VI. Seit 2006: Vom Neokonservativen zum Nationalpopulisten

Am 22. Februar 2006 gründete Wilders die Partij voor de Vrijheid, vorher bekannt als Groep Wilders. Die Namenswahl ist angelehnt an seine Erklärung in Kies voor Vrijheid (Wähle die Freiheit), dass „Freiheit“ für ihn „im Mittelpunkt steht“, wobei er Freiheit sowohl im negativen Sinn (die Freiheit von fremder Beherrschung und von Zwang) als auch im positiven Sinn (Wahlfreiheit und die Freiheit, das eigene Leben einzurichten) aufzufassen scheint. Im Frühjahr 2006 veröffentlichte die PVV zwei Dokumente: die Streitschrift Klare Wijn (Reiner Wein) und das ambitioniertere politisch-philosophisch gefärbte Een Nieuw-Realistische Visie (Eine neorealistische Vision).[1] Das letztgenannte Dokument trägt stark den Stempel von Wilders’ Mitstreiter Bart Jan Spruyt und seiner Interpretation des (Neo-)Konservatismus, der durch die Sorge über die Schattenseiten der Freiheit, die perzipierte Notwendigkeit eines neuen moralischen und kulturellen Fundaments sowie durch ein Plädoyer für eine neue, konservative Bildungsoffensive charakterisiert wird, um das Land vom Mangel an Ehrgeiz, Disziplin und Anstand zu befreien. Der ambitionierte Text voller Verweise auf Philosophen wie Leo Strauss, Peter Sloterdijk und Alexis de Tocqueville sollte als ideologische Basis der PVV dienen, aber in den darauf folgenden Jahren bezogen sich Wilders und seine Fraktionsgenossen aus der PVV kaum noch darauf. Ohne dass man von einem harten Bruch sprechen könnte, ist um das Jahr 2006 eine weitere Verschiebung in Wilders’ politischem Denken und Auftreten zu bemerken.

Diese neue Phase ist Wilders’ „nationalpopulistische Phase“: Er schwächte ein paar der Kernelemente seiner neokonservativen Haltung ab und fügte neue Elemente hinzu, die dafür sorgten, dass seine Partei sich immer mehr in eine, wie es die Literatur nennt, nationalpopulistische oder populistische radikal rechte Partei verwandelte. Obwohl der Unterschied zwischen beiden Etikettierungen Gegenstand diverser wissenschaftlicher Debatten war, ist es für diesen Artikel ausreichend, darauf hinzuweisen, dass die Essenz dieses Nationalpopulismus zum einen im Widerstand gegen Zuwanderung sowie gegen supranationale Zusammenarbeit liegt. Beides wird als Bedrohung der nationalen Identität wahrgenommen. Zum anderen spielen die Wahrnehmung der bestehenden politischen Ordnung als ein moralischer Gegensatz zwischen einer korrupten Elite und einem tugendhaften Volk und das Bestreben, diese Demokratie möglichst bald dergestalt zu reformieren, dass die Stimme des rechtschaffenen „kleinen Mannes“ zum Maßstab werde, eine wichtige Rolle.[2] Der Populismusforscher Cas Mudde fügte in seinem unlängst erschienenen Übersichtswerk, in welches er Wilders leider noch nicht aufgenommen hat, noch ein weiteres Grundcharakteristikum hinzu: Autoritarismus, zu verstehen als Glaube an eine streng geordnete Gesellschaft, in der eine Unterminierung der Obrigkeit streng bestraft wird.[3]

Weitere, etwas randständigere Kennzeichen des Nationalpopulismus sind unter anderem der Widerstand gegen wirtschaftliche und kulturelle Globalisierung, Bevorzugung traditioneller Familienwerte, ein gewisser Hang zu Verschwörungstheorien und ein gewisser Opportunismus hinsichtlich wirtschaftlicher Fragen, da diese als sekundär angesehen werden. Vor allem dieser letzte Aspekt macht die, laut Mudde nicht immer deutliche, Grenze zwischen Nationalpopulisten und den meist radikalen und autoritären Neokonservativen kenntlich, denn für die Letzteren ist ökonomischer Liberalismus ein Kernthema.

