Kurzbeitrag: Der Untergang des Wahlplakats

„Meine Eltern hingen zu Wahlzeiten ein Plakat ins Fenster. Manchmal auch zwei, denn meine Mutter war stolz darauf, dass sie anders wählte als mein Vater“, so der Journalist Max Pam. Und er fährt fort: „Das gibt es alles nicht mehr. Wenn heutzutage Wahlen anstehen, kann man durch die Straßen fahren, ohne einen Hinweis darauf, dass Wahlkampf geführt wird.“ Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber für die Niederlande trifft das sicherlich zu. Wenn man heute während des Wahlkampfes überhaupt noch Parteiplakate sieht, dann an den Plakatwänden, die kurz vor den Wahlen von der Gemeinde aufgestellt werden – wie vor kurzem bei den Gemeinderatswahlen und nun wieder bei den Parlamentswahlen.

Wie anders war das früher. 1929 schrieb beispielsweise ein Journalist von Het Handelsblad: „Die Parteien haben ihre schönsten Stücke auf dem Gebiet der Plakatkunst für die letzte Woche aufgehoben. Die ganze Stadt ist bunt. Die Mauern sehen aus wie die Wände eines Ausstellungssaales, wo eine Ausstellung über ‘Kunst und Politik’ gezeigt wird.“

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg setzten die Parteien vielfältig Wahlplakate ein. Die Auflagen jener Zeit sprechen für sich. Bei den Wahlen des Jahres 1956 wurden schätzungsweise etwa 1,75 Millionen Plakate gedruckt. Bei gut sechs Millionen Wählern bedeutet das, dass auf drei Wähler ein Plakat kommt. Fünfzig Jahre später sieht das ganz anders aus. Insgesamt haben die in der Zweiten Kammer vertretenen Parteien knapp 600.000 Plakate drucken lassen und damit weniger als die PvdA oder KVP allein im Jahr 1956. Bei etwa zwölf Millionen Wählern bedeutet dies ein Plakat pro zwanzig Wähler -  sechs bis sieben Mal weniger.

Es ist offenkundig, dass die Gesamtauflage der Wahlplakate in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen ist. Das kann mit der rückläufigen Nachfrage nach diesem Medium zusammenhängen. Aus der Nationalen Wählerstudie geht nämlich hervor, dass die Anzahl an Wählern, die angibt Plakate ins Fenster zu hängen, ebenfalls stark gesunken ist. In den siebziger Jahren hingen durchschnittlich acht Prozent der Wähler ein Wahlplakat auf. Dreißig Jahre später, 1998, sollen es knapp drei Prozent gewesen sein – das scheint mir aber etwas zu hoch angesetzt zu sein, denn das würde auf beinahe 400.000 Fenster hinauslaufen.

Wie dem auch sei, es ist eine Tatsache, dass Plakate in gegenwärtigen Wahlkämpfen kaum noch sichtbar sind. Das Verschwinden der Plakate aus dem Straßenbild deutet auf eine Veränderung der politischen Kultur hin. In fernsehlosen Zeiten waren die Plakate eine der wichtigsten visuellen Ausdrucksformen der politischen Parteien. Das Aufkommen des Fernsehens als Kommunikationsmittel zwischen Politik und Bürger hat das Plakat aus dem Fenster auf die von der Gemeinde angebrachten Plakatwände verdrängt.

Zugleich ist die sinkende Anzahl an Plakaten ein Indiz für das abnehmende politische Interesse der Bürger. Selbst zu einer Zeit, in der das politische Feuer traditionell am höchsten aufflackert – während des Wahlkampfes – haben nur noch wenig Bürger das Bedürfnis, ihre Stimmwahl öffentlich kund zu tun. „Es scheint, als würden sich die Menschen schämen, ein Plakat ins Fenster zu hängen“, so der Journalist Pam.

