II. Die Kandidaten

Die Spitzenkandidaten der wichtigeren Parteien haben beinahe alle eines gemeinsam: Sie sind um die vierzig und verkörpern damit zumindest biologisch  eine neue Politikergeneration. Den Christdemokraten kam dabei eine Art  Vorreiterrolle zu, weil sie Anfang 2002 aus der Opposition heraus als erste auf  ein neues Gesicht setzten. Im Anschluss an den Mai 2002 mit dem denkwürdigen Wahlausgang um den Mord an Pim Fortuyn und dessen Folgen folgten dann mehr oder weniger zeitnah die Generationenwechsel in den anderen Partein, so dass bei der Wahl im November erstmals die 40-Jährigen das Geschehen dominieren. Durch das gemeinsame Alter enstehen bei den Kandidaten Parallelen bei ihrem Selbstverständnis von der Gesellschaft und ihrem Umgang mit den Menschen. Es  entstehen Gemeinsamkeiten durch ähnliche Lebenserfahrungen, ähnlich verlaufende Biographien. Dennoch bleiben natürlich wichtige Differenzen bei politischen Grundsätzen bestehen.

Jan Peter Balkenende (CDA)

Der Christdemokrat ist der Senior unter den  "jungen Wilden". 1958 im ländlichen Capelle geboren, wird er früh christlich  geprägt, absolviert ein Jurastudium und bleibt auf lange Sicht auf der eher  theoretischen Seite des Lebens. Er wird Hochschuldozent in Amsterdam, arbeitet  für den CDA-Thinktank und wechselt dann sehr schnell in die Politik. Er kommt zu  Amt und Würden, ohne sich groß über die sonst üblichen Stationen der Partei- und  Funktionärskarrieren abzumühen. Beinahe aus dem Nichts – in der  außerparteilichen Wahrnehmung – heraus führt er den CDA im Mai 2002 zu einem  deutlichen Wahlsieg. Bereits bei den Koalitionsverhandlungen (und später  verstärkt am Kabinettstisch) werden erste Schwächen des spröden Balkenendes  deutlich. Dem Akademiker fehlen die Ellenbogen und die Härte im Streit der  Alphatiere um die Meinungshoheit. Immer wieder lässt sich Balkenende von  eigensinnigen "Partnern" vorführen, wirkt in schwierigen Situationen oft rat-  und mutlos. Immerhin ist er zäh und lernt dazu. Mittlerweile hat der 48-jährige, verheiratete Familienvater mit eher blassem öffentlich zelebrierten  Familienleben schließlich bereits zwei Regierungskrisen weitgehend unbeschadet  überstanden und führt sein drittes Kabinett an.

Wouter Bos (PvdA)

Der Spitzenkandidat ist jung und sieht gut aus. Das  ist zumindest die Meinung vieler niederländischer Frauen. Er ist außerdem der  Liebling der Journalistinnen. Da der 43-Jährige zudem noch überzeugend auftritt,  geht seine Partei, die PvdA, trotz einiger kleinerer Pannen als Favorit in die  Wahl am 22. November. Wouter Bos, geboren und aufgewachsen in der Nähe von  Utrecht, sammelte in den ersten Jahren seiner Parteikarriere wegen drei Faktoren  Pluspunkte. Er gilt wegen seiner Arbeit für Shell als Praktiker, der etwas von  den Bedürfnissen sowohl der Unternehmer als auch deren Angestellter versteht. Er  gilt, ebenfalls wegen Shell, für die er in Asien und Osteuropa arbeitete, als hinreichend weltgewandt. Und schließlich – auch das verdankt er seinem Job –  galt der studierte Politiloge und Betriebswirt als Quereinsteiger, als er sich im Herbst 2002 nach der für die PvdA desaströsen Wahl als Spitzenkandidat  zur Verfügung stellte. Das aber war im Fortuynjahr 2002, als sich die etablierten Parteikader größter Verachtung durch das Volk "erfreuten",  beinahe die wichtigste Schlüsselqualifikation für den Wähler. Politisch und  intellektuell gilt Bos, der mit Frau und Kindern in Amsterdam Nord lebt, allerdings eher als Leichtgewicht. Sein Programm, vorgestellt in dem Buch "Dieses Land kann es viel besser", fand bei den niederländischen politischen Korrespondenten in Den Haag kaum Gnade. Wenn Wouter Bos es schafft, mit  einfachen Botschaften durch den Wahlkampf zu kommen, könnte er dennoch  erfolgreich werden. Verkaufen kann er sich und seine Anliegen immerhin.