Die folgenden Veränderungen, die sich seit 2006 vollzogen haben, zeigen, dass sich Wilders allmählich in ein anderes Fahrwasser begeben hat.

  1. In seinen Reden, Kommentaren und Interviews zeigt Wilders eine immer radikaler werdende Variante von Islamophobie. Diese gründet auf allerlei apokalyptischen Verschwörungstheorien zur bevorstehenden Unterwerfung Europas. Seit 2007 spielt er nach dem Vorbild der bekannten Eurabien-Theorie von Bat Ye’or darauf an, dass die massive Zuwanderung islamischer Gastarbeiter Teil einer bewussten Kolonialisierungs- und Unterwerfungsstrategie ist.[4] Geblendet vom Kulturrelativismus und besessen von der Notwendigkeit, neue Wähler für sich zu gewinnen, hätten die linken Parteien bei vollem Verstand dieser Massenzuwanderung ihren Segen gegeben und damit implizit einer Islamisierung zugestimmt. Allerlei Probleme – angefangen von der Kriminalität unter marokkanischen Jugendlichen über Importbräute und schlechte islamische Schulen bis zum Karikaturenstreit und den Unruhen in französischen Vorstädten – werden als Beweis dieser Theorie angeführt. Auch Wilders’ Rhetorik ist nun mit allerlei arabischen Begriffen gespickt (Dhimmi, Takkiya, Fitna, Dschihad, al Hijra), die auf diese heimliche Islamisierungsstrategie hinweisen. Außerdem beruft er sich zunehmend auf gelehrte Mitstreiter aus dem In- und Ausland, die immer stärker eine eigene intellektuelle Gemeinschaft bilden. Abgesehen von Bat Ye’or sind dies die Arabisten Hans Jansen, Sam Solomon, Raphael Israeli und Daniel Pipes sowie die Journalisten Rober Spencer, Bruce Bawer, Lars Hedegaard und die inzwischen verstorbene Oriana Fallaci.[5] Damit grenzt sich Wilders von einem plumpen Populismus, der rein auf Vorurteilen beruht, ab. Zugleich äußert er mehrmals seine Zweifel an der Wahrhaftigkeit augenscheinlich gut integrierter Muslime: Dem islamitischen Dogma der Takkiya zufolge sollten Muslime, die in einem nichtmuslimischen Land leben, ihre wahre Natur in Erwartung besserer Bedingungen vorläufig verbergen.[6] Damit wird der harte Assimilationskurs, den Wilders anfangs noch vertrat – gegen den Islam, aber nicht gegen Muslime –, immer mehr zu einem Kurs der totalen Ablehnung beziehungsweise einer totalen Marginalisierung von Muslimen, denen ja aufgrund des „Takkiya-Dogmas“ per definitionem nicht zu trauen sei. Konkrete Vorschläge hierzu hat Wilders nie gemacht, obwohl die von ihm geforderte Kopftuchsteuer und die Anspielungen auf die Ausweisung von Millionen von Muslimen aus Europa, die die westlichen Werte nicht in ausreichender Weise befürworten, wohl als Schritte in diese Richtung interpretiert werden könnten.
  2. Obwohl Wilders und seine Fraktionsgenossen im Islam ihren ärgsten Feind sehen, richten sich ihre Angriffe nun auch verstärkt gegen andere Zuwanderergruppen. Vor allem polnische, bulgarische und rumänische Saisonarbeiter und antillianische Immigranten geraten in die Schusslinie. Dieser breiter angelegte politische Kurs gegen Immigranten zeigt sich in dem Vorschlag, den Arbeitsmarkt für Polen, Bulgaren und Rumänen zu schließen, in dem Plädoyer, die Antillen aus dem Königsreichsverbund auszuschließen und der dringenden Anfrage an die Regierung, die Kosten der Massenzuwanderung durchrechnen zu lassen.[7] Von einem tatsächlichen Rassismus oder selbst Nativismus kann allerdings nicht wirklich gesprochen werden. Abgesehen davon, dass Wilders enge Kontakte zu abgefallenen Muslimen wie Ayaan Hirsi Ali und dem in den Niederlanden ebenfalls bekannten Ehsan Jami hat, lässt er auch die im Allgemeinen gut integrierten ethnischen Minderheiten wie die Surinamer, Molukker, die Niederländer indonesischer Abstammung (zu denen auch seine Familie zählt) und chinesische Niederländer (einer der Kandidaten auf der PVV-Liste ist chinesischer Abstammung) in Ruhe. Es ist in diesem Zusammenhang nicht ganz ohne Bedeutung, dass nicht nur Wilders selbst, sondern auch drei weitere PVV-Fraktionskollegen Partner haben, die nicht niederländischer Herkunft sind.
  3. In jenen Jahren gibt es in dem Sinne einen stärkeren Nationalismus, dass Wilders die Interessen und Werte des Nationalstaats zunehmend in den Mittelpunkt stellt und Skepsis bzw. Ablehnung gegenüber internationaler Zusammenarbeit und europäischer Integration zeigt. Seine negative Haltung gegenüber der europäischen Integration machte er schon 2005 deutlich, als er sich beim Referendum über die europäische Verfassung im Lager der Gegner positionierte. Er begründete dies damit, dass er einen Beitritt der Türkei ablehne und außerdem die Befürchtung habe, niederländische Interessen würden durch die Verfassung in Zukunft weniger Gewicht haben. Außerdem fürchtete er eine Verwässerung der niederländischen Identität. Ab 2006 forderte die PVV jedoch auch eine zurückhaltendere Rolle der Niederlande bei internationalen Friedensoperationen, und 2007 sprach Wilders sich gegen einen längeren Aufenthalt niederländischer Truppen in Uruzgan (Afghanistan) aus. Andere Länder müssten jetzt ihren Beitrag zum Kampf gegen den Terrorismus leisten, so der ehemalige Neokonservative.[8] Andere Indikatoren für einen wachsenden Nationalismus sind beispielsweise Wilders’ Forderungen, durch die Einführung verschiedener Maßnahmen mehr Nationalstolz zu zeigen (tägliche Flaggenzeremonie in Schulen, mehr Unterricht in vaterländischer Geschichte und Kultur). Er beschwert sich über die Anglisierung von (Hochschul-)Unterricht und Verwaltung und leistet Widerstand gegen die Übernahme niederländischer Betriebe und Banken durch ausländische Firmen. Überdies plädiert Wilders – wenn auch fürs Erste recht unverbindlich – für eine Vereinigung der Niederlande mit Flandern.[9]