Die quantitative Entwicklung der Wahlplakate sagt folglich, genauso wie es die Plakate in qualitativer Hinsicht tun, etwas über den Zustand der Politik in den Niederlanden aus. Die Botschaft, die die Poster verbreiten, und die Art und Weise, wie sie gestaltet sind, illustrieren die Veränderung, die die niederländische Politik im zwanzigsten Jahrhundert durchlebt hat: nämlich den Wandel von einer versäulten, ideologischen Politik hin zu einer mehr personalisierten und weniger polarisierten Form der Politik.

Zu Zeiten der Versäulung wurden weltanschauliche Ansichten ein immer wichtigeres Bindeglied für bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie die Reformierten, Katholiken und Sozialdemokraten. Der Wahlkampf hatte damals einen grundsätzlichen, dogmatischen und abstrakten Charakter. Das kam auch in den Wahlplakaten zum Ausdruck, die die Parteiideologie wiedergaben – in eine symbolische Darstellung gegossen, und oftmals mit einem deutlichen Verweis auf den politischen Gegner. Die Plakate von SDAP und CPN, auf denen es nur so von roten Flaggen, Morgenrot und Hammer und Sichel wimmelte, waren gegen den Kapitalismus gerichtet. Auf den sozialdemokratischen Plakaten wurde der Kapitalist stereotyp mit einem Zylinder und einer dicken Zigarre abgebildet. Die Gegner der Arbeiterparteien, die Liberalen und Konfessionellen, schienen davon beeindruckt zu sein. Ihre Plakate lassen darauf schließen, dass sie sich in die Defensive gedrängt fühlten. Mit gezogenem Schwert verteidigten sie die von ihnen als wichtig angesehenen Werte und setzten sich für Tradition und Stabilität ein.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand die Symbolik von den Plakaten. Während der Zeit des Wiederaufbaus in den fünfziger Jahren wurden sie nüchterner. Langsam aber sicher fingen sie an (ästhetisch) zu verarmen. Ab den sechziger Jahren rückte die Person des Politikers in den Vordergrund. Dem Fernsehen kam dabei eine bedeutende Rolle zu. Der Wahlkampf spielte sich vor allem auf dem Bildschirm ab. Dadurch wurde der Spitzenkandidat buchstäblich und bildlich mehr und mehr zum Gesicht der Partei. Diese Personalisierung beeinflusste auch die Wahlplakate. Dem Foto des Spitzenkandidaten wurde ein größerer werbewirksamerer Wert beigemessen als den symbolischen Darstellungen von einst.

Die Spitzenkandidaten posierten auch früher manchmal auf Plakaten; das waren jedoch Ausnahmen. Heute scheint eine Partei ohne den Kopf ihres Spitzenkandidaten nicht mehr auszukommen. Die Parteien profilieren sich auf ihren Plakaten nicht mehr gegenüber den anderen, indem sie wie früher ideologische Gegensätze betonen, sondern durch ein Foto des Spitzenkandidaten und eine bestimmte Farbe und Typografie. Anscheinend ist der einzige Unterschied, der noch ins Auge springt, die Farbe: SGP – orange, PvdA – rot, VVD – blau, und D66 oder CDA – grün.

So endet meine Geschichte ein wenig deprimierend. Das Plakat – lange Zeit ein kennzeichnender Bestandteil des niederländischen Wahlkampfes und damit der niederländischen politischen Kultur – ist nicht nur zahlenmäßig stark zurückgegangen, sondern ist auch qualitativ rückläufig. In künstlerischer Hinsicht ist nur noch wenig von den prachtvollen Plakaten von einst übrig. Das traditionelle Wahlplakat ist damit zu einem gefährdeten Bereich der politischen Kultur geworden – und vielleicht erwartet es dasselbe Schicksal wie beispielsweise die Banner der linken Parteien und die Massenparteiversammlungen früherer Zeiten. Die Existenz des Plakats wird künstlich in dem vom Staat subventionierten Reservat, der kommunalen Plakatwand, am Leben erhalten. Für die Zukunft sieht es eher trist aus, aber die Vergangenheit des Plakats bleibt glanzvoll.

Autor: Gerrit Voerman
Erschienen in: Vortrag anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Und dann bricht wieder der Kampf aus“ – Niederländische Wahlplakate von 1918 bis 2010 am 12. Mai 2010 in Münster.