Mark Rutte (VVD)

Seinen Aufstieg zum Spitzenkandidat der Liberalkonservativen verdankt Mark Rutte – ohne ihm zu nahe treten zu wollen – nicht in erster Linie eigenen Leistungen. Grobe Fehler des bis dahin unumstrittenen Stars der Partei, der Integrationsministerin Rita Verdonk, trieb die Parteibasis bei einer internen Abstimmung in das Lager des 39-Jährigen. Rutte vertritt bei den Liberalkonservativen dabei wohl eher den liberalen Flügel. Die Parteimitglieder,  die in den letzten Jahren eher den konservativen Block favorisierten, wurden  durch den Umgang Verdonks mit dem zweiten (allerdings schon lange Zeit sehr umstrittenen) Star der Partei verschreckt. Dass die Ministerin die Abgeordnete  Ayaan Hirsi Ali - kurz formuliert - aus dem Land vertrieb, ging vielen bei aller  Härte in Immigrationsfragen dann doch etwas zu weit. Mark Rutte jedenfalls  profitierte von dieser Affäre, die sogar die Regierung zu Fall brachte.Rutte  studierte in Leiden niederländische Geschichte und landete fachfremd bei  Unilever in der Personalentwicklung. Parteipolitische Erfahrung sammelte er als  Vorsitzender der JOVD, der Jugendorganisation der VVD und als Vorstandsmitglied  de VVD. Seit 2002 ist Rutte Staatssekretär: Zuerst im Arbeits- und  Sozialministerium und seit 2004 im Ministerium für Schule, Wissenschaft und  Kultur. Den gesamten Verlauf seiner politischen Karriere verfolgt ihn das Image  des „Muttersöhnchens“, weil er zum einen von einer alleinerziehenden Mutter  großgezogen wurde und zum anderen öffentlich bekennt, keine Beziehung zu einer  Frau eingehen zu wollen, weil es ihm „viel zu anstrengend“ sei, mit einer Frau zusammenzuleben. Seine Freizeit verbringt der denn auch häufig mit seiner  Schwester - und seiner Mutter.

Femke Halsema (GroenLinks)

Drei Gründe, so könnte man versucht sein, kurz zu formulieren, tragen zum Erfolg von Femke Halsema bei: Sie ist jung, geistreich (also entsprechend eloquent) - und steht nicht in Gefahr, in absehbarer Zeit ernsthaft Verantwortung übernehmen zu müssen. Die 40-jährige Halsema vertritt die Interessen ihrer Partei als Spitzenkandidatin bei öffentlichen Auftritten mit viel Energie, wirkt mit wohldosiertem Pathos überzeugend und kommt deshalb gut an. Die politische Konstellationen auf Landesebene sehen jedoch bis auf weiteres so aus, dass GroenLinks, auch wenn viele Sozialdemokraten heimlich mit der Partei flirten, nicht an einem Kabinett beteiligt sein wird. Das macht es einer echten Oppositionsführerin natürlich bisweilen leichter unterhaltsam aufzutreten, vor  allem dann, wenn es gegen ehemalige Parteifreunde geht. Halsema wuchs in  Enschede auf, wollte erst Lehrerin dann Sozialarbeiterin werden und landete dann  doch im Thinktank der PvdA, bevor sie die Parteibücher tauschte: Seit 1998 sitzt sie für GroenLinks als Abgeordnete in der Zweiten Kammer und übernahm 2002 den Fraktionsvorsitz von Paul Rosenmöller. Die Mutter von Zwilligen leistet in den Augen ihrer Partei offenbar derart überzeugende Arbeit, dass bei der Kür der neuen Spitzenkandidatin im Mai 2006 trotz ihres nicht unumstrittenen eher in die  liberale Richtung tendierenden Kurses nicht einmal ein Gegenkandidat antrat.

Alexander Pechtold (D66)

Alexander Pechtold hat die Ochsentour hinter sich. Als 28-Jähriger tritt  er in die linksliberale D66 ein und wird 1994 Mitglied des Gemeinderates in Leiden, wo er zuvor Kunstgeschichte und Archäologie studiert hat und als Auktionator arbeitete. 1997 wird er Stadtrat und damit hauptberuflicher  Politiker. Während seiner Jahre in Leiden hat er dann beinahe alle Ämter  durchlaufen, mit denen sich ein Kommunalpolitiker Ruhm und Ehre erwerben kann.  Er war für Umwelt zuständig, für Sport und Kultur, Schule und Verkehr,  öffentlicher Nahverkehr und Parken (!). In Leiden übte er bereits das Leben als  Spitzenkandidat und vermerkt auf seiner Homepage stolz, dass es in diesen  "schwierigen Jahren" gelang, entgegen dem Landestrend der D66 Sitze im  Stadtparlament hinzuzugewinnen.  Seit 2002 ist Pechthold dazu Vorsitzender  von D66 und von 2003 bis 2005 Bürgermeister von Wageningen. Dann folgte der  Schritt in die Landespolitik. Als Thom de Graaf, dem er einst in Leiden als  Assistent diente,  2005 als Minister für Verwaltungsreform und die  Überseeischen Gebiete urücktreten musste, beerbte er sein einstiges Vorbild.  Pechtolds Amtszeit in Den Haag währte allerdings  nur kurz, seit dem Fall  der Regierung im Mai 2006 ist er nur noch Spitzenkandidat. In dieser Zeit  schaffte er es immerhin, seine Konkurrentin, Lousewies van der Laan, an die Wand zu  drängen, so dass sie nicht einmal  mehr für die Zweite Kammer kandidiert.  Damit überhaupt ein Abgeordenter von D66 ins Parlament einzieht, muss Pechtold  zurück zu seinen Wurzeln und viel Basisarbeit leisten: Derzeit steht D66 in den  Umfragen bei marginalen ein bis zwei Sitzen.

Autor : Jan Kanter
Erstellt:
September 2006