Archiv - Artikelserie wahlen 2006



VII. Fernsehdebatte


13. November 2006. Das Fernsehen mag Wouter Bos. Wouter Bos mag das Fernsehen: Aus der ersten Debatte, bei der die Wähler nicht nur hören sondern auch sehen konnten, ging der Sozialdemokrat als deutlicher Gewinner hervor. Allerdings hatte Bos auch nur einen Gegner, den Ministerpräsidenten – und der ist traditionell kein großer Fan publikumswirksam inszenierter Auftritte. Bei dem einstündigen Duell, welches  das einzige dieser Art vor der Wahl bleiben wird, ging es um Kindergärten, die  Alten, Immobilienförderung und Integration der Neubürger. Inhaltlich, so  konstatierten die niederländischen professionellen Beobachter der Debatte, gab  es wenig Überraschendes. Wouter Bos gab den Schützer von Witwen und Waisen, Jan  Peter Balkenende nutzte seinen "Kanzlerbonus" und kehrte den Staatsmann heraus.  Entsprechend lauteten auch die Antworten auf die Frage nach den Ambitionen  beider, falls sie nach der Wahl Premier werden sollten: Wouter Bos möchte "die  Unterschiede zwischen arm und reich, Allochtonen und Autochtonen sowie jung und  alt" vermindern. Balkenende hingegen will "die gute Arbeit fortsetzen", denn man  habe schon "viel erreicht, aber wir sind noch nicht am Ziel." Nach der Debatte  muss allerdings konstatiert werden, dass zwar auch der Fernsehzuschauer Wouter  Bos mag und ihn laut einer Blitzbefragung als Sieger sah. Aber offenbar sehen  nicht  alle  Wähler fern: In den Umfragen sackte die PvdA deutlich ab.  Da sich seit dem ersten Fernsehduell aber beinahe täglich Spitzenkandidaten auf  irgendwelchen Kanälen begegnen und dann auch noch alle miteinander reden sollen,  könnte sich noch einiges in der Wählergunst verschieben.

Neuer und alter Wahlkampf

Auch die Niederländer benutzen bereits seit einiger Zeit recht erfolgreich das Internet. Sogar Parteien und Parlament haben das Medium schon bei der vorletzten Wahl 2002 flächendeckend entdeckt. Dennoch beschäftigen sich die  Medien in den Niederlanden mit dem Thema Internet-Wahlkampf. Das könnte allerdings daran liegen, dass einige Medienschaffende endlich ebenfalls das  Internet für sich erforschen und weitgehend unvorbereitet auf eine ungeahnte  neue Welt treffen. Immerhin scheint es eine neue Qualität zu geben. Neben den  bislang häufig volkshochschulhaft inszenierten trockenen Partei-Auftritten  stellen die Kandidaten jetzt auch kleine Filmchen und Ausschnitte aus Debatten  online. So wird auch der You-Tube-Nutzer, der eigentlich eher lustige kleine Videos von tanzenden Katzen in der Mikrowelle sucht, auf die Aussagen von Mark  Rutte aufmerksam gemacht. Unterhaltsame Daten liefert mittlerweile sogar die  Analyse des Internets. Der bekannteste beziehungsweise meistgesuchte  Politiker  der Niederlande ist Geert Wilders. Das ergibt zumindest eine  Auswertung der  Häufigkeit, mit der bei Suchmaschine Google nach den   Spitzenkandidaten gesucht wurde. 20,5 Prozent der Google-Nutzer wollten mehr  über den Politiker mit der komplizierten Frisur und dem einfachen Programm (Ausländer raus und freie Fahrt auf den Autobahnen) wissen. Auf Platz zwei landete Wouter Bos, dicht gefolgt von Premier Jan Peter Balkenende.  Vernichtend endete die Untersuchung für Alexander Pechthold. Alle, die jetzt  nicht wissen, wer das ist, sollten bei Google "Lijsttrekker D66" eingeben. So  haben nämlich auch die Internetnutzer versucht herauszufinden, wie der  Spitzenkandidat der linksliberalen Partei wohl heißen könnte. Vielleicht ist  es ja deshalb auch eine gute Idee, dass Pechthold den guten alten  Straßenwahlkampf nicht vernachlässigt. Er will bis zum Wahltag alle Provinzen  besucht haben. Nur mit sorgfältiger Planung wird es ihm gelingen, sich dabei  nicht mit den anderen Kandidaten in die Quere zu kommen: Femke Halsema von den Grünen tourt seit Wochen mit dem Bus durchs Land, genau wie Geert Wilders.  Wouter Bos wiederum plant mehr als 60 öffentliche Auftritte bis zum 22. November.