  4. Ab 2006 weist Wilders sowohl inhaltlich als auch stilistisch zunehmend populistische Züge auf. So macht er sich immer häufiger zum Sprachrohr des angeblich mit Füßen getretenen „Volkes“, der „normalen“ Niederländer, die von der Elite im Stich gelassen worden seien und „die Islamisierung“ satt hätten. Der Niederländer brauche nicht erneut erzogen zu werden, wie dies zuvor in Nieuw-Realistische Visie noch implizit verkündet worden war, es gehe vielmehr darum, seine Stimme endlich ernst zu nehmen. Ab 2006 plädiert Wilders zunehmend für mehr direkte Demokratie, wie die Einführung von verbindlichen Referenden, die Wahl von Amtsträgern (Bürgermeister, Polizeikommissare, sogar Richter) und für Reformen des Wahlsystems. Auf ihrer im April 2010 überarbeiteten Website erklärt die PVV ganz in Übereinstimmung mit der populistischen Logik: „Wir sind für eine lebhafte Demokratie, mit Referenden in Hülle und Fülle. Nicht die politische Elite, sondern das Volk muss stärker zu Wort kommen; die Bürger wissen es gemeinsam besser als die linke Clique.“[10] Ein weiterer Indikator für seinen zunehmenden Populismus ist sein von Sprachwissenschaftlern festgestellter zunehmend vulgärer werdende Sprachgebrauch und -Stil. Minister sind „total bekloppt“ oder haben „ein Rückgrat aus Schlagsahne“, die politische Linie der Regierung bezeichnet er als „Hosenscheißerpolitik“ und die niederländischen Antillen als die „Brutstätte von Gaunern“. Kopftücher sind bei Wilders „Kopflumpen“, Muslime „Hassbärte“, und junge, marokkanische Kriminelle „Straßenterroristen“.[11] Deutlich zeigt sich dies in seinen Aufsehen erregenden Reden in der Zweiten Kammer aus den Jahren 2008 und 2009. In diesen Reden benutzt Wilders die klassische populistische Stilfigur der zwei Nationen: die falsche Nation der Elite und ihren Anhängern und die wahre, unterdrückte Nation. „Die linken, eingebildeten Intellektuellen und ihre spießigen Freunde“, die an der „Steuergeld-Infusion“ hängen, gegenüber „den Menschen, die die Rechnung bezahlen müssen [...], die beraubt und bedroht werden. Die unter den Straßenterroristen leiden, unter den hohen Steuern stöhnen und sich einfach nur soziale Niederlande wünschen.“[12]

