglied der Ehrenlegion ernannt und erhielt unter anderem posthum die Ehrendoktorwürde der Universität Leiden.


[1] so Jørgen Gunnarsson Løvland, Präsident des Nobelpreiskomitees, bei seiner Rede zur Verleihung des Nobelpreises am 10. Dezember 1911 in Oslo, Onlineversion.

Autorin: Ingrid Wohland
Erstellt: Oktober 2012


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Recht und Justiz finden Sie unter Bibliographie

Baere, Geert de/Mills, Alex: T.M.C. Asser and Public and Private International Law: The Life and Legacy of 'a Practical Legal Statesman', in: Netherlands Yearbook of International Law, Jg. 42 (2011), S. 3–36.

Steen, Paul van der: Tobias Asser (1838-1913) strijder voor de vrede, in: Historisch Nieuwsblad Nr. 9, Jg. 18 (2009), S. 34–40.

Links

Wichtige Links zum Thema Recht und Justiz finden Sie unter Institutionen

Hintergrundinformationen zu Tobias Asser auf der website des Asser Institute


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