Neues Selbstbewusstsein der SP

Jan Marijnissen ist der ungekrönte König der Meinungsumfragen. Bereits vor der Wahl im Januar 2003 konnte er bei Befragungen Spitzenwerte erreichen. In der vergangenen Woche gelang ihm und der sozialistischen SP ein neuer Rekord. Die Linkspartei überholte die liberalkonservative VVD und wäre - wenn Umfragewerte tatsächlich in Parlamentssitze umgewandelt werden könnten - drittstärkste Kraft im Parlament. Die jüngsten Umfragen geben Marijnissen, dem irgendjemand bereits im letzten Wahlkampf das völlig unpassende und einfallslose  (weil es mittlerweile für beinahe jeden  Niederländer, der mehr als zwei  Sätze unfallfrei geradeausreden kann, verwendet wird) Etikett „der rote Fortuyn“  angeheftet hatte, neues Selbstbewusstsein: „Wouter, das schaffst du alleine  nicht“ war seine Kampfansage. Der SP-Spitzenkandidat forderte seinen sozialdemokratischen Konkurrenten auf, sich auf eine Links-Koalition  festzulegen. Bos, der Mehrheiten zusammenzählen kann und sich ohnehin ungern  klar entscheidet, weigerte sich umgehend.

Der schwebende Wähler

33 Prozent der Wähler konnten sich bislang noch keine Meinung bilden, wen  sie am 22. November wählen wollen. Alle anderen haben sich mehr oder weniger darauf festgelegt, für die gleiche Partei wie bei der letzten Wahl stimmen zu  wollen. Im Ergebnis der Umfragen von de Hond sieht das so aus, dass die CDA mittlerweile alleine führt. Sie kommt auf 44 Sitze. Die einst so starke PvdA ist  auf 40  Sitze abgesackt. Die VVD landet bei 23, die SP bei 20 Sitzen. Die kleineren bleiben bis auf ein bis zwei Sitze stabil bei ihren Ergebnissen. Dennoch oder gerade deshalb verlangt der „Schwebende - der unentschiedene -  Wähler“ unvermindert nach dem vollen Einsatz der Politiker. Zehn Tage vor der  Wahl gelten weiter zwei Erkenntnisse: Die Umfrageinstitute sind sich erstens  nicht völlig einig. So wird die SP beispielsweise von TNS Nipo sogar bei 25  Sitzen gesehen, während der „Politieke Barometer“ die CDA sogar bei 47 Sitzen  sieht. Zweitens bleibt die Regierungsbildung bei den projektierten  Wahlergebnissen mühselig. Weder ein bürgerliches Bündnis aus CDA und VVD noch  ein linkes Lager um PvdA und SP könnten ernsthaft eine Mehrheit bilden: Beide  bräuchten derart viele Abgeordnete von Splitterparteien, dass an konstruktives  Regieren kaum zu denken wäre. Wenn dem Wähler an der Urne nicht noch ein  kreativer Zug gelingt, läuft es also auf eine große Koalition von PvdA und CDA  hinaus. Offen ist dann nur noch, wer den Ministerpräsidenten geben darf.

Autor : Jan Kanter
Erstellt:
November 2006


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