  5. Der vielleicht wichtigste neue Akzent ist eine Kurskorrektur auf sozioökonomischem Gebiet, die sich 2006 bereits vorsichtig ankündigte und sich in den darauf folgenden Jahren durchsetzte. Wilders gab den harten, neoliberalen Kurs, bei dem er sich für unabhängig erklärt und ein sehr dogmatisches politisches Programm verfolgt hatte, auf. Er tat ihn als Jugendsünde ab und ersetzte ihn durch eine in vielerlei Hinsicht linkere Haltung. Die PVV möchte inzwischen keine Abschwächung des Kündigungsschutzes mehr. Sie möchte auch das Niveau der Mindestlöhne und Sozialhilfesätze nicht senken (wie noch 2005 behauptet). Die PVV macht sich für Investitionen in soziale und medizinische Dienstleitungen und Altenheime stark. Außerdem kämpft die PVV gegen eine Erhöhung des Rentenalters. Hierfür hat Wilders sogar angekündigt, mit den ehemals so geschmähten Gewerkschaften zusammenarbeiten zu wollen. Auf anderen Gebieten hält die Partei an alten neoliberalen Standpunkten fest. Sie fordert noch immer, in den Bereichen Asyl- und Zuwanderungspolitik, Kunst und Kultur, Entwicklungshilfe, öffentlicher Rundfunk, Umwelt- und Klimapolitik und bei der Unterstützung der niederländischen Antillen, Ausgaben zu senken und damit Kosten zu sparen.[13]

Ob dieser noch junge Kurswechsel, der oft als ein Drift „nach links“ wahrgenommen wird, von grundsätzlichem oder opportunistischem Charakter ist, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Klar ist jedoch, dass Wilders sich nicht mehr so unverrückbar wie einst an wichtigen Grundsatzwerten des Neokonservatismus ausrichtet und Teilbereiche seines politischen Programms dementsprechend geändert hat. Damit nährt er die Vermutungen, dass er Wirtschaftsfragen inzwischen als zweitrangig betrachtet. Das Gleiche kann übrigens auch bezüglich seiner außenpolitischen Standpunkte gesagt werden: Auch diese lassen kaum noch eine Affinität mit dem neokonservativen Interventionismus erkennen, und sie erhalten darüber hinaus vergleichsweise weniger Aufmerksamkeit.

Zur Erklärung für diese Verschiebungen in Wilders’ Denken sei auch hier auf einen persönlichen Faktor hingewiesen, nämlich den ständigen Personenschutz, dem Wilders seit dem Mord an Theo van Gogh im November 2004 unterliegt. Wilders’ Radikalisierung und seine gewachsene Empfänglichkeit für Komplotttheorien würden zu den in verschiedenen psychologischen Berichten festgestellten Auswirkungen passen, die eine permanente Sicherung auf den psychischen Zustand einer Person hat.[14] Da Wilders selbst jedoch die Mitarbeit an einer solchen Untersuchung kategorisch ablehnt, wissen wir natürlich nicht, ob dies für seinen konkreten Fall auch gilt. Eine andere Erklärung könnte in dem sich ändernden internationalen politischen Kontext gesucht werden, nämlich dem weltweiten Rückzug des Neokonservatismus in den Jahren 2006 und 2007. Der amerikanische Einmarsch im Irak hat sich zunehmend als Fiasko erwiesen, die Besetzung Afghanistans ist kein Erfolg geworden, und die Popularität von George Bush jr. erreichte nach 2006 sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa gewiss ihren Tiefpunkt. Durch die Finanzkrise, die im Herbst 2008 in aller Heftigkeit ausbrach, ist der ökonomische Neoliberalismus ebenfalls in die Defensive geraten. In den Niederlanden scheint der eher intellektuelle Neokonservatismus seit 2006 gleichfalls etwas auf dem Rückzug zu sein, unter anderem durch das Verschwinden der intellektuellen Plattformen wie Letter & Geest von Trouw und dem kurzzeitig erschienenen Meinungsblatt Opinio.

