Geert Wilders



II. Forschungsstand


Geert Wilders
Geert Wilders vor Pressevertretern im Juli 2010, Quelle: Roel Wijnants/cc-by-nc

Im Falle Wilders’ gibt es einen auffälligen Mangel an wissenschaftlichem Interesse: Beinahe fünf Jahre nach der Gründung seiner Partei im Jahre 2006 finden sich nur drei etwas ausführlichere Analysen seiner Ideen. Zum einen gibt es eine Studie der Anne-Frank-Stiftung.[1] Diese qualifizierte die PVV aufgrund der Analyse von Parteidokumenten und Interviews als eine rechtsextreme Partei, wenn auch in einer gemäßigten Form. Der vorbelastete Begriff ‚rechtsextrem‘ rief in der niederländischen Presse dennoch viel Widerstand hervor, da er implizit auf den Zweiten Weltkrieg anspielt, beziehungsweise auf die 1970er und 1980er Jahre, während derer er etwas zu häufig benutzt wurde, unter anderem von der Anne-Frank-Stiftung. Ein gewichtigeres Argument ist jedoch, dass eine Einstufung der PVV als rechtsextrem wenig aussagekräftig ist. In der Studie der Anne-Frank-Stiftung versteht man unter dem Begriff eine Orientierung auf das Eigene und eine Abkehr vom Fremden sowie einen Hang zu autoritären Strukturen. Die PVV in diesem Sinne als eine „gemäßigte rechtsextreme Partei“ einzustufen, hat, so der Politologe Paul Lucardie, auch etwas von einem Oxymoron.

Lucardie kommt in seiner Untersuchung von Wilders’ Vorstellungen, für die er vor allem Parteidokumente studiert hat, zu dem Schluss, dass Wilders und seine Fraktionsgenossen am besten als „rechte halb-liberale Nationalisten und Populisten“ beschrieben werden können.[2] Damit gehören sie zu der europäischen Familie der national-populistischen Parteien, ebenso wie beispielsweise die FPÖ aus Österreich, Vlaams Belang aus Belgien, Front National aus Frankreich und die Dansk Folkeparti aus Dänemark. Indem Lucardie sich vor allem auf offizielle Parteidokumente stützt, die 2005 und 2006 verfasst wurden, entgeht ihm jedoch eine auffällige Entwicklung hinsichtlich der politischen Ideen und des politischen Stils der PVV, die sich erst in den letzten Jahren vollzogen hat.

Diese Entwicklung zeigte sich in einer früheren, vom Autor dieses Artikels durchgeführten Untersuchung bezüglich des populistischen Gehalts in den Diskursen von Geert Wilders (und Rita Verdonk).[3] Durch die Konstruktion eines idealtypischen Populismus sollte herausgefunden werden, inwiefern das Etikett „Populismus“ auf den Diskurs und das Auftreten Wilders’ passt. Der idealtypische Populismus besteht aus den Grundzutaten „Anti-Elite und Volksverherrlichung“. Dazu kommt eine Reihe weiterer Charakteristika, die als ‚Geschmacksverstärker‘ aufgefasst werden können: eine Schwäche für Verschwörungstheorien, ein volkstümlicher Stil, ein starker Voluntarismus sowie eine Vorliebe für direkte Demokratie und charismatische Führung. Nach der Untersuchung einer Vielzahl von Quellen kam die Untersuchung zu dem Schluss, dass das Etikett ‚Populismus‘ nur zum Teil auf Wilders zutrifft. Hierbei spielte eine wichtige Rolle, dass es nur eine begrenzte Anzahl wirklich positiver Verweise auf das Volk gab und Wilders direkter Demokratie eine eher unschlüssige, reservierte Haltung entgegenbrachte. Allerdings nahmen Andeutungen auf ‚das Volk‘ im Laufe der Zeit zu, Wilders’ Sprache wurde volkstümlicher und damit populärer. Überdies befürwortete er direkte Demokratie stärker.

Die folgenden Ausführungen sollen einen weiteren Beitrag zur politischen Verortung – oder, wenn man so will, Etikettierung, – Geert Wilders’ und seiner Partei liefern. Angesichts der Tatsache, dass Wilders sowohl Gründer als auch einziges Mitglied der PVV ist, können beide Begriffe synonym verwendet werden. Der Fokus soll hierbei nicht auf einem einzigen Aspekt – Populismus – oder auf dem beschränkten Zeitraum seit der Gründung der PVV 2006 – liegen, sondern vielmehr soll die Entwicklung der politischen Denkweise – die ideologische Entwicklung Geert Wilders’ von seinem Eintritt in die Politik bis heute – analysiert werden. Man könnte von einer „Denkbiografie“ Wilders’ sprechen.

