III. Frühe Jahre (1963-1990)

Geert Wilders wurde 1963 in Venlo geboren, einer mittelgroßen Stadt an der deutsch-niederländischen Grenze am Fluss Maas. Seine Familie war katholisch und gehörte zur Mittelklasse. Seine eigenen Erinnerungen, aber auch verschiedene Reportagen, die inzwischen über seine Jugend gemacht worden sind, zeichnen das Bild eines bockigen, vorlauten und temperamentvollen Jungen, der große Zukunftspläne hat und andere für sich begeistern will.[1] Wodurch Wilders’ politisches Interesse und seine Auffassungen geformt worden sind, ist inzwischen Gegenstand verschiedener Spekulationen. So hat die Kulturanthropologin Lizzy van Leeuwen die politische Präferenz Wilders’ im Hinblick auf dessen Wurzeln in Niederländisch-Ostindien, dem heutigen Indonesien, und die in dieser Gruppe durch postkoloniale Traumata stark vorhandene „Identitäts-Entfremdung“ erklärt.[2] Aus Scham vor seiner Herkunft habe Wilders sogar sein Haar blondiert! Die Beweislast, die sie dafür erbringt, ist allerdings außergewöhnlich mager und besteht in erster Linie aus Hinweisen auf die konservativ-nationalistischen Vorlieben vieler anderer Niederländer indonesischer Herkunft, heute und in der Vergangenheit. Es liegt näher, sich auf das zu verlassen, was Wilders selbst über die Jahre hinweg immer wieder in Interviews als die ihn prägenden Erlebnisse genannt hat, nämlich seinen Aufenthalt in Israel zwischen seinem siebzehnten und neunzehnten Lebensjahr Anfang der 1980er Jahre und seine Zeit als Mitarbeiter des Krankenversicherungsrats und des Sozialversicherungsrats zwischen 1985 und 1990.

Wie Wilders selbst immer wieder erwähnt, ist er seit seinem Aufenthalt in Israel um 1980 fasziniert, um nicht zu sagen besessen von der Beschäftigung mit dem politischen Konflikt im Nahen Osten. Er selbst schätzt, dass er „ungefähr vierzig Mal“ nach Israel gereist ist, ebenso in die arabischen Nachbarstaaten.[3] Er steht bedingungslos auf der Seite Israels und glaubt, die Zukunft des Landes sei am besten durch eine harte, kompromisslose Linie gewährleistet, wie sie Likud-Politiker wie Ariel Sharon, Yithzak Shamir und später Benjamin Netanyahu fuhren, allesamt Männer, die die Konfrontation der friedlichen Koexistenz vorzogen.

Seine Zeit als Mitarbeiter im Sozialversicherungsrat und beim Krankenversicherungsrat nährten anschließend eine starke Ablehnung des schwerfälligen, bürokratischen niederländischen Wohlfahrtsstaats mit seinen zähflüssigen korporatistischen Verhandlungsstrukturen. Der aufregenden Zeit in Israel und den wichtigen Fragen, die dort die politische Tagesordnung beherrschten, stand die manchmal etwas kleinkariert anmutende, zerstückelte niederländische Verhandlungskultur gegenüber. Hier war Harmonie wichtiger, als Probleme und Missstände zu benennen (und zu bekämpfen), wie zum Beispiel der Missbrauch der Erwerbsunfähigkeitsrente und anderer Sozialversicherungen. Schockiert hatte Wilders festgestellt, dass die Sozialpartner das Gesetz zur Arbeitsunfähigkeitsversicherung auf Kosten der Allgemeinheit für sich ausnutzten. Es bot eine einfache Möglichkeit, sich überflüssiger Arbeitnehmer zu entledigen.[4] Mitte der 1980er Jahre schloss sich Wilders der VVD an, einer liberalen Partei, die im politischen Spektrum der Niederlande oft als die am stärksten rechtsgerichtete säkulare Partei betrachtet wird. 1990 wurde er Fraktionsmitarbeiter der VVD, der Beginn einer langen Karriere im niederländischen Parlament.


[1] Siehe hierzu: Wilders, Geert: Kies voor vrijheid. Een eerlijk antwoord, o.O. 2005; Blok, A./Melle, J. van: Veel gekker kan het niet worden. Het eerste boek over Geert Wilders, Hilversum 2008, S. 44–53.
[2] Leeuwen, Lizzy van et al.: Wreker van zijn Indische grootouders. De politieke roots van Geert Wilders, in: Groene Amsterdammer vom 2. September 2009.
[3] Wilders, Geert: Kies voor vrijheid. Een eerlijk antwoord, o.O. 2005; Hoog, Ted de: De sterke wil van Wilders, in: Nieuw Israelitisch Weekblad vom 3. Oktober 2005; Koelé, Theo/Kruyt, Michiel: Verliefd op Israel, in: de Volkskrant vom 10. April 2007, S. 13.
[4] Wilders, Geert: Kies voor vrijheid. Een eerlijk antwoord, o.O. 2005; Lammers, Esther et al.: ‚Het is leuk, die heftige reacties‘. Nieuw in de Kamer, in: Trouw vom 17. Dezember 1999, S. 2; Blok, A./Melle, J. van: Veel gekker kan het niet worden. Het eerste boek over Geert Wilders, Hilversum 2008, S. 59–60.

Autor: Koen Vossen
Erschienen in: Wielenga, Friso/Hartleb, Florian (Hrsg.): Populismus in der modernen Demokratie. Die Niederlande und Deutschland im Vergleich, Münster 2011, S. 77-103 (Verlagsinfo).