Ein anderer Erklärungsfaktor lässt sich in der zunehmenden politischen Isolation finden, in der sich Wilders sowohl in Den Haag als auch in der öffentlichen Debatte befindet. Neokonservative Intellektuelle, die in Scharen für Hirsi Ali in die Bresche sprangen, zeigen sich wenig interessiert und äußern sich zuweilen sogar sarkastisch über Wilders. Im Sommer 2006 verliert er sogar die Unterstützung Bart Jan Spruyts, einem der wenigen neokonservativen Intellektuellen, die ihn unterstützten. Dieser findet Wilders zu einseitig auf den Islam konzentriert, zu herrisch und zu ordinär. Auch Gespräche mit den Erben der Fortuyn-Bewegung blieben erfolglos. Dennoch gelingt es Wilders, aus dieser relativen Isolation mit seinen harten Standpunkten hinsichtlich des „Tsunami der Islamisierung“ und mit ziemlich anonymen, aber loyalen Mitkandidaten, bei den Parlamentswahlen am 22. November 2006 einen unerwarteten Erfolg zu erzielen (5,9 % gegenüber lediglich 0,64 % für seinen „fortuynistischen“ Konkurrenten). Er versteht es anschließend auch, die Öffentlichkeit mit harten, im Parlament unpopulären, aber wohl Aufsehen erregenden Vorschlägen zu beherrschen, die – wie sich zeigt – außerhalb des Parlaments mit recht viel Unterstützung rechnen können. Kurzum, die Isolation erweist sich nicht so sehr als Nachteil, sondern vielmehr gerade als Stärke, und ein gewisses Maß an Radikalisierung bringt eher Gewinn als Verlust.

Die PVV mit dem Etikett „nationalpopulistisch“ zu versehen, bleibt jedoch problematisch, vor allem, wenn man sich beim Vergleich mit anderen Parteien dieser Art auf Europa beschränkt, wie es die meisten Forscher tun. Zunächst einmal distanziert Wilders sich öffentlich von beinahe allen Parteien, die dem Nationalpopulismus zugeordnet werden, mit Ausnahme der Dänischen Volkspartei und der United Kingdom Independent Party (obgleich auch Letztere sich nicht dem Nationalpopulismus zugeordnet wissen will).[15] Seine politischen Freunde sucht Wilders demzufolge auch nicht so sehr in Europa, sondern in den Vereinigten Staaten und in Israel – vor allem in Kreisen, die in den jeweiligen Ländern als äußerst rechts gelten. So fühlt Wilders sich mit Avigdor Liebermann und seiner Partei Jisrael Beeténou sehr verbunden.[16] In den USA unterhält er Kontakte mit Personen und Organisationen, die genau wie er eine Islamisierung Europas fürchten und sich mit Israel solidarisch fühlen. Zumindest diese Ausrichtung auf die Vereinigten Staaten und Israel macht Wilders zu einem Außenseiter in der nationalpopulistischen Familie, die nicht gerade für eine exponiert pro-amerikanische oder pro-israelische Haltung bekannt ist.

