VI. Interview mit Geert Mak: Es wird wieder ruhiger

Schriftsteller Geert Mak glaubt nicht, dass Geert Wilders Regierungsverantwortung übernehmen wird. Das niederländische Volk bewege sich wieder zur politischen Mitte

Amsterdam. Für Geert Mak ist dieser Mann das Beste, was den Niederlanden passieren konnte. Die Wahl Job Cohens zum neuen Parteivorsitzenden der PvdA, der niederländischen sozialdemokratischen Partei, sei eine „hervorragende Entscheidung gewesen.“ Job Cohen ist ein Politiker des Ausgleichs, ein Mann der Ruhe, eine väterliche Figur, die versöhnt, statt spaltet - quasi der Johannes Rau der Niederlande. In der aktuellen politischen Situation, die durch das starke Auftreten der rechtspopulistischen Partei von Geert Wilders (PVV) gekennzeichnet ist, könne dies dem Lande nur gut tun, sagt Geert Mak. „Auf so einen Politiker haben alle gewartet. Er wird das Land wieder mehr zur Mitte führen. Denn die jetzige Krise ist vor allem eine Krise der Spitzenpolitiker“.

Die Führungstroika des Landes funktioniert nicht mehr. Wouter Bos warf im März das Handtuch, weil er sich künftig mehr um seine Familie kümmern möchte. Die Nachricht schockierte viele, die Entscheidung schien aber ein guter Schachzug zu sein: „Jan Peter Balkenende, Maxime Verhagen und Wouter Bos können nicht miteinander. Während ihrer Regierungszeit hat sich in der Koalition eine Menge aufgestaut und dieses Hindernis scheint jetzt durch die Wahl Cohens aus dem Weg geräumt zu sein“, sagt Mak und fügt hinzu: „Balkenendes Zeit ist schon längst abgelaufen, jeder weiß das, nur er selbst scheint es noch nicht zu realisieren.“

Unser Nachbarland kommt nicht zur Ruhe. Geert Wilders, Rechtspopulist und selbst ernannter Moslembekämpfer, bestimmt tagtäglich die niederländischen Medien. Er will den Koran verbieten, eine Steuer für kopftuchtragende Muslima einführen und am liebsten die Marokkaner des Landes verweisen. In den Umfragewerten zu den Parlamentswahlen liegt er mit 26 Sitzen an zweiter Stelle. Nur Job Cohen scheint ihn noch in die Schranken weisen zu können, der Amsterdamer Bürgermeister wird als Retter der besonnenen Politik gefeiert. „Der richtige Mann zur richtigen Zeit.“

Für Geert Mak hat Jan-Peter Balkenende „ein schlechtes Gespür für politische Stimmungen“. Und dies werde den Christdemokraten diesmal viele Stimmen kosten. Denn die Sozialdemokraten sieht er mit Cohen auf der Siegerstraße: „Durch Cohen wird es wieder mehr menscheln. Wouter Bos war im Grunde genommen ein Technokrat. Ein guter Politiker zwar, der die Finanzkrise hervorragend gemeistert hat, aber kein Politiker mit Gefühl fürs Volk. Das ist bei Cohen anders. Er steht für das Anständige und Kultivierte in der niederländischen Politik, er ist das Gegenteil eines Straßenpolitikers. Er kennzeichnet sich durch ein großes Maß an Besonnenheit und Anstand. Manchmal hängt die politische Stimmung in einem Land ja nur von ein oder zwei Personen ab. Und wir werden jetzt sehen, dass die niederländische Politik wieder ihre Mitte finden wird. Und dass Geert Wilders in seine Schranken gewiesen wird, da wo er hingehört: an den Rand.“

Dass Wilders nach den Wahlen die Regierungsverantwortung übernehmen wird, bezweifelt Geert Mak. „Er wird auf jeden Fall nicht regieren. Das möchte er ja auch gar nicht, er fühlt sich in der Rolle der Opposition wohl. Durch seine umstrittenen Äußerungen über den Islam marginalisiert er sich selbst, und das weiß er auch. Ich rechne damit, dass er sich über die Zeit hinweg selbst auslöscht. Extrem rechte Parteien sind in den Niederlanden immer an internen Streitigkeiten zerbrochen.“ Die Partei PVV von Geert Wilders habe zu wenige Mitglieder, alle sei auf die Person Wilders zugeschnitten. Im Grunde sei die PVV eine Ein-Mann-Veranstaltung.

So wie Mak sehen es nicht alle in den Niederlanden. Ayan Hirsi Ali betont, dass Wilders gut sei für die niederländische Politik. Er sei eine Art Ventil für den Unmut der Bevölkerung. Mak widerspricht dem vehement: „Nein, Wilders ist nicht gut für die Niederlande. Er konzentriert sich ausschließlich auf das Thema Integration und verbindet dies mit seiner islamfeindlichen Haltung. Bei allem Respekt: Das ist Blödsinn.“

Die Integrationsprobleme der Niederlande seien sehr vielschichtig und hätten nicht ausschließlich mit Religion zu tun. „Wenn junge Marokkaner Probleme bereiten, dann kann man das doch nicht nur auf deren Religion begrenzen. Die jungen Leute sind doch häufig gar nicht gläubig oder gehen gar nicht in die Moschee“, sagt Mak.

Die Parlamentswahlen werden für die Niederlande sehr spannend werden. Ein deutlicher Richtungswahlkampf zwischen Cohen und Wilders zeichnet sich ab. Die Niederländer müssen sich zwischen Dialog und Konfrontation entscheiden. Geert Mak glaubt, dass 20 Prozent der niederländischen Wähler sehr erzürnt sind. „Zum Teil zurecht. Aber häufig geht es den PVV-Wählern gar nicht um das Thema Integration. In Volendam haben 40 Prozent der Wähler für die PVV gestimmt, weil sie wegen der Kürzung der Fischereiquote durch die EU unzufrieden waren. Im Gegensatz zu Geert Wilders sprach Pim Fortuyn seinerzeit viele Missstände in der Politik an: Es ging um die Gesundheitspolitik, um die Verluderung der öffentlichen Ordnung, um die Integrationsfrage, um die Rentenpolitik. Wilders geht es nur um antiislamische Töne.“

Geert Mak glaubt nicht, dass sich sein Land eine weitere Polarisierung leisten wird: „Nein, ich sehe, dass die Politik wieder den Weg zur Mitte sucht. Es heißt jetzt: Alle gegen Wilders. Er ist keine Alternative. Selbst die rechte Zeitung De Telegraaf spricht sich stark gegen Wilders aus. Es gibt in der niederländischen Bevölkerung eine starke Anti-Wilders Bewegung.“

Eigentlich hätte es in den Niederlanden schon viel früher zu scharfen Gegensätzen kommen können. Geert Mak erinnert daran, dass sich die Niederlande zwar einer Tradition der Toleranz rühmen, „die aber wesentlich im Wegschauen begründet ist. In unserem Land gab es immer viele gegensätzliche Gruppen und Religionen. In der Geschichte gab es viele kluge Politiker, die das Pulverfass gut feucht gehalten haben. Denn eigentlich sind wir eine sehr konservative Nation, mit einem ausgesprochenen Hang zu sozialem Ausgleich und gesellschaftlicher Ruhe.“

Mak hält die Niederländer für ein ausgeglichenes Volk, mit einem gewissen Hang zum Hysterischen. In den 60er Jahren seien die Niederlande lange Zeit sehr konservativ gewesen „und auf einmal schlug alles ins linke Gegenteil, ehe sich später die Lage wieder beruhigte. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir zurzeit. Die Geschichte wiederholt sich.“

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: April 2010