Die politisch-ideologische Biographie hat in den Niederlanden, besonders in Bezug auf zeitgenössische Politiker, eine recht bescheidene Tradition. Ausnahmen stellen hier die jüngeren Analysen der Entwicklung der politischen Ansichten Pim Fortuyns aus der Feder von Paul Lucardie und Gerrit Voerman sowie von Dick Pels dar.[4] Als Einwand gegenüber einer solchen Betrachtung wird oftmals angeführt, dass nach einer bestimmten intellektuellen Konsistenz und einem Tiefgang gesucht werde, der nicht vorhanden sei. Oder, anders ausgedrückt, ist jemand wie Wilders nicht in erster Linie ein politischer Stratege, für den Taten wichtiger sind als Worte und dem man daher auch schwer aufs Wort glauben kann? Obwohl Wilders vor allem ein praktischer Politiker und kein Intellektueller ist, wäre es doch ein Missverständnis, zu glauben, es handele sich nicht um eine ideologische Entwicklung. Denn, wie der Ideologie-Kenner par excellence, Michael Freeden, darlegt, „we are all ideologists, in that we have understandings of the political environment of which we are part, and have views of the merits and failings of that environment.“[5] Dass wir Wilders aufs Wort glauben müssen und ihm nicht verschiedene Agenden unterstellen, ist dabei vor allem eine Frage der wissenschaftlichen Lauterkeit. Wir können schlichtweg nicht unumstößlich feststellen, ob er wirklich meint, was er sagt und schreibt, ebensowenig, wie wir das von anderen Politikern mit Sicherheit wissen können. Das heißt im Übrigen nicht, dass wir keine Vermutungen über mögliche Ursachen für Verschiebungen in seinem Denken und Handeln anstellen dürfen. Das soll im vorliegenden Beitrag auf der Grundlage der verfügbaren Daten auch getan werden.

Es werden drei Phasen unterschieden, die fest mit drei politisch-ideologischen Inspirationsquellen verbunden sind. Zunächst die Phase (1990-2002), in der Wilders als Fraktionsmitarbeiter und -mitglied der Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) voller Überzeugung den Ideen und dem Stil des Parteiführers Frits Bolkestein folgt und diese verkündet. Um 2002 ändert Wilders jedoch den Kurs und lässt sich zunehmend vom erstarkenden amerikanischen Neokonservativismus und dessen niederländischen Varianten inspirieren (2002-2006). Eine dritte Phase (seit 2006) ist mit dem Namen von Bat Ye’or verbunden, einem Pseudonym für Gisèle Littman, eine britische Historikerin jüdisch-ägyptischer Herkunft, die in verschiedenen Büchern eine in ihren Augen unvermeidliche und verhängnisvolle Islamisierung Europas thematisiert hat. Nicht zuletzt unter dem Einfluss dieser Eurabien-Theorie nähert sich Wilders einer politischen Richtung, die als Nationalpopulismus bekannt ist. Bevor diese drei Phasen näher erläutert werden, soll zunächst kurz etwas über Wilders’ frühe Jahre gesagt werden.


[1] Davidović, Marija et al. (Hrsg.): Het extreemrechtse en discriminatoire gehalte van de PVV, in: Donselaar, J./Rodriques, P.R. (Hrsg.): Monitor Racisme & Extremisme, achtste rapportage Monitor Racisme (2008), Amsterdam, S. 167–199.
[2] Lucardie, A.P.M. et al.: Rechts-extremisme, populisme of democratisch patriotisme? Opmerkingen over de politieke plaatsbepaling van de Partij voor de Vrijheid en Trots op Nederland, in: Jaarboek Documentatiecentrum Nederlandse Politieke Partijen 2007, Groningen 2007, S. 176–190.
[3] Vossen, Koen: Populism in the Netherlands after Fortuyn: Rita Verdonk and Geert Wilders compared, in: Perspectives on European Politics and Society Nr. 1, Jg. 11 (2010), S. 22–38; Vossen, Koen: Hoe populistisch zijn Geert Wilders en Rita Verdonk? Verschillen en overeenkomsten in politieke stijl van twee politici, in: Res Publica. Politiek wetenschappelijk tijd schrift voor de Lage Landen, Jg. 51 (2009), S. 437–466.
[4] Pels, Dick: De geest van Pim. Het gedachtegoed van een politieke dandy, Amsterdam 2003; Lucardie, Paul/Voerman, Gerrit: Liberaal patriot of nationaal populist? Het gedachtegoed van Pim Fortuyn, in: Socialisme en Democratie Nr. 4, Jg. 59 (2002), S. 32–42.
[5] Freeden, M.: Ideology. A very short introduction, Oxford 2003, S. 1–2.

Autor: Koen Vossen
Erschienen in: Wielenga, Friso/Hartleb, Florian (Hrsg.): Populismus in der modernen Demokratie. Die Niederlande und Deutschland im Vergleich, Münster 2011, S. 77-103 (Verlagsinfo).


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Blok, A./Melle, J. van: Veel gekker kan het niet worden. Het eerste boek over Geert Wilders, Hilversum 2008.

Davidović, Marija et al. (Hrsg.): Het extreemrechtse en discriminatoire gehalte van de PVV, in: Donselaar, J./Rodriques, P.R. (Hrsg.): Monitor Racisme & Extremisme, achtste rapportage Monitor Racisme (2008), Amsterdam, S. 167–199.

Mudde, Cas: A Fortuynist Foreign Policy, in: Schori Liang, Christina (Hrsg.): Europe for the Europeans: The Foreign and Security Policy of the Populist Radical Right, Aldershot 2007, S. 209–221.

Vossen, Koen: Populism in the Netherlands after Fortuyn: Rita Verdonk and Geert Wilders compared, in: Perspectives on European Politics and Society Nr. 1, Jg. 11 (2010), S. 22–38.

Wielenga, Friso/Hartleb, Florian (Hrsg.): Populismus in der modernen Demokratie. Die Niederlande und Deutschland im Vergleich, Münster 2011. Verlagsinfo

Links

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