Eine weitere bemerkenswerte Abweichung in den politischen Standpunkten der PVV, aus Sicht dieser nationalpopulistischen Familie, aber auch aus Sicht des Neokonservatismus, bedeuten die libertären Standpunkte in einigen ethischen Fragen. Wilders und seine Fraktionsgenossen setzen sich für das Recht auf Abtreibung ein, für Embryoselektion und aktive Sterbehilfe und stellen sich als Beschützer der feministischen und homosexuellen Emanzipationsbewegung dar, die sie als vom Islam bedroht ansehen. Es ist schwer vorstellbar, dass eine andere nationalpopulistische Partei einen Gesetzesantrag einreichen würde, mit der Forderung, homosexuelle Soldaten sollten in ihrer Uniform an der Gay-Parade teilnehmen können.[17]

Diese Abweichungen sind auffällig und machen Wilders zu einem zumindest etwas exzentrischen Mitglied der nationalpopulistischen Familie. Aber hat nicht jede Familie so ein schwarzes Schaf? Man könnte diese beiden Besonderheiten – die Ausrichtung auf Israel und die Vereinigten Staaten einerseits und den ethisch-libertären Aspekt andererseits – gleichzeitig als notwendige Bestandteile betrachten, um ein nationalpopulistisches Programm für die Niederlande akzeptabel zu machen. Die Ausrichtung auf die Vereinigten Staaten und Israel widerlegt Assoziationen mit dem Nationalsozialismus, die durch eine Ausrichtung auf belgische und französische – stärker noch österreichische oder deutsche – rechtsextremistische oder rechtspopulistische Parteien entstanden wären. Durch seine Verteidigung libertärer Errungenschaften hat Wilders es darüber hinaus verstanden, seinen spezifischen Nationalpopulismus über reine Xenophobie, Kleingeistigkeit und Ressentiments hinauszuheben – Begriffe, die in den Niederlanden ebenfalls mit Rechtsextremismus assoziiert werden. Indem er die Wahrung ethisch-libertärer Errungenschaften gegen progressive Naivität und islamitische Bedrohung hervorhebt, knüpft Wilders schließlich auch an das von vielen gelobte Gedankengut Pim Fortuyns an. So wird Fortuyn dann auch oftmals als wichtiger Geistesverwandter und Wegbereiter Wilders’ betrachtet.


[1] Klare Wijn, 2006, Een Nieuw Realistische Visie, 2006. Beide zu finden auf der Website der PVV.
[2] Lucardie, A.P.M. et al.: Rechts-extremisme, populisme of democratisch patriotisme? Opmerkingen over de politieke plaatsbepaling van de Partij voor de Vrijheid en Trots op Nederland, in: Jaarboek Documentatiecentrum Nederlandse Politieke Partijen 2007, Groningen 2007, S. 176–190; Mudde, Cas: Populist Radical-Right Parties in Europe, Cambridge 2007; Taguieff, Pierre-Andre: Political Science Confronts Populism, in: Telos Nr. 1, Jg. 103 (1995), S. 9–43; Pfahl-Traughber, Armin (Hrsg.): Volkes Stimme? Rechtspopulismus in Europa, Bonn 1994.
[3] Mudde, Cas: Populist Radical-Right Parties in Europe, Cambridge 2007; andere wichtige Werke: Pfahl-Traughber, Armin (Hrsg.): Volkes Stimme? Rechtspopulismus in Europa, Bonn 1994; Betz, H.-G.: Against the ‚Green Totalitarianism‘: Anti-Islamic Nativism in Contemporary Radical Right-Wing Populism in Western Europe, in: Schori Liang, Christina (Hrsg.): Europe for the Europeans, Aldershot/Burlington 2007; Rydgren, Jens et al. (Hrsg.): Movements of exclusion: radical rightwing populism in the Western world, New York 2005.
[4] Bat Ye’ors Theorie läuft darauf hinaus, dass europäische und arabische Politiker nach der Ölkrise des Jahres 1973 mittels einer neu gegründeten Organisation namens Europäisch-arabischer Dialog vereinbart hätten, dass arabische Immigranten im Tausch gegen Öl und den Schutz vor terroristischen Anschlägen in Scharen nach Europa kommen und ihren Glauben verbreiten durften. Die wichtigsten Werke von Bat Ye’or: Eurabia. The Euro-Arab Axis, New York 2005; Islam and Dhimmitude: Where Civilizations Collide, New York 2001.
[5] Eine Auswahl dieser Gruppe findet sich in Jansen, Hans/Snel, Bert: Eindstrijd. De finale clash tussen het liberale Westen en een traditionele islam, Amsterdam 2009. Siehe auch Carr, M.: You are now entering Eurabia, in: Race & Class Nr. 1, Jg. 48 (2006); Betz, H.-G.: Against the ‚Green Totalitarianism‘: Anti-Islamic Nativism in Contemporary Radical Right-Wing Populism in Western Europe, in: Schori Liang, Christina (Hrsg.): Europe for the Europeans, Aldershot/Burlington 2007.
[6] Hierzu äußert sich Wilders in Interviews mit NU.nl am 11. September 2008 und mit Niemöller, Joost: Ik capituleer niet, in: HP de Tijd vom 14. Dezember 2007, Onlineversion.
[7] Reden von Geert Wilders im Parlament, Handelingen Tweede Kamer vom 19. Juni 2007 und 18. Februar 2009; Rede von Sietse Fritsma im Parlament, Handelingen Tweede Kamer vom 15. November 2007. Siehe auch die von der PVV lancierte Website http://www.watkostdemassaimmigratie.nl/ und den PVV-immigratieplan: achttien maatregelen om de stroom ECHT in te dammen, Onlineversion, Abruf 26. Oktober 2007.
[8] Reden von Geert Wilders im Parlament, Handelingen Tweede Kamer vom 18. September 2008 und 18. Februar 2009.
[9] Wilders, Geert/Bosma, Martin: Nederland en Vlaanderen horen bij elkaar. Groot-Nederland De afscheiding van het gedrocht België was een historische blunder, in: NRC Handelsblad vom 31. Juli 2008, S. 7.
[10] PVV Visie, Online, Abruf 12. April 2010.
[11] Siehe hierzu Mulder, Nicole: Knettergekke ministers en ruggengraten van slagroom. Het gebruik van emotie-opwekkende retorische middelen door Geert Wilders, Abschlussarbeit Utrecht 2009, Onlineversion; Leeuwen, Maarten van: Het hoofdzinnenbeleid van Wilders, in: Tekstblad (2009), S. 6–11.
[12] Reden von Geert Wilders im Parlament: Handelingen Tweede Kamer vom 18. September 2008, 28. Mai 2009, 22. Mai 2008 und 16. September 2009.
[13] Ebd. 18. September 2008, 18. Februar 2009; Wilders, Geert: Stop met al die linkse hobbys, Column Geert Wilders auf www.stopdecrisis.nl, Abruf 1. Juli 2009.
[14] Nijdam, M.J. et al.: Psychosociale effecten van dreiging en beveiliging, Rapport in opdracht van de Nationaal Coördinator Terrorismebestrijding (NCTb), Den Haag 2008, Onlineversion.
[15] Über Kontakte zur DVP und zur UKIP: Nieuwenhuis, Marcia et al.: Wilders niet langer alleen, in: De Pers vom 4. Januar 2009, S. 1; Wilbrink, Maurice : Eindelijk samen: Wilders en Lord Pearson, in: Nederlands Dagblad vom 16. Oktober 2009, S. 6.
[16] In einem Interview mit der israelischen Zeitung Haaretz sagte Wilders über Liebermann: “Our parties may not be identical, but there are certainly more similarities than dissimilarities, and I am proud of that.“: Liphshiz, Cnaan: Dutch anti-Islam MP: Israel is West‘s first line of defense, in: Haaretz vom 18. Juni 2009, Onlineversion. Wilders fühlt sich auch mit Ariyeh Eldad und dessen Hatikva-Partei stark verbunden.
[17] Siehe beispielsweise die Rede von Fleur Agema im Parlament: Handelingen Tweede Kamer vom 2. Juli 2008; Rede von Martin Bosma im Parlament: Handelingen Tweede Kamer vom 29. Februar 2008. Der Antrag auf eine Teilnahme von Militärs in Uniform an Gay-Paraden war vom PVV-Parlamentarier Hero Brinkman am 15. Januar 2009 eingereicht worden. Der Antrag wurde angenommen.

Autor: Koen Vossen
Erschienen in: Wielenga, Friso/Hartleb, Florian (Hrsg.): Populismus in der modernen Demokratie. Die Niederlande und Deutschland im Vergleich, Münster 2011, S. 77-103 (Verlagsinfo).